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Einzelrezension

Dard, Olivier/Sardinha-Desvignes, Ana Isabel: Célébrer Salazar en France (1930–1974). Du philosalazarisme au salazarisme français, 338 S., Lang, Frankfurt a. M. u. a. 2018.


Abstract

Franzöische Laudatio auf Salazar: Eine kritische Darstellung

Keywords: Review, Dard, Olivier, Sardinha-Desvignes, Ana Isabel, 2018, Salazar, Diktatur, Frankreich, Portugal

How to Cite:

Mouric, J., (2019) “Dard, Olivier/Sardinha-Desvignes, Ana Isabel: Célébrer Salazar en France (1930–1974). Du philosalazarisme au salazarisme français, 338 S., Lang, Frankfurt a. M. u. a. 2018.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00080-w

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-03-05

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Verglichen mit den zahlreichen Studien über die faschistische oder die NS-Diktatur ist die Anzahl der Bibliografien über das Salazar-Regime gering. Doch erschienen in Frankreich während der vier Jahrzehnte des portugiesischen „Neuen Staates“ eine Reihe von Schriften, die das Regime von Lissabon als Vorbild ansahen und seinen Chef verehrten. Das Bild des portugiesischen Regimes in Frankreich spiegelte die innere Krise der französischen III. Republik wider.

Das Buch ist in zwei Teilen gegliedert: der erste heißt „Der Diktator und seine Heldentaten 1930–1945“, der zweite „Der ‚Weise‘ im Dienste der Verteidigung des Abendlandes“. Während António de Oliveira Salazar in der ersten Periode des Regimes von der französischen Rechten als eine Alternative zur faschistischen Gewalt erschien, sah man ihn in der zweiten Periode im Rahmen des kalten Krieges als Verteidiger des christlichen Westen – nicht zuletzt weil er das portugiesische Kolonialreich hartnäckig zu bewahren versuchte. Zwischen den zwei Perioden erkennen die Autoren einen Zwischenakt, den auch das Buch von Christine Garnier „Ferien mit Salazar“ kennzeichnet.

Der Ausgangspunkt des Bandes von Olivier Dard und Ana Isabel Sardinha-Desvignes ist das Buch von António Ferro „Salazar, der Mensch und sein Werk“ das kurz nach den Unruhen am 6. Februar 1934 in Frankreich mit einem Vorwort des berühmten Paul Valéry erschien. Das Werk, begleitet von einer Selbstdarstellung Salazars, wurde zum Höhepunkt einer Propagandaoffensive. Das Regime von Lissabon erstrebte sowohl Ehrwürdigkeit als auch Prestige. 1935 lud Ferro mehrere Schriftsteller in Portugal ein, die das Klischee eines Ferienparadies verbreiten sollten: so bewunderte die Autorin Gabrielle Réval „die edle Schönheit der Bauerinnen“ (S. 108) und erzählte nichts vom Analphabetismus sowie der überall herrschenden Armut. Unter den Gästen von Ferro waren auch Maurice Martin du Gard, Georges Duhamel, Jules Romains und Jacques Maritain. Der katholische Philosoph äußerte aber Vorbehalte wegen der Einflüsse von Charles Maurras und des faschistischen Totalitarismus (S. 136–139). Wie Maritain, verweigerten Duhamel und Romains aus politischen Gründen dem Regime ihre Zustimmung.

In Frankreich dagegen sehnte sich die Rechte nach einer Lösung, die den unzulänglichen republikanischen Parlamentarismus ersetzen könnte. Teile der im Buch erwähnten Vertreter des „französischen Salazarismus“ waren rechtsradikal, wie Léon de Poncins, Verfechter der Freimauerei, oder Henri Massis, Mitglied der Action Française. Dies war aber nicht der Fall für Émile Schreiber (später Servan-Schreiber), Wegbereiter der wirtschaftlichen Presse in Frankreich und Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg (S. 86 f.). Die liberalen Wirtschaftler François Perroux und Louis Baudin rechtfertigten im gleichen Sinne den portugiesischen Korporatismus.

Als Beispiel eines französischen Salazarismus in den 1930er Jahren werden die Parti social français (PSF) des colonel de La Rocque und dessen Zeitung „Le Petit Journal“ erwähnt (S. 146). Ihr von traditionellen christlichen Werten geprägter Nationalismus erfuhr im Regime von Lissabon die Verwirklichung der eigenen Ideen. Während des Krieges wurde Portugal von den französischen Autoren als Insel des Friedens im verheerten Europa betrachtet, und Salazar von den Anhängern Philippe Pétains umso mehr verehrt.

Das Buch Garniers (1952) war ein erfolgreicher Versuch, an die Propaganda der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Wenn auch wirtschaftlich schwach, war Portugal inzwischen zu einem wichtigen Mitglied der NATO geworden, und das Weiterbestehen seines Kolonialreiches war für den Westen bedeutend. Das Buch stellt die Franzosen vor, die in diesem Zeitalter das Regime unterstützten: Jean Haupt, der offizielle Übersetzer Salazars und Herausgeber der Zeitschrift „Découvertes“, war ein Veteran des Vichy-Regimes. Ein ganz anderes Beispiel war Maurice Philip Rémy, der berühmte Widerstandskämpfer, aber auch Anhänger von Maurras. Aufgrund seines Antikommunismus und seines Glaubens an das christlichen Abendland war er „ein überzeugter französischer Salazarist“ (S. 211). So war auch Jacques Ploncard d’Assac, der zum Fürsprecher Salazars wurde: als Antisemit und Feind der Freimauerei, musste er nach dem Fall des Vichy-Regimes nach Lissabon fliehen. D’Assac wollte das französische Algerien aufrechterhalten und durfte eine Radiosendung von Lissabon aus leiten. 1966 löste er aber mit einer Huldigung von Jean Bastien-Thiry, der einen Mordversuch an de Gaulle verübte, eine diplomatische Krise aus, sodass Salazar ihn desavouieren musste (S. 265, S. 289).

Dieses Buch ist aus zwei verschiedenen Perspektiven beachtenswert: nicht nur, weil es über die politische Geschichte Portugals und Frankreichs aufklärt, sondern auch, weil es eine heuristische Geschichtsschreibung darstellt: die seit langer Zeit in Frankreich vernachlässigte Ideengeschichte kommt zurück im Rahmen der kulturellen Geschichte, nämlich die des intellektuellen Verkehrs, der politischen Anschauungen, der Netzwerke und gegenseitigen Einflüsse: „im Bezug zur Zeitgeschichte Frankreichs kann das Zeitalter von Salazar als Teil eines größeren Prozesses verstanden sein, die Suche nach der Aneignung von fremden Vorbildern“ (S. 285). Die Laudatio auf Salazar in Frankreich beruhte auf der Hoffnung in einer konservativen Modernisierung des Landes. Raymond Poincaré, André Tardieu und sogar Pétain, haben eine solche Hoffnung verkörpert. Salazar selbst wurde nicht als faschistisch empfunden: tatsächlich interessierte er kaum die faschistische PPF von Jacques Doriot und fand viel mehr Befürworter bei der konservativen PSF von François de La Rocque (ebd.).