Erstaunlich wenige wissenschaftliche Autoren machen sich klar, wie wichtig der Titel ihres Buches – immerhin meist das Werk mehrerer Jahre – ist. Denn eingängige und „knackige“ Titel werden öfter zitiert, selbst wenn der Inhalt nicht besser ist oder stärker rezipiert wurde als derjenige inhaltlich verwandter Studien.
Im Fall des vorliegenden Sammelbandes „The Foreign Political Press in Nineteenth Century London. Politics from a Distance“ liegt jedoch eine ungewöhnlich krasse Fehlleitung des (potenziellen) Lesers durch den gewählten Buchtitel vor. Die Konfusion geht keineswegs auf ein Missverständnis oder eine Ungeschicklichkeit zurück, sondern auf eine bewusste Fehlentscheidung der beiden Herausgeberinnen: Konträr zum allgemein anerkannten Verständnis von „foreign (political) press“ im Englischen, aber auch in allen anderen mir bekannten Sprachen, geht es nicht um die Auslandspresse, also um Auslandskorrespondenten, die aus einem fremden Land für ein Medium ihres Heimatlandes berichten. Im Sammelband von Constance Bantman und Ana Cláudia Suriani da Silva wird vielmehr die Exilpresse aus verschiedensten Ländern der Welt in den Blick genommen, die sich im langen 19. Jahrhundert in London mal länger, mal kürzer hielt.
Die Begründung der Herausgeberinnen (S. 4 f.), die bisher nicht mediengeschichtlich gearbeitet haben, nicht von Exilpresse (exile press), sondern von Auslandspresse (foreign press) sprechen zu wollen, ist aus zwei Gründen abseitig. Erstens sind beide Begriffe in der internationalen Medien- und Journalismusgeschichte eingeführt und als Analysebegriffe klar definiert. Zweitens sind sie auch auf zeitgenössische Quellen zurückzuführen. So wurde 1888 in London die bis heute existierende „Foreign Press Association/FPA“ gegründet – als Verband der Auslandspresse, nicht der Exilpresse.
So traurig es klingt, Studierenden sollte man allein aus diesem Grund von dem Buch abraten. Wie aufgesetzt die Begriffsverwirrung ist, zeigt zudem jeder einzelne Beitrag des Sammelbandes: Kein Autor kommt ohne Begriffe und Konzepte von Exil, Emigration, Flucht, politischem Asyl und anderen aus. Nur von Exilpresse zu sprechen, scheint allen Beiträgern untersagt worden zu sein.
Dies ist umso bedauerlicher, als die Grundidee des Sammelbandes eine Forschungslücke anspricht, nämlich die stärkere systematische und vergleichende Untersuchung der Exilpresse und ihre Einbeziehung in die internationale Medien- und Journalismusgeschichte, die allein aus sprachlichen Gründen noch immer stark nationalgeschichtlich orientiert ist. Viele der Beiträge bieten interessante und erhellende Erkenntnisse, etwa über die liberale spanische Exilpresse 1810–1841, die Exilpresse der italienischen Anarchisten oder die sozialistische deutschsprachige Exilpresse in London. Allerdings ist durchgängig bemerkbar, wie die Beiträge unter den mangelhaften theoretischen und konzeptionellen Überlegungen der Herausgeberinnen leiden. Viele relevante Aspekte hätten trotz des in einem Sammelband beschränkten Platzes zumindest angerissen werden können, etwa das soziale und gesellschaftliche Leben von Exiljournalisten, die Einbettung der Exilpresse in die Metropole London als wichtigstem Exilort der Welt, die Beziehungen zwischen den hochpolitisierten Exilpressen und den jeweiligen nicht immer politisch aktiven landsmannschaftlichen Milieus in der Hauptstadt des Britischen Weltreiches oder die Beziehungen der publizistisch tätigen Exilanten verschiedener Herkunft und verschiedener politischer Couleur untereinander. Die Aufdeckung von Kontakten zwischen Exilpresse und Auslandspresse wäre ein Schlüsselaspekt für die Untersuchungen gewesen, der aber leider zum ersten Opfer der Fehlkonzeption und Begriffsverwirrung des Buches wurde.
Für Medienhistoriker, die den Band gedanklich mit automatischer Begriffskorrektur lesen, bieten sich einige weiterführende Überlegungen der Autoren, vor allem zur transnationalen Öffentlichkeit. Desiderate zu London als multikulturellster Stadt der Welt mit einer jahrhundertealten, weltweit ausstrahlenden Pamphlet- und Buchkultur werden durchaus richtig formuliert, jedoch nicht vertieft, so die Rolle der jüdischen Presse in London und die von London aus global agierende politische Special Interest-Presse, etwa gegen die Sklaverei, für den Feminismus und das Frauenwahlrecht oder für die Dekolonisierung der Welt. Es ist daher schade, dass der Sammelband als abschreckendes Beispiel für einen exaltierten und sachlich völlig unbegründeten Umdeutungs- und Umbenennungswahn in Erinnerung bleiben wird, der Auslandspresse und Exilpresse mutwillig verwechseln wollte.