Ángel Alcaldes Studie gehört zu den zuletzt zunehmenden Arbeiten über die internationale Dimension des Faschismus. Sie beruht auf einer 2015 am European University Institute in Florenz verteidigten Dissertation. Mit ihr möchte Alcalde einen neuartigen Beitrag leisten, um das Entstehen des Faschismus aus dem militaristischen Ungeist des Ersten Weltkriegs zu erklären. Dabei setzt er sich kritisch mit der umstrittenen These auseinander, wonach die Gewalterfahrung des Weltkriegserlebnisses geradewegs eine „Brutalisierung“ (George L. Mosse) bewirkte, welche die ehemaligen Kriegsteilnehmer zu Vorkämpfern und Verfechtern des Faschismus gemacht habe.
Die Schilderung folgt der Chronologie, wobei die Jahre von 1914 bis 1940 in sechs Zeitabschnitte unterteilt sind. Für jede dieser Phasen erkundet der Verfasser, welche Rolle Massenmedien, symbolische Deutung und offizielle Gedenkrituale spielten. Außerdem trifft er Aussagen über deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.
Alcalde stellt fest, dass der frühe, von Italien ausgehende Faschismus das Kriegs- und Fronterlebnis für seine Zwecke politisch instrumentalisierte. Hier wurde Benito Mussolinis Ruf nach einer „trincerocrazia“ (einer neuen, durch die Bewährung in den Schützengräben legitimierten Aristokratie), in dem sich dessen Wendepunkt vom Sozialismus zum Faschismus manifestiert, 1917 zuerst laut (S. 28 f.). Bei Mussolini äußerte sich darin seine Enttäuschung über die Revolution in Russland, daher hatte die neue Bewegung von Anfang an eine antibolschewistische Stoßrichtung. In Deutschland, Frankreich und Spanien habe das Stereotyp rasch Fuß gefasst, sich zu einem Mythos mit eigener Symbolsprache verfestigt und in einem Narrativ niedergeschlagen, „that helped to make sense of events, providing them with deep-rooted significance“ (S. 13).
Es geht Alcalde also um ein neues Verständnis vom Faschismus als übernationales Phänomen, insbesondere um eine international vergleichende Analyse des Verhältnisses zwischen Weltkriegsveteranen und Faschismus. Um diesem in einem „systematischen Vergleich“ auf die Spur zu kommen (S. 14), bedient sich der Verfasser einer breit angelegten, über Landesgrenzen hinausgehenden Diskurs- und Symbolanalyse, mit der sich etwa der Transfer von Bildern belegen lässt. Darüber hinaus konnten Archivstudien länderübergreifende Einflüsse nachweisen. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung in Italien, wo die faschistische Bewegung sich als politische Kraft in Szene setzte, bei der das Vermächtnis der ehemaligen Kriegsteilnehmer gut aufgehoben sei. Schließlich verschaffte der Staat Mussolinis den Veteranen eine besondere Stellung in der Gesellschaft, übernahm das Weltkriegs- und Gefallenengedenken, während faschistische Repräsentanten die größten Veteranenverbände anführten.
Die Untersuchung nimmt vor allem die einschlägigen italienischen Zeitungen und Zeitschriften in den Blick – und fördert manches Neue über deren Autoren und Akteure zutage. Von den deutschen Presseorganen hat Alcalde nur wenige herangezogen. Daher auch geht der angestrebte Vergleich nicht in die Tiefe. So wird nicht deutlich, warum es trotz bereitwilliger Übernahme italienischer Vorbilder (S. 230) bis in die 1930er Jahre dauerte, dass sich die NS-Propaganda das Ziel zu eigen machte, gerade die Kriegsveteranen politisch zu gewinnen (S. 87). Und selbst zu dieser Zeit verlief die nationalsozialistische Vereinnahmung des „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ einigermaßen holprig, dem 1933 mancherorts vorgeworfen wurde, er ziehe neue Mitglieder an, die der Hitler-Bewegung bislang feindlich gegenübergestanden hätten. Auch musste er zum Ausschluss seiner jüdischen Angehörigen erst gedrängt werden.
Die Ausführungen zu den Vorgängen außerhalb von Italien sind weniger in den Gesamtzusammenhang eingeflochten, sondern vielmehr Exkurse, die Alcalde nutzt, um auch länderspezifische Eigenheiten zur Sprache zu bringen. Einige wichtige Forschungsarbeiten lässt der Verfasser unberücksichtigt (darunter Christian Haller: Militärzeitschriften in der Weimarer Republik und ihr soziokultureller Hintergrund. Kriegsverarbeitung und Milieubildung im Offizierskorps der Reichswehr in publizistischer Dimension, Trier 2012; Tim Grady: The German-Jewish Soldiers of the First World War in History and Memory, Liverpool 2011; Sabine Behrenbeck: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945, Vierow bei Greifswald 1996). Die Entwicklung faschistischer Diskurse in den außeritalienischen Verbänden der Veteranen im Einzelnen nachzuzeichnen überlässt er künftigen Studien. Außer Betracht bleibt zudem, dass der politische Transfer aus Italien in Deutschland durchaus auf zweierlei Art betrachtet werden konnte. Nachdem im Herbst 1933 der Marburger Jura-Professor Alfred Manigk (1873–1942) im Repetitorium Hitlers Ideen ziemlich despektierlich als Importware und als fremde Pflanze auf deutschem Boden bezeichnet hatte, echauffierten sich nazifizierte Studenten über eine solch abfällige Äußerung über die Herkunft des Nationalsozialismus; sie nahmen sie zum Anlass, öffentlich Manigks Abberufung zu fordern – und sie konnten sich damit durchsetzen.
Ángel Alcalde hat eine im großen Ganzen klug argumentierende Untersuchung vorgelegt, die zu erklären vermag, wie durch den Rückbezug auf das Fronterlebnis sich in Europa ein neuer radikaler Nationalismus herausbildete, der sich am zerstörerischsten im Nationalsozialismus verkörperte. Damit hat er einen wichtigen Beitrag zur Erforschung insbesondere des frühen Faschismus geleistet.