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Einzelrezension

Yazdani, Kaveh: India, Modernity and the Great Divergence. Mysore and Gujarat (17th to 19th C.), 670 S., Brill, Leiden/Boston, MA 2017.


Abstract

India's Way to Modernity

Keywords: Review, Yazdani, Kaveh, 2017, Indien, Moderne, Modernisierung

How to Cite:

Mann, M., (2019) “Yazdani, Kaveh: India, Modernity and the Great Divergence. Mysore and Gujarat (17th to 19th C.), 670 S., Brill, Leiden/Boston, MA 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00077-5

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-03-05

Peer Reviewed

Gewöhnlich würde man bei einer solchen Überschrift die gegenwärtige Entwicklung der Indischen Union vermuten, nicht aber eine Geschichte des südasiatischen Subkontinents in der Frühen Neuzeit. Genau das aber leistet die monumentale Studie von Kaveh Yazdani, der zwei Regionen Indiens, nämlich Maisur (Mysore) und Gujarat, vom 17. bis zum 19. Jahrhundert einer kritischen sozio-ökonomischen Analyse unterzieht. Dabei reiht er sich in Folge von Kenneth Pommeranz’ wegweisender Studie „The Great Divergence: China, Europe, and the Making of the Modern World Economy“, Princeton and Oxford 2000, und der von Prasannan Parthasarathi 2011 in Cambridge erschienenen und breiter angelegten Studie „Why Europe Grew Rich and Asia Did Not. Global Economic Divergence, 1600–1850“, ein. Doch nicht wie Parthasarathi global argumentierend, sondern wie Pommeranz vergleicht Yazdani die Voraussetzungen zweier südasiatischer Regionen mit denen des sich industrialisierenden Englands.

Für seine Analyse wählt der Autor einen nicht-eurozentrischen Ansatz, indem er nicht danach fragt, warum der „Westen“ sich in diesem Zeitraum entwickelte und der „Osten“ dies nicht tat, denn diese Fragestellung reduziere ein Bündel komplexer Dynamiken zu einer einfachen Dichotomie. Stattdessen dreht Yazdani die Frage in das Negative und fragt, warum vielversprechende Ansätze in Gujarat und Maisur scheiterten und in England nicht. Dazu hebt er auch die übliche dreiteilige Geschichtsperiodisierung auf und betont demgegenüber die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (S. 31), wenn Song China und das islamische Arabien, also das 10. Jahrhundert, als „modern“ bezeichnet werden. Zur Analyse der beiden südasiatischen Regionen entfaltet Yazdani ein thematisches Panoptikum, bestehend aus einer beeindruckenden Vielzahl von historischen Quellen und zeitgenössischer Literatur. Politik, Wirtschaft und Handel werden ebenso berücksichtigt wie Rechtswesen, Genderaspekte, Kunst und Kultur, Philosophie und Wissenschaften bis hin zu den Einflüssen von Klima und besonders dem Monsun. Überzeugend kann Yazdani aufzeigen, dass Maisur und Gujarat zunächst alle Bedingungen einer protokapitalistischen Entwicklung aufwiesen.

Die beiden Herrschern Haider Ali und Tippu Sultan hatten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine enorme Territorialisierung und Zentralisierung des maisurischen Staates betrieben, gestützt von einer staatlich geförderten merkantilen Wirtschafts- und Handelspolitik. Der Weg in die Moderne wurde jedoch blockiert, als aufgrund der politischen Rivalität und der kolonialpolitischen Expansionsbestrebungen der Briten keinerlei Maschinen und neueste Werkzeuge aus England nach Maisur transferiert wurden – im Unterschied zum Beispiel zu vielen deutschen Ländern, Frankreich und Österreich-Ungarn, zu denen in dieser Zeit selten friedliche Verhältnisse existierten und an die dennoch industrielle Güter verkauft wurden.

Gänzlich anders war die historische Situation in Gujarat, wo mit dem Schwund der zentralen Mogul-Macht im Verlauf des 18. Jahrhunderts kein regionaler Zentralstaat an dessen Stelle trat und sich daher eine selbstbewusste Händlerklasse etablieren konnte, die zeitgemäße kapitalistische Handelsstrukturen entwickelte. Diese basierten auf einer historisch á la longue dureé gewachsenen agrarischen Überschusswirtschaft sowie ausgebildeten und somit qualifizierten Arbeitskräften vor allem im diversifizierten Textilgewerbe. Im Unterschied zur etablierten Forschungsmeinung betont Yazdani hingegen den politischen Einfluss der Händler- und Kaufleute, was auf eine systemische Schwäche hinweist, nämlich fehlender oder nur schwach ausgebildeter staatlicher Strukturen. Hinzu kommt, dass Produzenten und Händler ebenfalls von westlicher Technologie ausgeschlossen blieben, zumal Gujarat Objekt britischer Kolonialbegierde als Anbauregion für Baumwolle war.

Im letzten Kapitel, dem „Epilog“, führt Yazdani die Fäden seiner überaus detailreichen Analyse zusammen. Er kommt zu dem Schluss, dass es keinen linearen und monokausalen Weg in die Moderne gibt, weder auf dem indischen Subkontinent noch anderswo, und dass statt eurozentrischer Erklärungsmodelle zunächst einmal multizentrische Perspektiven entwickelt werden müssen, die überhaupt erst die Voraussetzungen für eine analytische Verflechtungsgeschichte schaffen. Unter solch geänderten Prämissen und Parametern ließe sich dann auch eine neue Interpretation der aufgeworfenen Fragen anstellen.

Geradezu bezeichnend für einen notwendigen Neuansatz ist, dass bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Britisch-Indien, zumindest was den technologischen, gewerblichen und kommerziellen Entwicklungsstand anbelangt, auch in Großbritannien nicht als rückständig klassifiziert worden ist. Das geschah erst, als die englische Industrie den Boden Britisch-Indiens als Anbaufläche für cash-crops wie Baumwolle, Indigo, Zuckerrohr und Tee betrachtete und folglich ein agrarisch strukturiertes und produzierendes Indien benötigte, das mithilfe von protektionistischen Zöllen geschaffen wurde. Erst jetzt setzte auch ein gezielter Prozess der De-Industrialisierung ein. Entgegen der Marx’schen Prognose, dass der Bau von Eisenbahnen, in Britisch-Indien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, einen „Lokomotiveffekt“ im Sinne einer Zuliefererindustrie erzeuge, blieb er hier aus, weil sich der Kolonialstaat und die heimische Regierung in London weigerten, Technologie zu transferieren. Hierin, und nicht in vorgeblich sozio-religiösen Gründen, ist die ökonomische Rückständigkeit Indiens bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zu sehen.