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Einzelrezension

Thelen, Tatjana/Alber, Erdmute (Hrsg.): Reconnecting State and Kinship, 256 S., Pennsylvania UP, Philadelphia, PA 2017.


Abstract

Kinship matters

Keywords: Review, Thelen, Tatjana, Alber, Erdmute, 2017, Kinship, Verwandschaft, Verwandschaftssysteme

How to Cite:

Weber, W., (2019) “Thelen, Tatjana/Alber, Erdmute (Hrsg.): Reconnecting State and Kinship, 256 S., Pennsylvania UP, Philadelphia, PA 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00076-6

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-20

Peer Reviewed

In modernen Institutionen, einschließlich Staat und Universität, spiele, wie in einem DFG-Gutachten der 1980er Jahre zu lesen war, Verwandtschaft allenfalls eine marginale Rolle. Relevanter und somit förderungswürdiger Forschungsgegenstand könne dieses Phänomen daher nicht sein. Der vorliegende, von den Sozialanthropologinnen Tatjana Thelen und Erdmute Alber verantwortete Sammelband erschüttert diese Annahme im Hinblick auf den Staat und arbeitet nicht nur in seinem Fachhorizont bedeutsame wechselseitige Dynamiken heraus.

Die (Selbst‑)Beschreibung der modernen europäischen Staaten als rechtlich-bürokratisch durchrationalisierte Institutionen, denen mit dieser „fortschrittlichen“ Lösung unvereinbare Verwandtschaftssysteme „primitiver“ Gesellschaften gegenüberstünden, setzte nach den Herausgeberinnen bereits im 19. Jahrhundert ein. Sie sei von Anfang an mit dem Dualismus der einschlägigen Disziplinen Anthropologie und Sozialwissenschaft(en) verknüpft gewesen, der sich insbesondere dank fortschreitender Selbstreferenz (und Arroganz) der Sozialwissenschaften (u. a. Max Weber) zum tabuisierten Fundamentalgegensatz, ja Zentralelement des Mythos des Westens steigerte. Am Ende des 20. Jahrhunderts unterliege diese Ideologie jedoch in beiden Disziplinen sowohl empirisch als auch theoretisch-konzeptionell – dank diverser „travelling concepts“ (S. 16–19 u. ö.) – grundlegender Herausforderung. In den Sozialwissenschaften durchlöcherten akteurszentrierte Studien, aber auch die Genderforschung die Prämissen des Individualismus und der postulierten Rationalität zunehmend und erhärteten stattdessen unter anderem die anhaltende Präsenz und Relevanz der Verwandtschaft. Die Anthropologie wiederum entdecke in ihren Untersuchungsgesellschaften rational-staatliche Komponenten, die sich keineswegs nur als (nachholende) Modernisierung im konventionellen Sinne deuten ließen. Diese Entwicklung sei vor allem durch eine disziplinenübergreifende Neuorientierung am Zentralaspekt politischer Ordnung und Macht befördert worden, fokussiert insbesondere auf die Dimensionen embeddedness (Einbettung der Akteure in u. a. verwandtschaftliche Sphären), citizenship (Staatszugehörigkeit im Konnex mit Verwandtschaft) und belonging (erworbene und zugeschriebene Zugehörigkeit zu einer Wir-Gruppe).

Der erste Buchteil vertieft diese Ansätze in fünf Beiträgen. Michael Herzfeld macht eher explorativ Zusammenhänge zwischen als defektiv angesehenen Verwandtschaftsverhältnissen und politischer Patronage insbesondere in historischen Momenten, in denen ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht durchgesetzt werden soll, deutlich. Thomas Zitelman weist nach, dass und wie stark in der US-amerikanischen Militäranthropologie im Horizont von Loyalitäts- und Leistungssteigerung Verwandtschafts- und binäre Herkunftsstereotype präsent waren und sind. Frances Pine arbeitet den verbreiteten teils intendierten, teils nichtintendierten Gebrauch zentraler Verwandtschaftsbegriffe in der Politik und umgekehrt politisch-staatlicher Kategorien in der Verwandtschaftswelt heraus, die jeweils an bestimmte Normen und Funktionserwartungen appellieren. Victoria Goddard vertieft diese Dimension unter der Genderperspektive, wobei sie zu Recht auf die zentrale Bedeutung der Unterwerfung und Ausbeutung der Frau verweist. Ivan Rajković konstatiert am serbischen Beispiel, dass Verwandtschaft einerseits auf der primären Ebene sowohl Inklusion und Exklusion erzeugt, andererseits auf einer sekundären oder Metaebene auch einen Beitrag zur Herstellung gleichgerichteter Erwartungen („comparability of self-interests“, S. 146) und damit eines gemeinsamen Rahmens liefert: „What could they [d. h. die Politiker] do? Everybody has a family to feed“, S. 145.

Der zweite Teil des Bandes vereinigt vier Beiträge, die sich mit dem Verhältnis von Verwandtschaft und Staatsbürgerschaft, konkretisiert in der Familienpolitik, befassen. Jeanette Edwards beleuchtet am britischen Beispiel die Ambivalenzen des politischen Umgangs mit menschlichen Individuen, die ihre Existenz einer Samen- und Eizellenspende verdanken oder an einer derartigen Spende beteiligt waren, und mit dem (traditionellen) Konzept der Verwandtschaft. Eirini Papadaki widmet sich dagegen den familiär-verwandtschaftlich destruktiven, aus staatlicher Sicht aber vernünftig-logischen Prozessen, die in einer athenischen Geburtsklinik für Mütter ohne Identitätsdokumente zur Anerkennung oder Ausgrenzung führen. Ähnlich setzen Helle Bundgaard und Karen Fog Olwig an, indem sie die Zwecksetzungen, Praxen und Wirkungen der dänischen Kindergartenerziehung unter die Lupe nehmen, die in sozial als problematisch angesehenen Fällen oft erfolgreich auf die Relativierung von Verwandtschaft hinausläuft. Letztlich wenig überraschend ist der zentrale Befund des abschließenden Beitrags von Apostolos Andrikopoulos zur Rolle und Bedeutung von Verwandtschaft in marginalisierten Migrantengruppen westlicher Staaten: Staat und Markt machen sie nicht obsolet, sondern beleben sie und verstärken sie.

Dem Band ging eine gleichnamige Veranstaltungssequenz am ZIF der Universität Bielefeld voraus. Es ist aus außeranthropologischer Sicht höchst schade, dass er das damalige, wesentlich umfassendere und deutlich systematischere Programm der ZIF-Forschungsgruppe nicht abbildet und damit andere, geschichts- und politikwissenschaftlich besonders relevante Aspekte ausblendet. Dazu zählen naturgemäß auch das Phänomen der verwandtschaftlichen Elitenreproduktion und der Nutzung staatlicher Mittel für das familiäre Eigeninteresse, das vorliegend lediglich im Beitrag zu Serbien zur Sprache kommt, sowie die Instrumentalisierung von Verwandtschaft im Kolonialismus. Dennoch ist ein weiterer Schritt zur Destruktion eines förmlichen Tabus gemacht.