Skip to main content
Einzelrezension

Schürmann, Felix: Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas (1770–1920), 682 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2017.


Abstract

Globale Walgeschichte ohne Wale

Keywords: Schürmann, Felix, 2017, Wale, Walfang, Küstengesellschaft, Afrika

How to Cite:

Wagner, F., (2019) “Schürmann, Felix: Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas (1770–1920), 682 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00075-7

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

7 Views

4 Downloads

Published on
2019-05-23

Peer Reviewed

Es ist eine angenehme Überraschung, dass es in einem 618 Seiten dickem Buch über den Walfang im Kern nicht um Wale geht. Wale und Walfang sind bei Felix Schürmann bestenfalls der Aufhänger, meist nur ein Vorwand, um die Geschichte afrikanischer Küstengesellschaften zu schreiben, die zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert zu Kontaktzonen globaler Handelswege wurden. Die Analyse von acht Fallbeispielen macht die Studie zu einem Musterbeispiel einer globalen Verflechtungsgeschichte.

Bei den untersuchten Küstenhandelsplätzen handelt es sich um Walvisbay in Südwestafrika, Delagoa Bay in Mozambik, Cabinda in Angola, Saint Augustin in Madagaskar, sowie die Inseln Anjouan, Mauritius, Annobón, und Kapverden. Ihnen wird jeweils ein Kapitel gewidmet, die durch drei „Passagen“ genannte Zusatzkapitel aufgelockert werden, in denen der Leser die Erfahrungswelten der um 1850 etwa 900 Walfänger und ihrer Seeleute (circa 20.000) kennenlernt. Die Betrachtung der Küstengesellschaften folgt einer rein geografischen Logik, während die Passagen-Kapitel eher thematisch aufgebaut sind. Alle gruppieren sich um Afrika, das bisher in der Walfanggeschichte peripher blieb.

Akribisch und im Stil einer Braudel’schen Analyse sich überlagernder Zeitschichten beschreibt Schürmann für jede Küstengesellschaft die Geografie, das Klima (welches einerseits die Wahrscheinlichkeit eines Landgangs bestimmte und andererseits den Walwanderkalender beeinflusste, der wiederum die Routen der Walfänger festlegte), die Ethnologie, die Wirtschaft und die Politik an denjenigen Küsten, welche die Kulisse für die Begegnungen zwischen Walfängern und Afrikanern boten.

Um eine solche histoire totale zu schreiben, muss regelmäßig auf Sekundärliteratur zurückgegriffen werden. Sie ist vonnöten, weil Schürmanns Hauptquellen, die Logbücher der Walfänger, so nüchtern gehalten sind, dass sich daraus selten ein vollständiges Bild ergibt. Etwas gehaltvoller und anekdotenreicher sind die hinzugezogenen Konsulatsberichte und Memoiren der Seefahrer. Sie werden durch zeitgenössische ethnografische Abhandlungen ergänzt.

Kontakte zwischen den euro-amerikanischen Walfängern und den Küstengesellschaften scheinen nach Schürmann hauptsächlich von Wirtschaftsinteressen geprägt gewesen zu sein, was sich beispielsweise während der Aushandlung der Preise für die Verproviantierung und Trinkwasserversorgung zeigte. Die afrikanischen Versorger waren dabei in einer vorteilhaften Verhandlungsposition, weil sie die Preise bestimmen konnten. Aufgrund dieser Handlungsmacht der Afrikaner verwirft der Autor explizit eine postkoloniale Herangehensweise, die ihm zufolge die afrikanische agency vernachlässigt. In den Quellen aus der vorimperialen Zeit kann er auch keine durch kolonialistisch-rassistische Denkweisen geprägte kulturelle Voreingenommenheit erkennen. Aus diesen Gründen will der Autor die „postcolonial closure“, die den Afrikanern pauschal einen passiven Opferstatus zuschreibt, überwinden. Denn die afrikanischen Protagonisten, wie die Al’Masela-Sultane auf Anjouan, hatten die Walfänger auch politisch meist in der Hand.

In Einzelfällen konnten aber auch die Walfänger das Schicksal der Küstengesellschaften lenken, wie etwa auf den Kapverden. Die Bewohner dieses Archipels, allen voran diejenigen von der Insel Brava, nutzten die Walfangschiffe, um vor Armut und dem portugiesischen Militärdienst zu fliehen. Nachdem anfangs nur kleinere Gruppen auf den Walfängern anheuerten, entwickelte sich eine (für kapverdische Verhältnisse) massenhafte Auswanderung. Die Walfänger stiegen so ins Auswanderungsgeschäft in Richtung USA ein. Der Fall der Kapverden legt dar, dass Walfänger Küstengesellschaften auch verändern konnten.

Weniger einflussreich, aber damit auch weitaus repräsentativer war aber der Fall Cabindas. Die Cabinda-Bucht war schon zwei Jahrhunderte lang ein Knotenpunkt des atlantischen Handelsverkehrs und spezialisierte sich auf den Sklavenhandel, bevor der Walfang begann. Darum hatte sich die Bucht schon früh zu einem Versorgungs- und Reparaturzentrum für Sklavenschiffe entwickelt. Walfänger profitierten davon genauso wie von dem Arbeitskräftereservoir, denn die dort ansässigen Bakongo heuerten teilweise auf ihren Schiffen an.

Am Fall Cabinda wird deutlich, dass Schürmann den Walfang als Sonde zur Beschreibung der Küstengesellschaften verwendet, die allerdings von den Walfängern oft unbeeindruckt blieben. Denn mit Ausnahme der Kapverden veränderte deren Präsenz die Küstengesellschaften kaum. In den meisten Fällen trafen sie auf schon bestehende Kontaktzonen, die unter anderen von Sklavenhändlern geschaffen worden waren. Sie ergänzten also bestenfalls bestehende Strukturen, ohne diese zu verändern. Vor allem Schürmanns longue durée Analyse relativiert so oft die Bedeutung der Walfänger. Anstatt jedes Fallbeispiel ab urbe condita zu beginnen und die langwierige Geschichte jeder Küstengesellschaft über mehrere Jahrhunderte hinweg anzureißen, hätte man darum auf aussagekräftige Momente afrikanischer agency fokussieren können. Denn obwohl der Autor den Afrikanern explizit Handlungsmacht zuschreiben will, kommen sie auf 618 Seiten praktisch nicht zu Wort (außer einmal kurz am Beginn des Buches). Ihre Geschichte wird stattdessen aus der europäischen ethnografischen Literatur rekonstruiert. Auch die Rolle der Afrikaner, die auf Walfangbooten anheuerten, bleibt unklar, obwohl man viel zu Alltagsleben und Männlichkeitsritualen unter den weißen Seeleuten lernt. Es wäre auch zielführend gewesen, mehr über die Reaktionen afroamerikanischer Walfänger (ein Drittel der Besatzung amerikanischer Schiffe) auf ihre „Rückkehr“ nach Afrika und den omnipräsenten Sklavenhandel zu erfahren. In einigen Fällen wären also doch Elemente eines postkolonialen Ansatzes fruchtbar für eine multiperspektivische und problemorientierte Analyse der Küstengesellschaften gewesen.

Schürmann macht das kulturgeschichtliche Defizit aber wett, indem er unvoreingenommen die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Küstenbewohner in den Mittelpunkt stellt. Daraus entsteht eine beeindruckende Synthese der Geschichte afrikanischer Küstengesellschaften. Das scheinbar unprätentiöse Walfangbuch entpuppt sich so als ein potenzielles Standardwerk der Verflechtungsgeschichte.