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Einzelrezension

Rürup, Miriam: Alltag und Gesellschaft, 196 S., Schöningh, Paderborn u. a. 2017.


Abstract

The Change of Jewish Life

Keywords: Review, Rürup, Miriam, 2018, Judentum, Alltag

How to Cite:

Schoenmakers, C., (2019) “Rürup, Miriam: Alltag und Gesellschaft, 196 S., Schöningh, Paderborn u. a. 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00074-8

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-20

Peer Reviewed

Die Reihe „Perspektiven deutsch-jüdischer Geschichte“, die seit 2012 im Ferdinand Schöningh Verlag erscheint, fasst die Geschichte des deutschen Judentums unter so verschiedenen Blickwinkeln wie „Kultur und Gedächtnis“, „Wirtschaft und Ungleichheit“, „Migration und Transnationalität“, „Religion und Identität“, „Geschlecht und Differenz“ oder „Politik und Recht“. Die Bände stehen in einer Kontinuität von Forschungsarbeiten über die deutsch-jüdische Geschichte und bündeln knapp und allgemeinverständlich die in den letzten Jahrzehnten gewonnenen Erkenntnisse für ein breites, historisch interessiertes Publikum. 2017 hat Miriam Rürups Beitrag zu „Alltag und Gesellschaft“ die Reihe abgeschlossen. Da jeder Band aufgrund des klar abgrenzbaren Schwerpunkts auch für sich steht, gehe ich in meiner Rezension nur auf Rürups Ausführungen ein.

„Alltag“ begreift die Autorin als jene gesellschaftlichen Bedingungen, die die Entwicklung des modernen deutschen Judentums seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert beeinflusst haben. Dabei blickt Rürup auf den Wandel des „Sozialprofils“ der jüdischen Minderheit innerhalb von knapp 200 Jahren. Jüdisches Leben, so Rürup, sei stets geprägt gewesen von einem ständigen „Vor und Zurück“, von der (Hoffnung auf) Integration in die Mehrheitsgesellschaft, von gesellschaftlichen Zurückweisungen und vielfältigen Formen der Selbstbehauptung.

Die Autorin stellt zunächst fest, dass jüdisches Leben in Deutschland heute zwar vorhanden, aber bei Weitem „keine Selbstverständlichkeit“ sei. Von diesem Ausgangspunkt erläutert sie die Geschichte und Entwicklung einer äußerst vielschichtigen Kultur, deren Leitmotiv die mit der jüdischen Emanzipation verbundene gesellschaftliche Gleichstellung und der dadurch mögliche soziale Aufstieg war. Dem setzte der rechtliche und politische Rahmen allerdings Grenzen, die je nach Zeit und Region für Juden mal mehr, mal weniger durchlässig waren.

Jüdische Emanzipation folgte bis weit ins 19. Jahrhundert einem „von oben“ vorgegebenen Kurs: Integration war an einen „Erziehungsauftrag“ gekoppelt, mit dem insbesondere die jüdische Religion zurückgedrängt werden sollte (was sich durchaus mit Forderungen jüdischer Aufklärer nach Modernisierung ihres Glaubens deckte). Der Weg zur Gleichberechtigung war dabei stets von Fortschritten und Rückschlägen geprägt. Gewonnene Freiheiten – etwa durch das Edikt von Preußen 1812 und die Revolution von 1848 – wurden bald wieder aufgehoben. Erst der Berliner Vertrag von 1878 garantierte die vollständige rechtliche Gleichstellung und ebnete den Weg ins Bürgertum.

Diese „Verbürgerlichung“ der jüdischen Minderheit ging mit einem fundamentalen Wandel in verschiedenen Bereichen des Alltags einher. Nicht nur weichte die jüdische Aufklärung früher orthodox ausgelegte Glaubensregeln nach und nach auf. Auch die Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe erweiterten sich: Waren Juden vor 1860 in der Regel von den Zünften ausgeschlossen und damit auf den Handel oder freie Berufe limitiert, so verringerten sich die Zugangsbarrieren zu anderen Arbeitsfeldern peu à peu und wurden in den 1920er Jahren ganz aufgehoben. Analog dazu eröffneten sich Wege für Juden in die Politik: Ab Ende der 1850er Jahre standen ihnen die Regionalparlamente offen, viele engagierten sich zudem außerparlamentarisch und gründeten Vereine oder Versammlungen.

Mit dem Aufstieg ins Bürgertum war ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die Verstädterung der jüdischen Minderheit verknüpft. Viele Juden siedelten in den Großstädten, weil sich dort bessere berufliche Chancen boten. Ohnehin waren die jüdischen Deutschen mobiler als der gesamtgesellschaftliche Durchschnitt. Das lag auch daran, dass es Juden bis lange ins 19. Jahrhundert hinein erschwert war, sich niederzulassen und Grundbesitz zu erwerben. In den Großstädten bewohnten Juden oft eigene Viertel, die sich durch eine besondere kulturelle Vielfalt auszeichneten. Denn in Wissenschaft, Kunst, Literatur, Musik, Theater, Film und Presse waren Juden bis 1933 stark vertreten, insbesondere die 1920er Jahre galten als „Blütezeit“ des jüdischen Kulturlebens.

Mit zunehmender Anerkennung und Integration der jüdischen Minderheit verschwammen die Grenzen zwischen Juden und Nichtjuden – besonders auf der Ebene von Familie und Erziehung: Das zeigen unter anderem die vielen „Mischehen“, das Engagement christlicher Lehrer an jüdischen Schulen oder der Besuch nichtjüdischer Schulen durch jüdische Kinder.

Die negativen Folgen der Industrialisierung provozierten jedoch bald Abwehr gegenüber den gesellschaftlichen Aufsteigern, die vermeintlich von der Modernisierung profitierten. Kein Zufall, dass der politische Antisemitismus Ende des 19. Jahrhunderts zum Massenphänomen aufstieg und – lange vor 1933 – im Alltag weit verbreitet war. Der Antisemitismus war ein Grund, weshalb sich die jüdische Minderheit assimilierte (nicht wenige konvertierten zum Christentum) und besonders patriotisch zeigte: Viele Juden kämpften als Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg für Ehre und Schutz des „Vaterlands“. Andere wanderten aus, flohen in die Anonymität der Großstädte oder engagierten sich politisch, um den Antisemitismus abzuwehren.

Trotzdem blieben die Anfeindungen – unter dem Eindruck der Niederlage 1918 wurde die Leistung der jüdischen Frontsoldaten sogar infrage gestellt, bis die Nationalsozialisten ab 1933 den Antisemitismus zum politischen Handlungsgebot erhoben, die jüdische Minderheit erst in ihren Rechten einschränkten, dann verfolgten und später ermordeten. Nach 1945 lebten entsprechend nur noch wenige Juden in beiden deutschen Staaten, viele von ihnen „Displaced Persons“, die im Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 setzte eine erneute Zuwanderung von vor allem jüdischen Sowjetbürgern ein, die seitdem die Mehrheit in den jüdischen Gemeinden darstellen.

Für ihre Ausführungen wählt Rürup einen themenbezogenen Ansatz und baut ihr Buch wie eine Biografie auf. Damit kann sie wesentlich stärker einzelne Alltagsbereiche fokussieren und Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Nichtjuden herausarbeiten. Dabei lassen sich Wiederholungen nicht immer vermeiden. Und auch wenn Rürup ihr Thema aufgrund der gebotenen Kürze weniger differenziert behandeln kann, wie es seiner Komplexität angemessen wäre – das Ziel, einen allgemeinverständlichen Einstieg zu vermitteln, hat sie erreicht. Das Buch ist daher jedem zu empfehlen, der sich auf Basis des aktuellen Forschungsstands einen Überblick über „Alltag und Gesellschaft“ der deutschen Juden seit Ende des 18. Jahrhunderts verschaffen möchte.