Der „Schwabinger Kunstfund“ sorgte im November 2013 für Schlagzeilen. Ein Münchner Nachrichtenmagazin meldete die Entdeckung eines „Nazi-Schatzes in Milliardenhöhe“; andere Medien zogen nach. Diese öffentliche Skandalisierung weckte Erwartungen, man sei endlich den Machenschaften eines „Nazi-Kunsthändlers“ auf die Schliche gekommen. Dabei war längst bekannt gewesen, dass der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt für das NS-Regime tätig gewesen und nur mit Glück im Entnazifizierungsverfahren für „unbelastet“ erklärt worden war. Vom „milliardenschweren“ Raubkunstfund blieb am Ende wenig übrig. Die vom Bund eingesetzte Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ identifizierte bis Ende 2015 nur wenige Raubkunstfälle. Auf den „Gurlitt-Hype“ folgte Ernüchterung. Gurlitts Sohn Cornelius Gurlitt, der „Hüter des Kunstschatzes“, sorgte für eine neuerliche Enttäuschung, als nach seinem Tod im Mai 2014 bekannt wurde, dass er die Bildersammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht hatte.
Die Historiker Oliver Meier und Michael Feller und die Kunsthistorikerin Stefanie Christ, früher allesamt Journalisten der „Berner Zeitung“, widmen dem „Gurlitt-Komplex“ einen höchst lesenswerten Band. Sie sehen den Fall als „Lehrstück“, wie sie einleitend schreiben: „Er wirft ein Licht auf die Mechanismen von Netzwerken, auf die zwiespältige Rolle von Medien, Anwälten, Beratern und selbst Interessenvertretern. Und er wirft ein Licht auf Themen im Spannungsfeld von Recht und Moral, die bis heute brennen: der Zweite Weltkrieg und der Umgang mit Raubgut, Fluchtkunst und als ‚entartet‘ diffamierter Kunst“ (S. 10).
Meier, Feller und Christ rollen den Fall Gurlitt mit quasi eidgenössisch kritischer Distanz auf, schildern die Beziehungen der Gurlitts nach Bern und erläutern die von vielen (zu Unrecht) als karg kritisierten Ergebnisse der Taskforce. Sie blättern in der Familiengeschichte der Gurlitts – vom Landschaftsmaler Louis Gurlitt über Hildebrand und Cornelius bis zum Kunsthändler Wolfgang Gurlitt – als „Dynastie der Gelehrten und der Begabten, der Wissenschaftler, Maler und Komponisten“ (S. 51). Klar treten hier bereits die lebensgeschichtlichen und geschäftlichen Beziehungen zu Bern hervor. Die Autoren thematisieren auch die Rolle der Schweiz in der Raubkunstdebatte, ohne hier aber neue Erkenntnisse beizusteuern. Eindringlich zeigen sie, wie die überraschende Erbschaft aus München das Berner Kunstmuseum nötigte, die eigene Rolle, gerade mit Blick auf den Umgang mit „entarteter Kunst“, zu hinterfragen. 2016 startete ein eigenes Provenienzforschungsprojekt in Bern, das es ohne das Legat aus Deutschland vermutlich nicht geben würde. Zudem entsandte es eine kleine Forschergruppe, um die deutschen Rechercheure zu unterstützen, die sich 2016/17 im Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“, getragen vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, um die Lösung offener Fragen mühten. Seit Anfang 2018 strebt das Nachfolgeprojekt „Reviews, Dokumentation und anlassbezogene Forschungsarbeiten zum Kunstfund Gurlitt“ eine tatsächlich abschließende Klärung aller Fragen an.
Im Schlussteil des Buches geht es um weitere „Berner Verstrickungen“, zu denen sich unter anderen eine Opferanwältin im Frage-Antwort-Interview äußert. Das Geschäft mit der „entarteten Kunst“ beziehungsweise der rehabilitierten Moderne wird problematisiert. Das Gebaren der Versteigerer – insbesondere des mit Cornelius Gurlitt gut bekannten Auktionators und Galeristen Eberhard W. Kornfeld – schildern die Autoren mit Blick vor allem auf die Nachkriegs-Jahrzehnte. Nicht immer erschließt sich in diesem Teil der Bezug zu Gurlitt, wie überhaupt der Gegenstand der Betrachtung etwas zerfasert. Eingestreute Interviews hemmen den Lesefluss; das Buch wirkt in der Gesamtanlage eher wie eine Collage, als dass es von vorne bis hinten durchstrukturiert wäre. Hinzu treten inhaltliche Redundanzen.
Der Vorzug des Buches liegt darin, die Causa Gurlitt in größere Zusammenhänge des Raubkunst-Komplexes einzuordnen und die Schweiz als zentrale Drehscheibe des Kunsthandels erneut in den Fokus zu rücken. Aus deutscher Sicht ist insbesondere der nüchterne Blickwinkel auf den „Gurlitt-Hype“ der Jahre 2013/14 ein Gewinn. Wer sich für die Beschlagnahmeaktion der „entarteten Kunst“ sowie deren Nachgeschichte interessiert, wird auch die letzten Kapitel des Buches mit Gewinn lesen. Sehr nützlich ist der umfangreiche Anhang des hochwertig bebilderten Bandes mit Grafiken, Schaubildern und Tabellen zum Medienereignis Gurlitt, den Händlern „entarteter“ Kunst, der Zusammensetzung der Sammlung Gurlitt und dem Handel der Galerie Kornfeld.