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Einzelrezension

Köstering, Susanne: Ein Museum für Weltnatur. Die Geschichte des Naturhistorischen Museums in Hamburg, 344 S., Dölling und Galitz, Hamburg 2018.


Abstract

Die Welt im Museum

Keywords: Review, Köstering, Susanne, 2018, Museum, Naturhistorischen Museum, Ausstellung

How to Cite:

Collet, D., (2019) “Köstering, Susanne: Ein Museum für Weltnatur. Die Geschichte des Naturhistorischen Museums in Hamburg, 344 S., Dölling und Galitz, Hamburg 2018.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00071-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-16

Peer Reviewed

Museen werden seit einigen Jahren als gesellschaftliche contact zones neu entdeckt. Im Zuge des material turns sind auch ihre Objekte wieder Gegenstand einer breiten wissensgeschichtlichen Forschung geworden. Im Schatten des Berliner Humboldt-Forums gilt dies nicht zuletzt für die weltumspannenden Netzwerke der oft unterschätzten akademischen Sammlungen. Susanne Kösterings Band verdankt seine Entstehung jedoch nicht diesen aktuellen Debatten, sondern dem 175-jährigen Jubiläum des beschriebenen Museums. Er bietet dementsprechend eine gut recherchierte Institutionengeschichte des ehemaligen Naturhistorischen Museums in Hamburg, geht aber auf die museologischen und wissensgeschichtlichen Debatten nur am Rande ein. Im Zentrum stehen Sammlungsentwicklung, Forscherpersönlichkeiten und Baugeschichte. Über die spannungsvollen kolonialen Bezüge des Museums oder seine Bedeutung für die „Disziplinierung“ der Naturwissenschaft und Formen einer „Kultur der Natur“ erfährt der Leser weit weniger.

Köstering verfolgt die Geschichte des Museums chronologisch, von der Gründung 1840 als städtisches Naturalienkabinett, über die Etablierung als öffentliches Museum und Forschungsinstitut mit eigenem Gebäude ab 1889 und der weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg bis zur anschließenden Aufspaltung, dem Übergang an die Universität und dem teilweisen Wiederaufbau der Sammlungen. Die Autorin berichtet dabei konsequent aus der Perspektive des heute noch bestehenden zoologischen Teils des ehemaligen Universalmuseums. Die Wissensfelder der anderen ehemaligen Sammlungsbereiche (etwa der „Völkerkunde“) werden nur gestreift. Köstering betont, dass der kaufmännisch-bürgerschaftliche Kontext des Hamburger Museums zu einer ungewöhnlich anwendungsorientierten Ausrichtung geführt habe, die sie als „radikal pragmatisch“ beschreibt (S. 172). Sie beleuchtet die Rolle des Hauses in der NS-Zeit und schildert die musealen Dauerkonflikte, die das Haus prägten: die Spannungen zwischen Forschen und Ausstellen, zwischen Stadt und Universität, zwischen „Weltnatur“ und Regionalkunde. Passagen zur musealen Praxis schildern den Wandel von der offenen Sammlung über die Vitrinen-Ausstellung bis zur Einführung „authentischer“ Dioramen um 1900 und der gezielten Ästhetisierung der Objekte in der Nachkriegszeit. In gelungenen Exkursen zur Umweltgeschichte skizziert die Autorin die Entstehung erster ökologischer Ideen im Umfeld des Museums, die zur Neubewertung von Stadthygiene, Fischerei und Wasserversorgung beitrugen. Ansonsten versteht sich das Buch aber als „Geschichtsabriss“ (S. 322) und verharrt konsequent bei der Innenperspektive auf das Museum und sein Personal.

Einordnung und Kontextualisierung bleiben daher lückenhaft. Wie sich das neue, öffentliche Museum in die reiche Landschaft der Hamburger Privatsammlungen des 19. Jahrhunderts einfügte, erfährt der Leser nicht. Unklar bleibt auch, wie sich das spannungsvolle Verhältnis der musealen Experten zu den vielen Amateuren in ihrem Umfeld gestaltete. Zu den Besuchern und ihren Wahrnehmungen und Interessen gibt es ebenfalls kaum Hinweise. Die Interaktionen zwischen Museum und Öffentlichkeit bleiben daher über weite Strecken undeutlich.

Die überraschendste Leerstelle – gerade für ein Museum der „Weltnatur“ – bilden in der Darstellung aber die globalen Verflechtungen und der Einfluss des Kolonialismus auf die Sammlung. Köstering konstatiert zwar, dass die hamburgischen Überseenetzwerke eine zentrale Rolle für das Museum gespielt hätten, setzt sich aber kaum mit der konkreten Erwerbspraxis auseinander. Dies mag ebenso auf die schwierige Quellenlage, wie auf die überraschende Entscheidung der Autorin zurückgehen, die „rassekundlichen“ (Menschenschädel, Indianerskelette) und ethnografischen Exponate nicht weiter zu untersuchen, obwohl sie 70 Jahre lang gemeinsam mit den zoologischen und geologischen Objekten präsentiert wurden. Mögliche Wechselwirkungen zwischen Natur- und Kulturobjekten oder eine „Naturalisierung“ kolonialpolitischer Entwicklungen durch zoologische Exponate bleiben dadurch undeutlich. Dies gilt im Übrigen auch für die spannungsvolle Eingliederung des Museums in die Universität, welche die Autorin aus der Perspektive der Institution als durchweg negativ beschreibt. Daher bietet der Band dem Leser kaum Anknüpfungspunkte an die aktuell überall geführten Debatten um die Kolonialgeschichte historischer Museumsbestände und das Potenzial akademischer Sammlungen.

Köstering schließt das Buch mit dem Hinweis auf aktuelle Bemühungen, aus den fragmentierten Beständen des ehemaligen Universalmuseums wieder ein eigenständiges Naturhistorisches Museum in Hamburg zu formen. Der Band liefert dazu einen ersten Baustein, indem er die Stadtöffentlichkeit an die lange Institutionsgeschichte erinnert. Für eine breitere Rezeption werden aber Studien nötig sein, welche die lokalen Verhältnisse stärker an die allgemeinen museologischen, urbanen, pädagogischen und globalgeschichtlichen Themenfelder heranführen.