Im August 1915 wurde der jüdische Fabrikbesitzer Leo Frank in der Nähe Atlantas erhängt. Ein Lynchkommando hatte ihn zuvor aus einem Gefängnis entführt. Frank war vorgeworfen worden, die 13-jährige Mary Phagan sexuell missbraucht und ermordet zu haben. Der von etlichen Unregelmäßigkeiten geprägte Gerichtsprozess gegen Frank stieß in der Öffentlichkeit auf großes Interesse und spaltete die US-amerikanische Gesellschaft. Zudem war er von zahlreichen antisemitischen Gewaltakten begleitet. Die Tatsache, dass neben dem jüdischen Frank anfangs mit Jim Conley ein Afroamerikaner im Zentrum der Verdächtigungen stand, verdeutlicht die Bedeutung des Einbezugs des Konzepts von Intersektionalität. Die Kategorien race und Geschlecht, aber auch Sexualität und Klasse waren im öffentlichen Diskurs in mannigfacher und komplexer Weise miteinander verbunden.
Kristoff Kerl nimmt in seiner Studie den Frank-Case zum Ausgangspunkt, um die Genealogie des modernen Antisemitismus in den USA nachzuzeichnen. Zu diesem Zweck analysiert er in einem ersten Schritt die im Zusammenhang mit dem Fall Frank in der öffentlichen Debatte geäußerten antisemitischen Versatzstücke und identifiziert dabei drei Krisenwahrnehmungen, die historisch weiter zurückreichten und denen allen dreien eine Krise angloamerikanischer Männlichkeit zugrunde lag. Dabei handelte es sich zum ersten um die Konstruktion einer engen Verbindung von Juden mit der Figur des sogenannten Carpetbagger, der seinerseits in der Reconstruction Era als eigentliche Metapher für die angebliche Feindseligkeit des amerikanischen Nordens gegen die Südstaaten fungierte. Als zweite Bedrohungswahrnehmung am Ende des 19. Jahrhunderts macht Kerl den Niedergang der Yeomanry aus. Verkörpert wurde die Kritik an den Problemen im Agrarsektor durch die populistische Bewegung, die sich für die von der Krise bedrohten Farmer in den Südstaaten einsetzte und dabei Juden als primäre Triebkräfte für deren Niedergang konstruierte. Eine dritte Krisenwahrnehmung war mit den als Bedrohung für die südlichen Angloamerikaner empfundenen Phänomenen der Industrialisierung und Urbanisierung verknüpft. Auch in diesen Krisendiskursen wurden Juden als Sündenböcke dargestellt, indem sie als Triebfedern solcher Entwicklungen bezeichnet wurden.
Diese drei wirkmächtigen Konnotationen von Juden mit Krisenwahrnehmungen verdichteten sich im antisemitisch aufgeheizten Klima in der Zeit des Prozesses gegen Leo Frank und wurden dann – und darauf geht Kerl im letzten Kapitel ein – ab den 1920er Jahren durch die Mitglieder des als Reaktion auf den Fall wiederbelebten Ku Klux Klans zu einer eigentlichen antisemitischen Weltsicht verwoben. In dieser wurden demnach Versatzstücke eines ökonomischen Antisemitismus mit Verschwörungstheorien und religiös konnotierten Diskursen zu einer kohärenten antisemitischen Ideologie verdichtet. Auch hier spielten Männlichkeitsdiskurse beziehungsweise die Inszenierung einer Bedrohung dieser Männlichkeit beispielsweise durch die mit der Industrialisierung aufgekommene weibliche Erwerbsarbeit eine wichtige Rolle.
Kerls Studie vermag in überzeugender Weise die Entstehung des modernen Antisemitismus – nicht nur des Leo Frank-Case, wie es im Untertitel des Buchs heißt – in den USA nachzuzeichnen. Interessant sind nicht nur der Einbezug und die Analyse zahlreicher, auch bildlicher Quellen, die Kerls Argumentation stützen. Die historiografischen Einordnungen der einzelnen Diskurse und Akteure anhand der bisherigen Forschungsliteratur zeigen die Entwicklungen der wissenschaftlichen Antisemitismusforschung in den USA anschaulich auf und erlauben es dem Autor, sich in dieser Forschung durch seine eigenen Thesen zu positionieren.
Die von Kerl gewählte Struktur, ausgehend vom Leo Frank-Case die Genealogie antisemitischer Ideologeme am Ende des 19. Jahrhunderts und deren Verdichtung zu einer eigentlichen antisemitischen Weltsicht durch den Ku Klux Klan darzustellen, ist für sein hauptsächliches Argument zwar einleuchtend, führt aber zu einigen Redundanzen, die noch dadurch verstärkt werden, dass der Autor seine Thesen bereits im ersten Kapitel ausführlich darlegt. Auch wenn nachvollziehbar ist, dass eine Krisenwahrnehmung angloamerikanischer Männlichkeit als Klammer für die verschiedenen antisemitischen Versatzstücke diente, ist nicht ganz überzeugend, warum Kerl abschließend eine Hierarchisierung der verschiedenen Krisenwahrnehmungen vornimmt, in der die Krise der Männlichkeit als hauptsächliche Erklärung für den modernen Antisemitismus der verschiedenen Akteursgruppen herangezogen wird.
Schließlich ist nicht restlos nachzuvollziehen, weshalb der Autor weitgehend auf den Einbezug des religiösen Antijudaismus verzichtet (S. 40), obwohl häufig die Religiosität der Menschen in Georgia als Erklärung für den antisemitischen Furor beigezogen wird (S. 67) und Kerl selbst im antisemitischen Diskurs verschiedene religiöse Elemente wie etwa die Metapher des „Goldenen Kalb“ (S. 187) ausmacht. Gerade wenn es letztlich um die Genese des modernen Antisemitismus geht, wäre es interessant gewesen zu erfahren, welche Rolle dabei der religiös geprägte Antijudaismus spielte.
Diese kleineren Kritikpunkte ändern nichts am Umstand, dass Kerls Studie die Forschung zum US-amerikanischen Antisemitismus durch den Einbezug weiterer Analysekategorien wie race oder Geschlecht, aber auch Sexualität in wichtiger Weise ergänzt und voranbringt.