Der Sammelband gehört zu den ersten Kollektivpublikationen des inzwischen in der zweiten Förderphase befindlichen Marburg-Gießener Transregios: während aus politikwissenschaftlicher Sicht Christopher Daase 2010 (gedruckt im Heft „Sicherheit und Epochengrenzen“ von „Geschichte & Gesellschaft“ 2012) konstatierte, dass es „eng in der Sicherheitsforschung“ werde, herrschte in der Geschichtswissenschaft gleichzeitig der Konsens, dass das Thema an sich in der eigenen Disziplin noch kaum ernsthaft und tiefergehend thematisiert wurde. Insofern ist diese thematische Konzentration eines großen Verbundvorhabens doch begrüßenswert, da in der Tat bis vor Kurzem noch wenige längere oder gar monografische Studien zur Sicherheitsgeschichte jedweder Art in der Geschichtswissenschaft vorliegen.
Die Tagung und der hierauf zurückgehende Band nimmt die Frage des Verhältnisses von Zukunftsentwürfen zu Konzepten und Praktiken von Sicherheit in den Blick – eine Verknüpfung, die schon bei Lucien Febvre und bei Franz-Xaver Kaufmann akzentuiert wurde. Im Band herrschen dann vor allem Bezüge auf die (post‑)Koselleck’sche Kategorisierung in Utopie, Prophetie, Prognose, Planung vor (S. 11), während eine Rezeption anderer zeitsoziologischer Konzepte (Torsten Hägerstrands und Anthony Giddens’ „Zukunftskolonisierung“, Barbara Adams, Hartmut Rosa, Helga Nowotny) weitgehend außen vor bleibt. Einen bemerkenswert großen Raum nehmen Reflexionen auf das Verhältnis von Apokalyptik/geschlossenen Zukunftsvorstellungen und „Sicherheit“ ein, wobei hier zuweilen mehr Energie auf die systematische, gegebenenfalls transepochal vergleichende Charakterisierung dieses Zeithorizontes auf den Spuren von Thomas Kaufmann, Volker Leppin, Anja Moritz und Denis Crouzet als auf den an sich vorgegebenen Kerngegenstand von Sicherheit und Versicherheitlichung verwandt wird (Beiträge Steffen Henne/Christian Wenzel, S. Weber, Anna Veronika Wendland). In Achim Landwehrs einleitendem Essay wirkt der Gedanke am frischesten, dass bei der binomischen Behandlung von Sicherheit/Zukunft der Blick auf ermöglichte und ermöglichende Freiheitsaspekte, die im Rahmen dieses Binoms gelten, besondere Aufmerksamkeit verdienen (S. 47): dies leuchtet umso mehr ein, als das Titelzitat des Bandes gerade von einem – freilich besonders eigensinnigen – Denker des Liberalismus (Jeremy Bentham) entliehen ist. Dies wird wieder aufgenommen in dem Beitrag von Tobias Bruns zum Verhältnis von Zeithorizonten und Sicherheitsdenken im Wendejahr 1878. Indem er die neomerkantilistische Schutzzollpolitik der Bismarck-Zeit national und international als Prozesse der Versicherheitlichung und Gegen-Versicherheitlichung unter dem Druck von „(wirtschaftlichen) Weltuntergangsszenarien“ (S. 244) untersucht, nimmt er sowohl die Verbindung zum Freiheitsproblem (Diskussionen über Liberalismus versus Protektionismus) als auch die Korrespondenz zwischen Zeit- und Raumdimension auf. Kampmanns Beitrag zur seriell-systematischen Analyse dynastischer Heiratsverträge als Zukunftshandeln erschließt dieses traditionelle corpus durchaus neu, wieder stärker auf die zukunftsbindende Funktion und Reflexion der Akteure ausgerichtet – sozusagen ein Thema des explizit im Dialog verbundenen Essener Graduiertenkollegs. Die Sicherheitsfrage blitzt demgegenüber vor allem in einigen Quellenzitaten („preservation of the laws and surety of our realm“, Queen Mary to the counties, 1554, S. 152) und in der Reflexion auf „Prävention“ als Praxis von Versicherheitlichung auf. Während Marie-Christin Stenzel in ganz genereller Hinsicht darauf hinweist, dass Zukunftsbindung und Reflexion gleichsam zur „DNA“ des emergierenden neuzeitlichen Völkerrechts gehören, fängt der Beitrag von Malte Thießen/Andrea Wiegeshoff zur Seuchenbekämpfung in den 1870ern bis 1890ern und der damit verbundenen Kommunikation des internationalen Rechts und der Konferenzen als Beispiel aus diesem Bereich eine auch epidemiologische und umwelthistorische Dimension ein: den Akzent legen die Autoren hier auf Prozesse der Internationalisierung und darauf, wie mit dem Bezug „auf Welt“ in Deutschland und transnational „Staat zu machen“ war, denn diese Rückwirkung von expansiven Öffnungsbewegungen, nicht nur in den Zeithorizonten, auf Staatlichkeit ist hier die Fragestellung. Larry Frohman resümiert sein Argument, dass die „Foucaultsche Perspektive“ auf „die Rationalität der präventiven Überwachung“ jenseits der beim französischen Sozialphilosophen meist artikulierten Interessensschwerpunkte vor allem auch als Strategie des Umgangs mit Nichtwissen, mit „unerkennbare[r] Zukunft“ zu verstehen sei (S. 297). Der Schlussbeitrag von Wencke Meteling artikuliert ein durchaus neues Thema, Diskurs und Praxis von „Standortsicherung“ im Kontext des neoliberalen Diskurses um 1990: unmittelbar leuchtet ein, dass hier der Zukunftsbezug und die Frage nach lokaler wirtschaftlicher Sicherheit im Kontext von Globalisierungsprozessen und -wahrnehmungen in engster Verbindung stehen; es finden sich hier auch Beobachtungen zur Sprache und den Narrativen der Wirtschaftsdynamisierung, der „Vernetzung“, der Prozesse, die in Bedrohungsszenarien eingebunden werden.
Der Band öffnet so einen breiten Fächer an Themen und Fragestellungen, vielleicht oft noch nah am essayistischen Problemaufriss, während die Beiträge, die man schon eher der quellennahen Grundlagenforschung zurechnen könnte, in dieser Arbeitsphase noch nicht das Bild prägen. Am dichtesten erscheint hier einerseits Hannes Zieglers, aus den Quellen seiner noch von Winfried Schulze angeregten Dissertation schöpfenden, genauen Untersuchung zur politischen Sprache von Unions- und Ligafürsten um 1610 zu „Sicherheit“, „securitas“ und Zukunftsdenken, mit dem Hinweis auf die zu wenig beachtete Tatsache, dass in dieser Zeit Sicherheit/securitas durchaus noch wie in Ciceros epikuräischer lateinischer Diktion als Abwesenheit von cura (Nachlässigkeit, unkluge Sorglosigkeit) verstanden werden konnte; ebenso der Beitrag von Anna Veronika Wendland zur Reaktorsicherheit vor allem für die Nach-Tschernobyl-Phase der deutschen und internationalen Diskussion, auch wenn hier Christoph Wehners Monografie mit dessen wichtigen Beobachtungen zum Konzept von Versicherbarkeit genau als Schlüsselbegriff für das Verhältnis von Zukunfts‑/Risikodenken und Sicherheit in der Versicherungsbranche und dann im diskursiven Transferprozess in der Soziologie der Zeit noch nicht eingearbeitet werden konnte. Aber auch kleine genaue Beobachtungen unter Rückgriff auf das Urkundenoriginal bei Kampmann, der erhellend auf eine falsche, sinnentstellende Transkription („multis“ statt „nullis“) in der Edition eines immerhin zentralen Heiratsvertrags wie dem zwischen Philipp von Habsburg und Mary Tudor von 1553/4 hinweist (vgl. S. 150), zeigen, dass die Arbeiten in Marburg und Gießen im vollen Gange sind. Sammelbände wie dieser haben zunächst die wichtige Funktion, Arbeitszwischenstände aufzuzeigen und thematische Horizonte abzustecken, auch den Außenstehenden wie den Beteiligten selbst die Chancen und Probleme aufzuweisen, die gerade in der interdisziplinären und interepochalen Konfrontation mit Themen und Entwicklungen liegen, die der einzelne bei Konzentration auf den kleinen Bereich gar nicht im Blick hätte: diese Funktion erfüllt der Band in vorbildlicher Weise und dokumentiert so die hohe Produktivität und die Arbeitsfortschritte nach innen und außen und kann so weiter Impulse setzen.