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Einzelrezension

Haller, André/Michael, Hendrik/Kraus, Martin (Hrsg.): Scandalogy. An Interdisciplinary Field, 232 S., Halem, Köln 2018.


Abstract

Medienwissenschaftliche Skandalforschung

Keywords: Review, Haller, André, Michael, Hendrik, Kraus, Martin, 2018, Skandal, Scandalogy, Interdisziplinär

How to Cite:

Klein, A., (2019) “Haller, André/Michael, Hendrik/Kraus, Martin (Hrsg.): Scandalogy. An Interdisciplinary Field, 232 S., Halem, Köln 2018.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00067-7

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-21

Peer Reviewed

„Scandals are a social phenomenon which does not stop at borders“ (S. 7), stellten die Organisatoren der an der Universität Bamberg stattfindenden „1st International Conference in Scandalogy“ fest. Der dazu vorliegende Sammelband, herausgegeben von André Haller, Hendrik Michael und Martin Kraus, hat sich zum Ziel gesetzt, dieses soziale Phänomen sowohl über die Grenzen verschiedener Disziplinen hinweg als auch im Spannungsfeld von akademischer Forschung ebenso wie journalistischer Praxis zu beleuchten.

Die Mehrheit der Beiträge nimmt sich primär theoretischer Fragen der Entstehung und Entwicklung von Skandalen an. Steffen Burkhardt setzt sich mit der Rolle der Medien bei verschiedenen Typen von Skandalen auseinander und erläutert Entstehungsbedingungen, Akteure, Techniken und Funktionen. Er reflektiert außerdem die veränderten Dynamiken der Skandalisierung in digitalen Gesellschaften, die vor allem darin bestünden, dass mehr – oft privat und anonym agierende – Akteure an der Verbreitung von Skandalthemen und der Empörung darüber beteiligt seien, während dem etablierten Journalismus nun vor allem die Aufgabe der Kontrolle und Deeskalation dieser sich immer schneller drehenden „Skandal-Spirale“ zufalle. Auch Maria Karidi, Michael Meyen und Daniela Mahl beschäftigen sich mit der Frage, wie sich die Genese von und die Berichterstattung über Skandale um die Jahrtausendwende verändert habe, hier vor allem im Hinblick auf die fortschreitenden Kommerzialisierung der Massenmedien. Skandalisierung und Berichterstattung seien immer spezifischer auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten, schlussfolgern die Autoren, außerdem stünden zunehmend Individuen im Vordergrund, gleichzeitig werde Emotionalisierung und Unterhaltung Vorrang vor Fakten eingeräumt. Um Inhalte und Effekte geht es auch im Beitrag von Christian von Sikorski, der besonderes Augenmerk auf den Einfluss von Skandalen auf das Vertrauen in Akteure, Institutionen und Verfahren legt. Eine zu starke Zunahme und Trivialisierung von Skandalberichterstattung könne zu einer Erosion des Vertrauens in den politischen Prozess führen. Monika Verbalytes Beitrag setzt sich mit existierenden Skandaltheorien und Emotionen als diskursiven Kategorien auseinander. Verbalyte plädiert dafür, Emotionen im Skandal nicht als unkontrollierte Energieausbrüche zu behandeln, sondern stärker differenziert zu betrachten. Das Zusammenspiel von Skandal und Krise beziehungsweise ihre Fusion zur „scansis“ steht im Zentrum des Beitrages von Timothy Coombs, Sherry Holladay und Elina Tachkova. Die Autoren argumentieren, dass das Konzept der Skanse auch als Brücke zwischen der interessensgruppen-zentrierten Krisenforschung und der eher auf den Aspekt der Empörung fokussierten Skandalforschung dienen könne.

Der Beitrag von Martina Wagner-Egelhaaf verlässt als einziger das Feld der Politik- und Medienwissenschaften und setzt sich mit Literatur-Skandalen ebenso wie mit den literarischen Qualitäten von Skandalen selbst auseinander. Wenn Skandale wie kleine Dramen mit spezifischen narrativen Strukturen funktionierten, seien Skandalierte und Skandalierer ihre Protagonisten. Und ebenso wie Autoren Protagonisten eines Skandals sein könnten, sei es möglich, Skandalierer – unabhängig von ihrem sonstigen literarischen Output – als „Autoren“ des Skandals zu betrachten. Drei Beiträge sind stärker auf einzelne nationale Fallbeispiele fokussiert: Roberto Mincigrucci, Anna Stanziano und Marco Mazzoni untersuchen Spektakularisierung und Instrumentalisierung als hervorstechende Merkmale der Skandalberichterstattung der italienischen Presse im Korruptionsskandal um Gianfranco Fini und die „Villa in Monte Carlo“. Parteiische Berichterstattung sei, so die Autoren, ein weiteres Charakteristika des investigativen Journalismus in Italien, dessen Vertreter sich in einem politisch stark segmentierten Markt behaupten müssten. Am Beispiel des CDU-Spendenskandals analysieren Dominic Nyhuis und Susumu Shikano, wie sich Skandale auf die Valenz der Skandalierten und die politische Präferenz der Skandal-Beobachter auswirken und stellen fest, dass die Wähler schnell und nuanciert auf neue Informationen im Skandal reagierten. Laeed Zaghlami blickt als einziger über Europa und die USA hinaus: Am Beispiel Algeriens betrachtet er den Konflikt zwischen religiös bedingtem Tabu gegen die Skandalierung abweichenden Verhaltens und den Bedürfnissen einer zunehmend pluralistischen Mediengesellschaft nach Transparenz und Skandal-Kommunikation.

Ergänzt werden die Beiträge durch zwei Interviews. Hendrik Michael und Robert Entman tauschten sich über die Frage aus, ob sich Donald Trumps Wahlkampagne und Präsidentschaft als Chance oder als Hemmnis auf Skandalberichterstattung und die Rolle des investigativen Journalismus auswirken könne. Michael interviewte außerdem gemeinsam mit André Haller den Journalisten Frederik Obermaier, Mitglied des hinter der Veröffentlichung der „Panama Papers“ stehenden „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) zu den Herausforderungen internationaler journalistischer Zusammenarbeit und den Folgen der Veröffentlichung.

Als Schwerpunkte des Bandes erscheinen neben Rolle und Selbstverständnis der Journalisten als Akteuren im Skandal vor allem theoretische Ansätze in Verbindung mit quantitativ-qualitativen Analysen beziehungsweise Laborstudien. Auch wenn die theoretischen Überlegungen zum Teil eine allgemeine Gültigkeit zu beanspruchen scheinen, liegt der Fokus klar auf westlichen demokratischen Mediengesellschaften des späten 20. und 21. Jahrhunderts. Der starke theoretische Fokus führt außerdem dazu, dass sich die einzelnen Beiträge zum Teil deutlich überschneiden, andererseits bleiben sie aber in einigen Fällen recht vage hinsichtlich der genauen Definition von Skandalen beziehungsweise der klar herauszulesenden, aber nicht immer verbalisierten Beschränkung auf bestimmte Arten von Skandalen in bestimmten Epochen und Gesellschaftsformen. Insgesamt bilden die Beiträge aber auf jeden Fall einen interessanten und vielschichtigen Einblick in die journalistisch-medienwissenschaftliche Seite der Skandalforschung.