Eigenschaften entstehen aus Relationen. Die Eigenschaften der deutschen Nation sind nicht vorgegeben, sondern werden ständig neu interpretiert und kommuniziert. Diesen methodischen Ausgangspunkt wählt der Frankfurter Historiker Andreas Fahrmeir, wenn er in seiner neuen Studie das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation in historisch großem Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart erzählt. Auf 214 Seiten breitet er in neun unterschiedlich langen Kapiteln eine Beziehungsgeschichte aus. Das Buch enthält sehr knappe Lektüreempfehlungen, aber kein Register. Fahrmeir schreibt keine Geschichte der deutschen Nation, sondern eine Deutungsgeschichte mit gegensätzlichen Meinungen und Widersprüchen. Es ist ein Forschungsüberblick mit einer These: Was unter der deutschen Nation zu verstehen war, war immer umstritten.
Die Risse zeigten sich schon im Mittelalter. Die Studenten der Universitäten und die Teilnehmer der spätmittelalterlichen Konzilien waren nach Nationes geordnet. Das waren die jeweiligen Nachbarn. Dieser Grundsatz galt im Prinzip überall, weil jeder Nachbarn in den vier Himmelsrichtungen hatte: an der Pariser Universität gab es die Gallier, Picarden (aus dem Süden), Normannen (aus dem Norden und Westen) und Engländer (aus dem Norden oder Osten). Deutsche Universitätsangehörige galten als Engländer. In Prag gab es die bayerische, die sächsische, die polnische und die böhmische Nation. Der historisch-kulturelle Bezug auf den Fremden herrschte jedoch nur in einer schmalen Elite vor und besaß bis zum 18. Jahrhundert noch keinen politischen oder administrativen Gehalt (S. 30). Mit der Aufklärung änderte sich das. Zum einen gewann die Nation jetzt allgemein an Bedeutung, zum anderen trat sie jetzt mit ihrer ganzen Janusköpfigkeit hervor. Sie begründete den Einschluss aller Zugehörigen mit gleichen Rechten und Pflichten, gleichzeitig aber auch den Ausschluss aller anderen. Einer Nation anzugehören begründete politische Partizipation und soziale Gleichheit. Über Deutschland hinaus galt einerseits, dass Demokratie und Sozialstaat in Nationalstaaten entstanden. Die Fähigkeit des Nationalismus zur Selbstmobilisierung der deutschen Gesellschaft steigerte andererseits seine Zerstörungskraft und verlängerte Kriege ins zuvor nicht Vorstellbare. Emanzipation und Aggression, Partizipation und Ausschluss aus der Nation lagen in der deutschen Nation eng beieinander. Fahrmeir macht diese Ambivalenz für das 18., 19. und 20. Jahrhundert anschaulich.
Um mit dieser Ambivalenz zurechtzukommen, waren in der Nationalismusforschung und schon bei Zeitgenossen Phasenmodelle oder räumliche Zuordnungen populär. So habe der emanzipatorische Nationalismus der frühen Nationalbewegung bis in die Reichsgründungszeit vorgeherrscht und sei erst mit der wirtschaftlichen und zollpolitischen Abschließung des Reiches nach 1879 ausgrenzend und aggressiv geworden. Hans Kohn differenzierte im Rückblick auf den Nationalsozialismus räumlich und ordnete Westeuropa ein subjektives Nationsverständnis zu, wo jeder sich zu seiner Nation bekennen durfte, während in Osteuropa die Nation an objektiven, dem Individuum vorgegebenen Kriterien wie Sprache, Religion oder Rasse festgemacht wurde. Deutschland lag auf dieser Landkarte weit im Osten. Die zeitgenössischen Typologien aus dem späten 19. Jahrhundert wirken bis heute nach, wie die Arbeiten von Rogers Brubaker zeigen.
Fahrmeir bleibt skeptisch gegenüber diesen Modellen und sieht, im Einklang mit der neuesten Forschung, beide Aspekte eng verbunden. Die Ableitung der Zugehörigkeit war nirgends dringender wie in den Fragen von Einbürgerung und Staatsbürgerschaft. Fahrmeir ist selbst hervorgetreten mit Arbeiten zur Staatsbürgerschaft und nimmt Einbürgerung und Staatsbürgerschaft als Gradmesser für den inklusiven und exklusiven Charakter der Nation. Die Einbürgerungspolitik der deutschen Bundesstaaten im Kaiserreich wies erhebliche Unterschiede auf. Weder die Sprache noch die Kultur oder die Abstammung konnten sich als Kriterien für eine erfolgreiche Einbürgerung allgemein durchsetzen. Zwar versuchten die preußischen Behörden polnische Zuwanderer loszuwerden. Gegen die nationalistischen Ideologen standen aber auch staatliche, sogar machtstaatliche Bedürfnisse. Nach dem Abstammungsprinzip Deutsche in Chicago und St. Louis zur Wehrpflicht im Reich zu zwingen, kam nicht einmal dem Generalstab in den Sinn. Der Staat intensivierte seine Tätigkeit nicht nur als Machtstaat, sondern auch als Sozialstaat und bezog in der Reichsversicherungsordnung von 1911 sogar die Sozialdemokraten mit ein.
Nach 1918 änderte sich das Bild. Zwar blieb auch in der Weimarer Republik die Einbürgerungspraxis und die Staatsangehörigkeit uneinheitlich. Eine vergleichsweise großzügige Einbürgerung von Personen aus Osteuropa zog sehr lange Wartezeiten bis zur vollen Staatsangehörigkeit nach sich. Doch begann man nach dem verlorenen Weltkrieg mit den Kategorien Rasse und Volkszugehörigkeit zu operieren, ohne dass es je gelang, die Kriterien administrativ zu operationalisieren. Schädelmessungen taugten nicht als Grundlage für die Einbürgerung. Dennoch wurden diese Kriterien zum Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik. Hinzu kam etwas, das Fahrmeir noch stärker hätte herausstellen können: die Obsession mit dem Reinheitsgedanken. Rassevorstellungen waren weit verbreitet in ganz Europa – auch weit über das rechtsnationale Milieu hinaus. Erst die Leitvorstellung „reiner“ Rassen und der peinlichen Reinigung der arischen Rasse von allen Personen, die nicht exakt ins Schema passten, machte den Nationalsozialismus so tödlich. Dennoch war die Referenz auf Rasse und Rassezugehörigkeit in der Breite der deutschen Gesellschaft eine Voraussetzung dafür.
Das änderte sich nach 1945 völlig. Die Bundesdeutschen schauten auf ihre (Teil‑)Nation nicht mehr durch die Brille eines machtvollen Staats mit überragendem Einfluss in Kontinentaleuropa. An dessen Stelle trat „die Vision eines friedfertigen, in europäische Strukturen eingebundenen Landes, das sich vor allem durch Rechtsstaatlichkeit und Verfassungstreue auszeichne – und dem ein Nationalismus gemäß war, der den rationalen Bezug auf eine mustergültige Verfassung und die Integration in ‚den Westen‘ oder ‚Europa‘ zum Kern der eigenen Identität erhob“ (S. 162). Fahrmeir beschreibt den „Abschied vom ethnischen Nationalismus“, wobei er die Dauer ethnischer Exklusion etwa im Antiziganismus unterschätzen dürfte. Gerade nach 1990 offenbarte das wiedervereinte Deutschland, wie stark der Fremdenhass geblieben war.
Auch für die Gegenwart kommt Fahrmeir zu einem ambivalenten Ergebnis. Einerseits nimmt die deutsche Politik Abschied von Nationalstaatlichkeit als zentralem Maßstab und dekonstruieren Wissenschaftler aller Richtungen die Nation. Andererseits sieht er – nicht nur im Fußball-Sommermärchen von 2006 – eine „breite Popularität von Nationalstaatsvorstellungen und tendenziell exklusiven Nationskonzepten“ und sogar ein Festhalten der deutschen Bevölkerung am Abstammungsprinzip (S. 178). Gerade da es die deutsche Nationsvorstellung in ihrer durchgängigen Ambivalenz und Widersprüchlichkeit ausbreitet, ist dieses Buch so wichtig und gelungen.