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Einzelrezension

Conze, Eckart: Geschichte der Sicherheit. Entwicklung – Themen – Perspektiven, 234 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018.


Abstract

Historische Sicherheitsforschung

Keywords: Review, Conze, Eckart, 2018, Sicherheitsforschung, Sicherheit

How to Cite:

Weinhauer, K., (2019) “Conze, Eckart: Geschichte der Sicherheit. Entwicklung – Themen – Perspektiven, 234 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00065-9

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-03-06

Peer Reviewed

Sicherheit hat Konjunktur – inzwischen auch in geschichtswissenschaftlichen Analysen. In seinem interdisziplinären Überblick bündelt der Marburger Historiker Eckart Conze in sieben Kapiteln Forschungsansätze und Themenfelder der Historischen Sicherheitsforschung. Letztere gewann Konturen als mit Ende des Booms der Nachkriegszeit Fortschrittsoptimismus und Zukunftsgewissheit erodierten.

Das erste Kapitel (S. 7–20) verdeutlicht, wie seit den 1980er Jahren in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen Sicherheitsthemen identifiziert wurden. Die „Historische Sicherheitsforschung“ oder „Sicherheitsgeschichte“ (S. 14) betreibt die Historisierung von Sicherheit, beleuchtet also Wandlungen von Sicherheit und Sicherheitsvorstellungen – nicht nur in der Moderne. Grundlegend ist die Annahme, dass verschiedene Gesellschaften unterschiedliche Vorstellungen von Sicherheit beziehungsweise von Unsicherheit haben. In diesem Setting betont Conze das Wechselverhältnis von Wahrnehmungen und Vorstellungen über Sicherheit auf der einen und sozialem und politischem Handeln auf der anderen Seite. Nur angesprochen, aber nicht genauer ausbuchstabiert, wird dabei der Einfluss beziehungsweise das Zustandekommen von sozialem Wandel.

Wie Conze in Kapitel 2 (S. 21–45) hervorhebt, blieb die historisch fundierte Analyse von Sicherheit lange Zeit auf die Geschichte von Diplomatie, Außenbeziehungen oder internationalen Beziehungen bezogen. Der territoriale Staat galt als vorrangiger Sicherheitsakteur und zugleich als analytischer Referenzpunkt, eng verknüpft mit der Staatsbildung und mit dem Schutzversprechen des Leviathan. Da Wohlfahrtszwecke des Staats in Deutschland ab dem 19. Jahrhundert nicht als soziale Sicherheit, sondern als Sozialreform beziehungsweise Sozialpolitik gefasst wurden, war diese Forschung von den Themen der inneren und äußeren Sicherheitsforschung abgetrennt. Conze betont jedoch, dass es unbedingt notwendig sei, die enge Bindung von Staatlichkeit an die Sicherheitsgewährleistung als wandelbar und nicht als Endpunkt einer (womöglich einzig denkbaren) Entwicklung zu betrachten. Denn diese strikte Trennung von innerer und äußerer Sicherheitspolitik galt in einer zeitlich begrenzten Phase in Europa vom 19. Jahrhundert bis in das zweite Drittel des 20. Jahrhunderts.

Conze unterstreicht in Kapitel 3 (S. 47–68), dass zeitgenössische Krisen- und Unsicherheitserfahrungen seit den 1970er Jahren mit der etablierten Dreiteilung in äußere, innere und soziale Sicherheit nicht kompatibel waren. Seitdem galten Diskurse um Sicherheit viel stärker als zuvor den Bedrohungen und Gefährdungen der Gesellschaft. Speziell bei der ökologischen Sicherheit wirkten Lokalisierung und Internationalisierung von Diskursen Hand in Hand. Es ging um Entstaatlichung, Sicherheit der Gesellschaft und Sicherheit des Individuums. Verbunden mit diesen Veränderungen war das Aufkommen des Begriffs der „erweiterten Sicherheit“, der neue Sicherheitsakteure (wie Nichtregierungsorganisationen) ebenso ins Blickfeld rückte wie uncertainty, also Gefahren, die erst in der Zukunft entstehen könnten. Auch diese Erweiterung blendete innere Sicherheit und soziale Sicherheit aus und blieb oft begrenzt auf die Erforschung internationaler Politik und Sicherheit. In den 1990er Jahren gewann Human Security (von der UN geprägt) an Bedeutung und lenkte den Blick der Historischen Sicherheitsforschung weiter weg vom engen Bezug auf den Staat und die Moderne.

Wie Kapitel 4 (S. 69–105) zeigt, gewann die Historische Sicherheitsforschung erst in den letzten Jahren an Konturen, vorangetrieben vom cultural turn. In diesem Kapitel präsentiert Conze verschiedene Konzepte von Versicherheitlichung, das Konzept Gouvernementalität sowie auch die wegweisenden Arbeiten von Beatrice de Graaf zur europäischen Sicherheitskultur nach 1814/15. Kulturalistische Sicherheitsforschungen verwenden einen weiten Politikbegriff, der Politik als Kommunikationsraum versteht, sowie Begriffe wie „Sicherheitskultur“. Letztere verweist auf die Bedeutung subjektiver wie kollektiver Wahrnehmungsprozesse sowie auf Realitätsdeutungen und somit darauf, dass Sicherheit ein umkämpfter Begriff ist. Da jede Gesellschaft über eigene „Unsicherheitsprofile“ (Wolfgang Bonß) verfüge, öffne die Nutzung des Konzepts Sicherheitskultur aber auch den Weg zu historischen Vergleichsstudien.

Kapitel 5 (S. 107–126) präsentiert vor allem sozialwissenschaftliche Forschungen zu Risiko, Prävention und Resilienz. Hinzu kommt ein Einblick in die Analysen zur Bedrohung, angesiedelt in den beiden Sonderforschungsbereichen „Dynamiken der Sicherheit“ (Marburg/Gießen) sowie „Bedrohte Ordnungen“ (Tübingen). Das sechste Kapitel (S. 127–173) zeigt zum einen, wie Sicherheitswahrnehmungen dazu beitragen können, Räume zu generieren. Hier hätte der Rezensent gern mehr gelesen, vor allem über die nur kurz angesprochene Zonierung von Städten oder über Kartierungen. Zum anderen wird die Zeitebene von Sicherheit angesprochen. So verdeutlichte Niklas Luhmann, wie „Erwartungssicherheit“ (S. 134) angesichts einer offenen Zukunft eine Grundlage sozialen Handelns bilden kann, ohne an der Idee absoluter Sicherheit festzuhalten. Zwar minimiere die mit der Herstellung von Erwartungssicherheit verbundene Abschätzung von Risiken Unsicherheit, gleichzeitig produziere die dauernde Risikokommunikation neue Unsicherheit (S. 144). Abschließend gilt Conzes Aufmerksamkeit historischen Arbeiten über den Aufstieg des modernen Interventionsstaats, zum social engineering oder den Ansätzen, Sicherheitsgeschichte als Emotionsgeschichte zu betreiben. Das letzte Kapitel (S. 175–178) benennt neue Forschungsfelder wie raumbezogene kolonial- und globalhistorische Studien, die Untersuchung nicht-westlicher Sicherheitsvorstellungen sowie den Ausbau des Gesellschafts- und Kulturvergleichs. Abschließend verweist Conze nochmals nachdrücklich darauf, dass Debatten über Sicherheit zentrale Selbstverständigungsdebatten sind um Rolle und Macht des Staates sowie um individuelle Rechte und Freiheiten.

Insgesamt ist die Struktur des Buchs nicht durchgängig völlig überzeugend. Es gibt inhaltliche Überschneidungen und Kapitel 5 und 6 sind systematisch schwer zu erschließen, hier wird eher nebeneinander gestellt als konzeptionell verbunden. Auch ist das politikgeschichtliche Interesse des Autors deutlich erkennbar: Die Ergebnisse kriminologischer sowie medienwissenschaftlicher Sicherheitsstudien werden kaum berücksichtigt. Auch wird die Entität Gesellschaft als analytischer Bezugsrahmen wenig hinterfragt und durch die Forderung nach Gesellschaftsvergleichen noch gefestigt, wo gerade das Thema Sicherheit Anlass geben könnte, den Städtevergleich oder die Bedeutungen transnationaler wie translokaler Transfers aufzuwerten. Zudem bleibt die Frage, die allerdings an das gesamte Feld der (Historischen) Sicherheitsforschung zu richten ist: Wie lassen sich Kriege, zumal globale wie der Erste und Zweite Weltkrieg, in diese Forschungsrichtung integrieren, die so deutlich vom politischen Setting der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt ist? Wie lässt sich hier Sicherheit konzipieren und welcher Erkenntnisgewinn ließe sich daraus ziehen? Insgesamt gesehen vermittelt Conze Buch sehr solide Einblicke in ein boomendes Forschungsfeld. Wer sich über Historische Sicherheitsforschung zuverlässig informieren will, kommt an dem Standardwerk von Conze nicht vorbei – und wird es mit Gewinn lesen.