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Einzelrezension

Brakensiek, Stefan/Marx, Christoph/Scheller, Benjamin (Hrsg.): Wagnisse. Risiken eingehen, Risiken analysieren, von Risiken erzählen, 229 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2017.


Abstract

Risks

Keywords: Review, Brakensiek, Stefan, Marx, Christoph, Scheller, Benjamin, Risiko, Wagnisse

How to Cite:

Wieters, H., (2019) “Brakensiek, Stefan/Marx, Christoph/Scheller, Benjamin (Hrsg.): Wagnisse. Risiken eingehen, Risiken analysieren, von Risiken erzählen, 229 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00064-w

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-21

Peer Reviewed

Das Risiko, in der Rezension des eigenen Sammelbandes mangelnde Systematik vorgeworfen zu bekommen ist relativ hoch, gerade deshalb jedoch in gewisser Weise kalkulierbar. Sammelbände sind per definitionem nie aus einem Guss, sie leben von und mit der unterschiedlichen Qualität ihrer Einzelteile und das – so zeigt ihre ungebrochene Präsenz im Programm deutscher Wissenschaftsverlage – anscheinend ganz gut. Der hier besprochene Sammelband „Wagnisse. Risiken eingehen, Risiken analysieren, von Risiken erzählen“ bewegt sich in dieser Hinsicht keinesfalls auf neuem Terrain: Die acht Beiträge stammen aus einer Ringvorlesung am Graduiertenkolleg „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage“, das im Winter 2015/16 an der Universität Duisburg-Essen stattfand; sie sind chronologisch angeordnet und von einer Einleitung eingerahmt, in der die Herausgeber Stefan Brakensiek, Christoph Marx und Benjamin Scheller versuchen, die Beiträge inhaltlich zusammenzubinden.

Dies funktioniert allerdings erstaunlich gut, gerade angesichts der Tatsache, dass die Beiträge thematisch tatsächlich recht disparat sind und zudem althistorische, sozial- und wirtschaftshistorische, ideen- und kulturgeschichtliche sowie nicht zuletzt auch soziologische Perspektiven aufrufen. In ihrer Einleitung blicken die Herausgeber auf „den aktiven Umgang mit Zukunft, […] Haltungen und Handlungsweisen, mit denen sich Menschen – epochenübergreifend und im globalen Maßstab – auf kontingente Ereignisse und Entwicklungen aktiv einstellen“ (S. 7). Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Auslotung, Bewältigung sowie der gleichzeitigen Hervorbringung „menschengemachter Kontingenz“. Zukunftshandeln erfordere, so die These, immer die Inkaufnahme gewisser antizipierter Risiken, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Erst retrospektiv (und zumeist nur im Erfolgsfalle) schält sich das „Wagnis“ aus diesem Prozess heraus; die Herausgeber betrachten es entsprechend als „Ergebnis einer Narrativierung des Umgangs mit Kontingenz“ (S. 9) und lenken somit den Blick auf Struktur und Wandel sprachlicher Sinnstiftungsprozesse und damit verbundener Verhaltensweisen.

Der Althistoriker Mischa Meier befragt und interpretiert im ersten Beitrag des Bandes die spärlichen vorhandenen Quellen über das Mordkomplott an Hunnenherrscher Attila (449 n. Chr.) auf ihre Aussagekraft hinsichtlich der Motivationen der verhinderten „Mörder“. Die Herleitung der Frage, ob sich der letztlich gescheiterte Anschlag als Verzweiflungstat, Wagnis oder rationales Kalkül lesen lässt, ist durchaus anregend, besonders interessant ist jedoch die im Beitrag eher implizit reflektierte Frage, welche Rolle Historiker_innen selbst spielen, wenn es um die Narration und Kontextualisierung von „Wagnissen“ geht. Eine große Rolle spielt dieser Aspekt auch im Beitrag von Hansjörg Siegenthaler über die Rolle von Ökonomen für den Wandel von Kontingenzbewältigung sowie auch in Marian Füssels knappem Text über „die Schlacht als kalkuliertes Wagnis im langen 18. Jahrhundert“. Füssel illustriert anhand von Selbstzeugnissen prominenter Militärtheoretiker und Kriegsherren die zeitgenössische Wahrnehmung der Schlacht als hochgradig kontingentes Ereignis und lenkt den Blick dezidiert auf die retrospektive Narrativierung von Schlachten als Wagnisse oder Wahnsinnstaten durch Zeitgenossen und Historiker. Giovanni Ceccarelli wendet in seinem Aufsatz über Risikostrategien aktuelle verhaltensökonomische Überlegungen auf frühneuzeitliche Versicherungsmärkte in und um Florenz an und stellt überzeugend heraus, wie Versicherungskaufleute auf höchst pragmatische Art und Weise sowohl mathematische und proto-probabilitische als auch über Faustregeln tradierte „Risiko“-Analysen miteinander kombinierten, um geschäftliche Unternehmungen beherrschbarer zu machen. Helen Pauls Aufsatz über die South-Sea Bubble zu Beginn des 18. Jahrhunderts schlägt inhaltlich in eine ähnliche Kerbe, allerdings hätte dem kurzen und dadurch ohnehin schon etwas oberflächlichen englischsprachigen Text ein gründliches Redigat nicht geschadet. Deutlich instruktiver liest sich hingegen der Aufsatz über Umbrüche auf den deutschen Immobilienmärkten am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Alexander Nützenadel zeigt auf, welchen Einfluss Immobilienmärkte und ihre zunehmende Verflechtung mit dem Finanzsektor auf den Wandel von Risikovorstellungen und ökonomischer Erwartungsbildung hatten. Er argumentiert, dass insbesondere die Immobilienspekulation zur Ausbreitung von Spektulationspraktiken insgesamt beitrug.

Thematisch quer zu den eher klassisch wirtschaftshistorischen Blickwinkeln beschäftigt sich Arwen P. Mohun im vorletzten Beitrag des Bandes mit dem Wandel US-amerikanischer Diskurse über Waffengewalt und Waffenkontrolle. Mohun zeigt einerseits, wie sich der Risikofokus von der Waffe als „unsicherem“ Gerät hin zum Träger der Waffe als zentralem Risikofaktor verschob. Zudem verweist sie auf das traditionelle Nebeneinander von populären Diskursen und Expertendiskursen und zeigt auf, dass es weniger den Experten und ihren statistisch fundierten Gefahrenanalyen sondern eher Werbefirmen und gut vernetzten Einzelpersonen gelang, zentrale Argumente (wie etwa das Recht auf Selbstverteidigung) zu platzieren und so nachhaltigen Einfluss auf Debatten über allgemeinen Waffenbesitz zu nehmen. Für den letzten Beitrag haben die Herausgeber mit Ortwin Renn einen im Bereich der Risikoforschung sehr etablierten Soziologen gewonnen, der wichtige Beiträge zur aktuellen Debatte über den Wandel des gesellschaftlichen Umganges mit Risiken geleistet hat. Während disziplinenübergreifende Sammelbände grundsätzlich zu begrüßen sind, fällt der hier platzierte Aufsatz allerdings eher aus dem Rahmen: Renns Beitrag ist von seiner Anlage her – im Gegensatz zu den meisten anderen Aufsätzen – nicht nur bar jeder Empirie; der hochgradig theoretischer Ausflug in die Entwicklungsbiologie zur Wurzel des Kontingenzbewusstseins sowie die folgende Reflektion der Beziehung von Kontingenzreduktion und Kontingenzerzeugung in der Moderne ist zudem auch sprachlich hart an der Grenze der Lesbarkeit. Dies ist ein wenig schade, da der ansonsten durchaus runde Sammelband gegen Ende noch eine vermeidbare Delle erhält. Andererseits soll es ja Leute geben, die Herausforderungen mögen; in diesem Sinne mag der Titel des Sammelbandes den Herausgebern auch für die Auswahl der Texte Programm gewesen sein.