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Einzelrezension

Bösl, Elsbeth: Doing Ancient DNA. Zur Wissenschaftsgeschichte der aDNA-Forschung, 460 S., transcript, Bielefeld 2017.


Abstract

Ancient DNA – Über das Verstehen einer besonderen Schrift

Keywords: Review, Bösl, Elisabeth, 2017, DNA, Wissenschaftsgeschichte

How to Cite:

Fäßler, P., (2019) “Bösl, Elsbeth: Doing Ancient DNA. Zur Wissenschaftsgeschichte der aDNA-Forschung, 460 S., transcript, Bielefeld 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00063-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-16

Peer Reviewed

Bei der Habilitationsschrift von Elsbeth Bösl handelt es sich in zweifacher Hinsicht um eine bemerkenswerte, weil überaus gelungene Studie. Methodologisch erschließt sie das weite, gleichwohl für Historikerinnen und Historiker wenig vertraute Feld der „Genetic History“, auf dem vornehmlich gentechnische und -analytische Verfahren zur Anwendung kommen. Zugleich bietet ein neues, für textorientierte Geisteswissenschaftler_innen unkonventionelles Forschungsgebiet besonders große Chancen auf wissenschaftsgeschichtliche Einsichten. Dafür aber müsste die Verfasserin Wissenschaft auch als gesellschaftliches und politisches Projekt verstehen – und das tut Bösl. Ein gewisses Risiko geht sie mit der Wahl ihres Themas durchaus ein. Denn intellektuelle Abwehrreflexe seitens zahlreicher Geisteswissenschaftler_innen gegen die methodenbedingt vermeintliche Gefahr einer biologistisch-deterministischen Geschichtskonstruktion sind untrennbar mit der Geschichte der Genetic History verknüpft, vor allem aber mit der gegenwärtigen Debatte um dieselbe.

Das Untersuchungskonzept erscheint ebenso klar wie einleuchtend. Eingangs erläutert die Verfasserin den eigentlichen Kern der seit den 1980er Jahren praktizierten aDNA-Forschung, lotet deren Methoden und Erklärungsreichweite aus und ordnet diese Forschung in einen ethischen und politischen Rahmen ein. Warum aber überhaupt insbesondere die Ur- und Frühgeschichte wie auch die Archäologie ancient DNA als Untersuchungsobjekt heranziehen, diese Frage sucht Bösl entlang der wissenschaftshistorischen Genese zu klären. Den Auftakt prägten geradezu euphorisierende Projekte wie jenes zur DNA-Rekonstruktion des berühmten Quaggas, eines frühen Verwandten der heutigen Zebras. Auch der bekannte Paläogenetiker Svante Pääbo hat mit seiner einer breiten Öffentlichkeit vertrauten Analyse der Ötzi-DNA für Furore gesorgt. Kundig setzt die Verfasserin die Erforschung der aDNA in Bezug zu gentechnischen Fortschritten, wobei die Polymerase-Chain-Reaction (PCR) an prominenter Stelle zu nennen ist. Bei all den aufsehenerregenden Beispielen tappt Bösl aber nicht in die klassische wissenschaftshistorische Falle, das Fortschrittsnarrativ eines linearen Erfolges zu zeichnen. Auch wenn die Verfasserin erkennbar von den methodischen Vorzügen der Genetic History überzeugt ist, spart sie in ihrer Schilderung „gescheiterte Experimente“ und „Desillusionierungen“ keineswegs aus. Eindrücklich analysiert sie die 1990er Jahre, als überzogene Erwartungen enttäuscht und oftmals aDNA-Analysen aufgrund von Verunreinigungen als wertlos erkannt wurden. So gelingt ihr ein gleichermaßen erhellendes wie spannendes Lehrstück wissenschaftlicher Entwicklung zu erzählen.

Über diese disziplinbezogene Bühne hinaus weist das letzte Kapitel. Es knüpft den Anschluss an überfachliche Diskussionen, an Nachbardisziplinen wie auch an öffentliche Debatten. Und die haben es angesichts der biologischen Grundierung des Forschungsfeldes in sich. Differenziert und souverän zeigt Bösl dabei Chancen und Grenzen einer aDNA-basierten Genetic History auf, etwa wenn Fragen zur historischen Klärung von dynastischen Verwandtschaftsverhältnissen anstehen. Den Methodendualismus bezüglich „Sex-Gender-Bestimmungen“ – aDNA-Analyse einerseits, anthropologisch-kulturwissenschaftliche Methoden andererseits – führt sie als weiteres Beispiel an, um die Reichweite der Methode zu veranschaulichen. Immer wieder weist sie in großer Gelassenheit biologistische Übergriffigkeit und kulturalistische Hysterie zurück. Vielmehr betont sie zu Recht am Ende ihrer rundum gelungenen tour d’horizon das Potenzial der Genetic History für einen Brückenschlag, um den vielfach beklagten, tiefen Graben zwischen den beiden Wissenschaftskulturen „Natur-“ und „Geisteswissenschaften“ zu überwinden.

Was lehrt uns nun die Wissenschaftsgeschichte der ancient DNA-Forschung? Laut Bösl dient sie als Lehrstück über Wissenschaftler_innen, die anfangs überzogene Erklärungsansprüche unter dem Eindruck zwischenzeitlicher Misserfolge und Rückschläge zurücknahmen und die gelernt haben, im fachübergreifenden Diskurs eine konstruktive Wissenschaftskultur par excellence zu praktizieren.