Helmut Altrichter hat bereits mehrere einschlägige Überblickswerke zur sowjetischen Geschichte verfasst. Entsprechend erwartungsvoll blickt man auf die jetzt von ihm vorgelegte Stalin-Biografie. Um diesem Werk gerecht zu werden, sollte man die Lektüre mit der „Danksagung“ (S. 339 f.) beginnen. Altrichter spricht hier die Zwänge an, unter denen er das Manuskript abfasste. Der Verlag gab vor, nicht nur einzelne Phasen von Stalins Politik, „gruppiert um zentrale Fragen der Forschung“, sondern das ‚gesamte‘ Leben“ zum Gegenstand der Darstellung zu machen, „samt den staatlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die den Aufstieg ermöglichten, sowie den Auswirkungen seiner Politik, die im Lande selbst und in der Welt bis in die Gegenwart reichen“. Eine erste Fassung musste drastisch gekürzt werden. Dem ist auch der Anmerkungsapparat zum Opfer gefallen. Nur das kurze Verzeichnis selbständiger Titel gibt Aufschluss über die herangezogene Literatur.
Altrichter erhebt nicht den Anspruch, eine neue Stalin-Interpretation vorzunehmen. Vielmehr will er das vorhandene Wissen kompetent für eine „breite, historisch interessierte Leserschaft“ zusammenfassen. Sein Stalin-Bild unterscheidet sich wohltuend von dem Jörg Baberowskis, der Stalin vor allem als einen Tyrannen zeichnet, dem seine Grausamkeit Lust bereitete. Altrichter zeigt auf, wie sich Stalins Hang zur Grausamkeit in der Jugend und dann vor allem bei seinem Aufstieg als engster Getreuer Lenins entwickelte. Auch die Handlungsmaximen und Gewaltexzesse des Bürgerkriegs prägten Stalin (S. 103). Zudem bildete sich bei ihm ein extremes Misstrauen aus: Er gewann die „Grundüberzeugung, dass man niemandem, selbst in der engeren Umgebung, trauen konnte“ (S. 69).
Die Schilderung von Stalins Leben verbindet Altrichter in den einzelnen Kapiteln jeweils mit einem Schlüsselereignis (S. 15). Das erscheint innovativ, allerdings leuchten nicht alle ausgewählten Daten als inhaltliche Wendepunkte ein. Sieben liegen vor dem Herbst 1929, dem frühesten Datum, das man als Beginn von Stalins Diktatur ansetzen kann. Stalins Geburtsdatum wählt er für das Kapitel zur „Herkunft und Schulzeit“; den Überfall auf den Geldtransport in Tiflis 1907 für das Kapitel „Der Sozialbandit“; das Datum des Oktoberumsturzes 1917 zur Schilderung von Stalins Aufstieg bei den Bolschewiki; Stalins Gewaltexzess bei der Getreiderequisition im Juni 1918 in Caricyn für Kapitel 4 („Volkskommissar im Bürgerkrieg“); seine Ernennung zum Generalsekretär der Partei im April 1922 zur Schilderung von Stalins Rolle unter Lenin; Lenins Todesdatum zur Behandlung des Nachfolgekampfs (Kapitel 6); und schließlich Stalins neuerlichen Gewalteinsatz bei der Getreidebeschaffung Anfang 1928 für Kapitel 7 „Der linke Revolutionär“. Nur zwei der „Schlüsseldaten“ fallen auf Stalins diktatorische Alleinherrschaft bis 1941: die Anordnung des Massenterrors Anfang Juli 1937 (Kapitel 8: „Der Staatsterrorist“) und Stalins Appell an die Bevölkerung zum 24. Jahrestag der Revolution im November 1941 (Kapitel 9 „Der Vaterländische Generalissimus“). Für das zehnte Kapitel „Zuchtmeister und Weltenlenker“ wählt Altrichter die Jalta-Konferenz 1945 und für das abschließende elfte Kapitel Stalins Tod. Diese beiden Kapitel zeigen auf, wie es der Sowjetunion gelang, den Zweiten Weltkrieg siegreich zu überstehen und zur Welt- und Atommacht aufzusteigen, und wie Stalin vermochte, sich das Verdienst daran zuzuschreiben. Die „Schlüsselereignisse“ prägen die Darstellung allerdings kaum. Sie erfolgt weitgehend chronologisch und schenkt den Jahren zwischen den „Ereignissen“ die gleiche Beachtung.
Den Vorgaben der Reihe folgend versteht es Altrichter, die Ereignisse in ihrem Kontext vor allem dort kompetent zu schildern, wo es um allgemeine politische und außenpolitische Dinge geht. Für eine „Biografie“ erscheint es allerdings irritierend, dass Stalin über lange Passagen nicht vorkommt (vgl. etwa S. 72–78, 112–122). Was Altrichter vorlegt, ist also zugleich eine Geschichte der Bolschewiki beziehungsweise eine Geschichte der Sowjetunion bis zu Stalins Tod. Nur die gelegentlichen Schilderungen von Stalins privatem Umfeld und seiner Familie (u. a. S. 58 f., 108–113, 195 ff., 225–229) rufen den biografischen Ansatz in Erinnerung.
Hervorzuheben ist, dass Altrichter die Äußerungen des ans Krankenbett gefesselten Lenins über Stalin kritisch kommentiert: Sie stellten keine „Mahnung eines Geläuterten“ dar, sondern die eines Selbstgerechten, der seine Macht schwinden sah (S. 136 f.). Mit Blick auf die Brüche in Stalins Politik weist Altrichter der internationalen Lage eine überraschende Bedeutung zu: Die Gefahr eines Krieges habe auch die innenpolitische Konzeption in Frage gestellt. Der Gesamtbefund, in einer innen- und außenpolitischen Sackgasse festzustecken, habe Stalin im Winter 1927/1928 veranlasst, eine Kehrtwende zu vollziehen (S. 160–165). Auch den großen Terror sieht er vor allem außenpolitisch veranlasst: Stalin habe überall Feinde erblickt und eine kapitalistische Einkreisung gefürchtet. Niederlagen im Spanischen Bürgerkrieg hätte er auf Verrat zurückgeführt (S. 207–210). Stalins Gewalteinsatz bei der Getreidebeschaffung Anfang 1928 stellte sicherlich eine entscheidende Zäsur dar. Sie leitete allerdings nicht bruchlos seine Alleinherrschaft ein, deren Beginn Ende 1929 als der eigentliche Einschnitt anzusehen ist: Altrichter übergeht, dass Stalin im Sommer 1928 aufgrund des Fehlschlags seiner Gewaltanwendung noch einmal entscheidend in die Defensive geriet. Erst nach der Ausschaltung der „Rechten Opposition“ bestimmte er ab 1929 tatsächlich die Politik alleine. Von da an galt, was Altrichter für die Abfassung der neuen Verfassung von 1936 feststellt: dass nämlich alles überwiegend auf Initiative Stalins erfolgte: „Alle wichtigen Vorhaben trugen seine Unterschrift, keines war gegen seinen Willen angestoßen worden“ (S. 206). Es verwundert, dass der Autor nicht betont, dass dies sogar in besonderem Maße bereits für die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Entscheidungen ab Ende 1929 galt. Zu diesem Zeitpunkt riss Stalin auch die Verantwortung für die Wirtschaft an sich. Auf diesem für ihn neuen Feld bewegte er sich wie ein Feldherr an der Front und entwickelte die gleichen „Qualitäten“, die Altrichter später für den Sieg im Zweiten Weltkrieg hervorhebt: Stalin erkannte Fehler, die seine Macht bedrohten, und vermochte sie zu korrigieren (S. 262).
Altrichter übergeht die forcierte Industrialisierung, obwohl Stalin diese dirigierte und sie ökonomisch überhaupt erst seine Diktatur und den Terror absicherte. Lediglich das Fiasko der Kollektivierung beleuchtet er. Die einschlägigen Studien zu Stalins Wirtschaftslenkung finden sich – abgesehen von der Kollektivierung – nicht im Literaturverzeichnis. Stalins Fähigkeit, eigene gravierende Fehler in der Wirtschaftslenkung (und später in der Kriegsführung) selbst zu erkennen, war die Voraussetzung dafür, dass er sich trotz des von ihm ausgeübten Terrors an der Macht halten konnte. Zudem verstand es Stalin in allen Situationen, vor der Bevölkerung die Verantwortung für eigene Fehler erfolgreich auf andere zu schieben (S. 222 ff.).
Fragwürdig ist auch Altrichters Entscheidung, Stalins „Erziehungsdiktatur“ völlig außer Acht zu lassen, obwohl er der Bedeutung von Bildung für Stalins eigenen Werdegang breiten Raum widmet.
Kapitel 7 und 8 unterscheiden sich durch die Darstellungsweise. So präsentiert Altrichter hier seitenweise Stalin im Originalton. Er lässt die Aussagen einfach stehen, als ob Stalins öffentliche Äußerungen direkten Aufschluss über seine tatsächliche Sichtweise vermitteln (u. a. S. 166 f, 174–178, 182 f., 189 f., 191 f., 203). Für Stalin war aber gerade charakteristisch, dass er seine radikalen Politikkorrekturen – anders als zuvor Lenin – nie öffentlich vollzog. Was Altrichter als „Schlingerkurs“ bezeichnet (S. 15 f.), waren nur zum Teil schnelle Kursschwankungen zum Machterhalt, um seine Gegner zu verwirren. Vielfach ging es um dauerhafte radikale Wechsel der Politik, die Stalin gleichwohl als gradliniges Voranschreiten ausgab: So bestand bereits seine Reaktion auf den „Weiberaufruhr“ Anfang 1930 in einer dauerhaften Abkehr von der völligen Beseitigung der bäuerlichen Privatwirtschaft: Er gestand den Bäuerinnen eine Kuh und Hofland zu. Nur die Kurskorrektur in der Agrarpolitik Ende 1932 und den Kurswechsel gegenüber der Orthodoxen Kirche im Zweiten Weltkrieg spricht Altrichter direkt an (S. 197 f., 267 f.).
Die Stärken und Schwächen von Altrichters Studie spiegeln zwar keine weiße Flecken in der Forschung, wohl aber in fast allen vorliegenden Überblickswerken. Diese werden der Komplexität von Stalins Persönlichkeit nicht gerecht, indem sie zu sehr auf den Gewaltmenschen Stalin fixiert sind, ohne dem – man ist fast verleitet zu sagen „genialen“ – Konstrukteur einer Ökonomie, die seinen diktatorischen Interessen entsprach, und einer Herrschaftsinszenierung, die ihm Legitimitätsglauben verschaffte, hinreichend Beachtung zu schenken. Altrichters Vorhaben, einem breiten Leserkreis einen Überblick zu geben, ist überwiegend gelungen. Er schildert die Prägung Stalins in den ersten sechs Kapiteln überzeugend, ebenso die internationale Lage und die Außenpolitik in den Kapitel 9 bis 11. Sein Verzicht, die forcierte Industrialisierung und Stalins Rolle bei der Wirtschaftslenkung zu behandeln, führen aber dazu, dass er wichtige Grundlagen von Stalins diktatorischer Herrschaft nicht anspricht.