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Einzelrezension

Über die deutschen Täter beim Judenmord


Abstract

Über die deutschen Täter beim Judenmord

Keywords: Review, Lewy, Guenter, 2017, Shoah, Holocaust, Täter

How to Cite:

Friedrich, K., (2019) “Über die deutschen Täter beim Judenmord”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0056-8

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-18

Lewy, Guenter: Perpetrators. The World of the Holocaust Killers, 208 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2017.

Mit seinen letzten Studien ist der emeritierte US-amerikanische Politikwissenschaftler Guenter Lewy ins Land seiner Kindheit und Jugend zurückgekehrt. Nun hat er sich mit einer Charakteristik der zahllosen deutschen Täter beim Judenmord befasst. Er stützt sich auf Selbstzeugnisse der Beteiligten, die Materialien der Verfahren gegen nationalsozialistische Gewaltverbrecher vor alliierten und bundesdeutschen Gerichten und eine vertiefte Kenntnis der deutsch- und englischsprachigen Forschungsliteratur.

Es geht hier um die seit 1945 oft gestellte Frage, warum sich im Land Johann Wolfgang von Goethes, Friedrich Schillers und Ludwig van Beethovens so viele fanden, beim Töten unschuldiger Menschen mitzumachen (S. VII). Dabei hält Lewy monokausale Erklärungen nicht für tragfähig. Indem er sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln nähert, betrachtet er zunächst die Lage von Juden in den Konzentrationslagern, dann die Massenerschießungen 1941/42. Er beschreibt einige derjenigen, die als Mörder und Täter verurteilt wurden und schildert, wie die Vernichtungslager funktionierten. Dem stellt er gegenüber, was passieren konnte, wenn sich jemand dem Töten verweigerte oder aktiv widersetzte. Sodann geht es um die Mängel bei der juristischen Ahndung der NS-Gewaltverbrechen in der Bundesrepublik Deutschland, ehe er – wie es die letzte Kapitelüberschrift ankündigt – „den Holocaust erklärt“ (S. 118).

Zuzustimmen ist dem Verfasser, wenn er feststellt, dass die Vergangenheitsbewältigung in der Bonner Republik ganz und gar keine Erfolgsgeschichte war. In zahlreichen detaillierten Porträts von Tätern kann Lewy deren Geistesverfassung und mannigfaltigen Beweggründe herausarbeiten. Am Ende listet Lewy einige der wichtigsten Faktoren auf, die sie zu Mördern bei der Judenverfolgung werden ließ. Die antijüdischen Verbrechen waren von Staats wegen begangene Verbrechen in einem Land, in dem Staats- und Führergläubigkeit herrschte; sie wurden machtvoll vorangetrieben von Hitler, Himmler, Heydrich und anderen fanatischen Naziführern; sie bedienten sich der SS als verschworener Gemeinschaft, die die Judenverfolgung als ihre moralische Pflicht auffasste. Die Verbrechen fußten aber auch auf einem in der deutschen Bevölkerung verbreiteten Antisemitismus jedweder Spielart und wurden befördert durch Indoktrination mithilfe einer allgegenwärtigen Hetze.

Die europäische Dimension des Judenmords tritt dagegen zurück. Selbst die österreichischen Täter werden nur am Rande einbezogen – sie waren beim Judenmord führend beteiligt, obwohl Österreich der NS-Propaganda erst ab 1938 ausgesetzt war. Ukrainer werden mehrmals, Rumänen, Letten und Litauer ein- oder zweimal als tatkräftige und besonders brutale Täter beim Judenmord genannt (S. 30f., 35, 45); Fragen nach dem Kollektivverhalten anderer Nationen und ethnischer Gruppen unterbleiben.

Für die drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ gibt der Verfasser leider von der Forschung überholte Opferzahlen an, die weit über die höchstens 1,7 Millionen dort Ermordeten hinausgehen; auch die Angaben für Kulmhof entsprechen nicht dem aktuellen Forschungsstand (S. 61–64). Am Beispiel des Breslauer Rechtsanwalts Dr. Albert Battel (1891–1952), der seit 1933 NSDAP-Mitglied war und als Wehrmachtsoffizier in Przemyśl mehrere Hundert Juden zu retten versuchte, und des Lehrers Wilm Hosenfeld (1895–1952), der 1933 der SA und 1935 der NSDAP beigetreten war und sich dennoch um Hilfe für Polen und Juden bemühte, als er ab 1940 in Warschau stationiert war, hätten sich auch solche Ambivalenzen erörtern lassen (S. 81f.). Die Fotos von Tätern und Opfern sind an anderer Stelle bereits veröffentlicht worden.

Nach der sorgfältigen Analyse in den ersten sechs Kapiteln mag das Fazit auf den ersten Blick enttäuschen: Ideologische Faktoren und Hassgefühle gegen Juden gingen aufseiten der Täter Hand in Hand mit Erwartungen, materiell zu profitieren und ungestraft Gewalt ausüben zu dürfen (S. 135). Dabei sei die Bereitschaft, den Judenmord möglich zu machen, schlussendlich auf das Versagen einer ganzen Generation zurückzuführen. Deren Vertreter hätten, als es darauf ankam, aus freien Stücken oder auch mangelndem Mut, falsch und verbrecherisch gehandelt.

Gewiss war der Judenmord für die Nationalsozialisten Teil ihrer verbrecherischen Kriegsführung. Doch auch er war wechselnden Konjunkturen unterworfen, nicht nur 1936 vor der Olympiade. Nach dem 23. August 1939 sorgte das zeitweilige Zusammengehen mit der Sowjetunion für einen prekären Aufschub, durch den der weit nach Osteuropa ausgreifende Judenmord zwei Jahre später erst möglich wurde. Ende 1941, als die ideologischen Scharfmacher vorhersagten, dass Europa bei Kriegsende „judenfrei“ sein werde, hatten sie zugleich den „unbefriedigenden“ Stand von 1939 im Auge (S. 129). Wie bei anderen Darstellungen, die sich gegenseitig ausschließender Gegenüberstellungen „der“ Deutschen und „der“ Juden bedienen, vermisst man hier die Berücksichtigung der Mentalitäten jener jüdischen Deutschen, die sich bis 1938 – und darüber hinaus – weigerten, sich aus ihrer deutschen Heimat vertreiben zu lassen.

Lewy empfiehlt am Schluss denjenigen, die sich dem Morden nicht entziehen zu können glaubten, sie hätten Selbstmord begehen sollen und stellt – ohne Beleg – fest, dass nur sehr wenige diesen Weg beschritten hätten (S. 136). Aber wenn dem Autor dieser Zusammenhang besonders wichtig erscheint, hätte er unbedingt (auch) jene unter die Lupe nehmen sollen, die entschlossen waren, sich das Leben zu nehmen, um nicht zu Mördern zu werden.

Unter seinen Büchern ist dies Lewys persönlichstes, in dem er seinen Vater, der 1938 mehrere Wochen im KZ Buchenwald festgehalten wurde, mehrmals erwähnt (S. IX, 12). Es entspringt der Motivation des Überlebenden aus Breslau, jenen gegenüber eine Schuld abzutragen, die bei ihren Bemühungen, aus Hitlers Machtbereich zu fliehen, keinen Erfolg hatten. Und es erhellt die Zeitumstände, als der Verfasser an einer entscheidenden Weichenstellung seines eigenen Lebenswegs begünstigt wurde. Wünschenswert wäre, dass Lewy dazu auch einen autobiografischen Bericht vorlegt.