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Einzelrezension

Partnerschaftliche Tierhaltung


Abstract

Partnerschaftliche Tierhaltung

Keywords: Review, Zelinger, Amir, 2018, Tiere, Tierhaltung, Haustier, Kaiserreich

How to Cite:

Eitler, P., (2019) “Partnerschaftliche Tierhaltung”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0055-9

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-29

Zelinger, Amir: Menschen und Haustiere im Deutschen Kaiserreich. Eine Beziehungsgeschichte, 404 S., transcript, Bielefeld 2018.

Die vorliegende, an der Ludwig-Maximilians-Universität München entstandene Dissertation zeigt keinerlei Scheu vor großen Thesen. Amir Zelinger wünscht zu Diskussionen anzuregen und hofft, „allgemeine Narrative“ über Mensch-Haustier-Verhältnisse im Kaiserreich zu hinterfragen und korrigieren zu können.

Unter Haustieren versteht er dabei nicht nur Hunde oder Katzen, sondern alle Tiere, die mit Menschen häuslich und, so beschreibt es der Autor, „partnerschaftlich“ zusammenlebten beziehungsweise interagierten, mochten es auch Hühner oder Kröten sein. Vermittels des Begriffs der „Partnerschaft“ glaubt er „Ambivalenzen“ innerhalb von Mensch-Haustier-Verhältnissen besser aufspüren und vielfältig fassen zu können – zwischen „Tierliebe“ und „Gebrauchsnutzen“, „Vermenschlichung“ und „Wildheit“. Dass dieses sehr weite Verständnis von Haustieren dem damaligen oder gegenwärtigen Verständnis lediglich bedingt entspricht, mag man kritisieren. Es kommt jedoch dem Anliegen des Autors entgegen, die im Kaiserreich angeblich vorherrschende „Hybridität“ von Mensch-Haustier-Verhältnissen herauszustellen.

In vier Teilen – zur privaten Nutztierhaltung, zur staatlichen Haustierregulierung, zum Umgang mit „wilden“ Haustieren und zur Entwicklung einer „eugenischen“ Hundezucht – wendet sich Zelinger gegen Versuche, die Koexistenz von Menschen und Tieren entlang vermeintlich klarer Unterscheidungen zu ordnen: emotionalisiert oder instrumentalisiert, friedfertig oder gewalttätig, ethisch oder ökonomisch, gut oder böse. So begrüßenswert dieses Ziel ist, gelangt der Autor in diesem Rahmen zu dem immer gleichen und daher letztlich blassen Ergebnis: Mensch-Haustier-Verhältnisse seien im Kaiserreich immer „partnerschaftlicher“ geworden. Die private Nutztierhaltung beförderte das Zusammenleben von Hühnern oder Ziegen mit Menschen, gerade auch außerhalb des Bürgertums, bis der eine „Partner“ schließlich ausgedient hatte und geschlachtet wurde; die Hundesteuer bezeugte und vergrößerte den Wert des einen „Partners“ für den anderen, insbesondere innerhalb des Bürgertums; sowohl die gezügelte „Wildheit“ der einen als auch die gezielte „Rassenzucht“ ganz anderer Tiere machte diese angeblich immer mehr zu „Partnern“ oder sogar „Freunden“ von Menschen.

So vorsichtig Zelinger in diesem Zusammenhang ist, Menschen in ihrem Umgang mit Tieren anachronistisch zu kritisieren, so verstiegen wirkt es doch, die Gesellschaft des Kaiserreichs als „sich gern und willig posthumanisierte“ zu bestaunen und die vermeintliche „Unbefangenheit“ und „Aufgeschlossenheit“ der Haustierhalter zu „würdigen“ (S. 351). Dem Autor gelingt es zwar, bislang wenig behandelte Aspekte von Mensch-Haustier-Verhältnissen gezielt in den Blick zu rücken und diese wie im Fall der Hundesteuer und der Hundezucht politikhistorisch zu verknüpfen sowie vor dem Hintergrund der modernen Nationalstaatsbildung und des weit verbreiteten Rassismus sinnvoll zu kontextualisieren.

Die „eugenischen“ Zielsetzungen zahlreicher Hundezüchter im Kaiserreich jedoch als „konstruktive Einwirkung des Rassismus auf die Entstehung von partnerschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen“ zu deuten und darin eine „posthumanistische Dimension“ zu erkennen, hinterlässt – wie der Autor selbst bemerkt – ein „gewisses Unbehagen“ (S. 344f.). Allerdings nicht, weil man sich scheuen würde, „Ambivalenzen“ zu erkennen und auszuhalten, sondern weil erstens sehr wenig über die angeblich beförderte „Partnerschaft“ im Alltag von „reinrassigen“ Hunden zu erfahren ist; weil zweitens fast gar nichts über die nicht „reinrassigen“ Hunde und deren Alltag berichtet wird; und weil drittens der ohnehin vieldeutige Begriff des Posthumanismus dabei zu einer leeren Worthülse zu werden droht.

So interessant die zahlreichen Einzelbefunde, so erfreulich heterogen der Quellenfundus, so nachvollziehbar die Lust auf große Thesen und der Wunsch nach mehr Diskussion – so ratlos der Rezensent am Ende der Lektüre.