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Einzelrezension

Verhandelte Immunitäten


Abstract

Negotiated Immunity

Keywords: Review, Thießen, Malte, 2017, Impfen, Immunität, Deutschland

How to Cite:

Becker, D., (2019) “Verhandelte Immunitäten”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0054-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-18

Thießen, Malte: Immunisierte Gesellschaft. Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, 400 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.

Die jüngsten Diskussionen über Impfverweigerung und Impfgegnerschaft in deutschen Medien haben wieder vor Augen geführt, dass Immunität und Impfung auf einer Vielzahl von Ebenen diskutiert werden kann und muss. Zugleich altruistische Darbietung des eigenen Körpers zum Schutz der Gemeinschaft und Befriedigung eines egoistischen Sicherheitsbedürfnisses sowie Mittel populistischer Polemiken zur Durchsetzung politischer Zielvorstellungen und konkrete Hilfsmaßnahme im Verlauf medizinischer Bedrohungslagen. Selten – wenn überhaupt jemals –, so argumentiert Malte Thießen in seiner Habilitationsschrift „Immunisierte Gesellschaft. Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert“, hat sich eine Praxis wissenschaftlich-medizinischen Ursprungs derart multidimensional und unauflösbar auf eine Gesellschaft ausgewirkt wie das Impfen. Für Thießen liegt die Demarkation zwischen unserer Gegenwart und der Vergangenheit im Konzept und Phänomen der Immunität begründet. Dabei sieht er dies keineswegs allein in der medizinischen Dimension erschöpft, sondern entwirft eine Argumentation, wonach sich Impfung und Immunität ebenso stimulierend wie nivellierend auf moderne Staats- und Gesellschaftsbildung ausgewirkt hätten.

Für seine Analyse wählt Thießen vier verschiedene Zugänge: Erstens rekonstruiert er das Impfen als „Kulturgeschichte des Politischen“ (S. 16), in der sich Impfungen nicht auf ihre Dimension eines gesundheitspolitischen Akts reduzieren lassen, sondern immer auch die Aushandlung von Gesundheits- und Gesellschaftskonzepten beinhalten. Dabei spielen Verhandlungen von Deutungshoheit und Handlungsmacht im Konnex von Politik, Medizin und Gesellschaft eine zentrale Rolle. Zweitens bedient sich der Autor eines wissenshistorischen Ansatzes, der die Evidenzbasis und Wirksamkeit von Impfstoffen sowie Strategien ihrer Dissemination in der Gesellschaft zu rekonstruieren sucht. Besonderes Augenmerk wird hier auf das ambivalente Verhältnis von Medizinern zu populärem Wissen und der daraus resultierenden Steigerung der gesellschaftlichen Relevanz medizinischer Forschung gelegt. Drittens zeichnet Thießen die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft nach. Dabei werden heute untrennbare Allianzen von Impfung und Pharmaindustrie historisch dekonstruiert und ihre Entstehungszusammenhänge thematisiert. Zuletzt beleuchtet er den praxeologischen Horizont des Impfens und assoziierter Vorsorgekonzepte: Auf welche Weise und an welchen Orten wurden Vorsorgemaßnahmen umgesetzt und was und wieviel kam von den politisch und wissenschaftlich diskutierten Konzepten letztlich in der Gesellschaft an?

Der Autor beginnt mit der politischen Debatte um die Einführung des Reichsimpfgesetzes im Jahr 1874. Das erste Kapitel „Immunität als „State Building“: 1870–1930“ widmet sich der Frage, ob es sich bei der Etablierung der Impfpflicht während des Kaiserreichs um Auswüchse paternalistischer Machtausübung einer einsetzenden modernen Biopolitik handelte. Er kommt zu dem Schluss, dass vielmehr ein „pragmatischer Paternalismus“ (S. 130) als Ausdruck eines frühen Vorsorgestaates am Beginn einer nationalen Gesundheitspolitik sowie der Auslotung und Etablierung neuer Interventionskompetenzen identifizierbar sei.

Im zweiten Kapitel „Popularisierung und Privatisierung: 1930–1950“ diskutiert Thießen die „Entdeckung der Freiwilligkeit“ (S. 201), die er spät in der Weimarer Republik verortet, und überraschenderweise jedoch im Nationalsozialismus aufrechterhalten wurde. Thießen stellt klar, dass Freiwilligkeit immer auch mit erhöhtem sozialem Druck und Disziplinierungstendenzen einherging. Insbesondere die Freiwilligkeit machte es zur Aufgabe des Einzelnen, seiner Verantwortung gegenüber dem ‚Volkskörper‘ nachzukommen. Getragen wurden diese Normalisierungstendenzen durch die Ökonomisierung und Privatisierung des Impfens über Pharmaunternehmen, gepaart mit einem Kooperationswillen der Politik, die darin neue Möglichkeiten zur Vermittlung staatlicher Impfprogramme sah.

Die letzten beiden Kapitel „Sicherheitsprobleme: Bundesrepublik“ und „Immunität als sozialistisches Selbstverständnis: DDR“ widmen sich den Entwicklungen in Deutschland seit den 1950er Jahren. Hier arbeitet Thießen deutlich Gemeinsamkeiten heraus, die sich auf die Befriedigung vergleichbarer Sicherheitsbedürfnisse gründen. Während sich jedoch in der Bundesrepublik die beginnende „Veralltäglichung“ (S. 214) der Impfung in einem Vorsorge-Dilemma äußerte und zu neuen gesellschaftlichen Konflikten führte, zeigte die DDR einen überraschend pragmatischen und liberalen Umgang. Dort schien die Vereinbarkeit eines kollektiven Sicherheitsversprechens von Impfprogrammen mit der Grundidee des Sozialismus als Sicherheitsagentur für eine breite und nachhaltige Akzeptanz von Impfungen gesorgt zu haben.

Thießens Buch präsentiert einen facettenreichen und tiefgründigen Einblick in die Entwicklung der verschiedenen Praktiken des Impfens in Deutschland von der Einführung der Pockenimpfpflicht bis zur Wiedervereinigung. Während die Geschichte des Impfens im angelsächsischen Kontext häufig als Geschichte politischer Protestbewegungen präsentiert wird, legt Thießen seinen Fokus sehr viel breiter auf sozialpolitische, kulturelle und epistemologische Komponenten sowie auf prävalente Sicherheitsaspekte nationaler Bedrohungswahrnehmungen. Er schließt damit eine Lücke der Neueren und Medizingeschichte und leistet einen exzellenten Beitrag zu der Aufarbeitung der Präventionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.