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Einzelrezension

Hitlerbiografie auf hohem Reflexionsniveau


Abstract

Hitlerbiografie auf hohem Reflexionsniveau

Keywords: Review, Thamer, Hans-Ulrich, 2018, Hitler, Biografie

How to Cite:

Schieder, W., (2019) “Hitlerbiografie auf hohem Reflexionsniveau”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0053-y

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-01-21

Thamer, Hans-Ulrich: Adolf Hitler. Biographie eines Diktators, 352 S., Beck, München 2018.

Hans-Ulrich Thamer schließt seine Hitlerbiografie mit dem Satz „Denn mit Hitler werden wir so schnell nicht fertig“ (S. 323). Es hätte auch der erste Satz des Buches sein können. Der Münsteraner Historiker rechtfertigt damit letzten Endes seinen Entschluss, nach bisher etwa 80, darunter zuletzt allein fünf umfangreichen Lebensgeschichten des deutschen Diktators eine weitere Biografie zu schreiben. Sein Buch unterscheidet sich aber von allen bisherigen Biografien dadurch, dass es nicht erzählend, sondern strikt analytisch angelegt ist. Thamer verfolgt den politischen Lebensweg Hitlers zwar chronologisch, aber er problematisiert die Biografie, indem er durchweg auch systematische Fragen stellt. Den biografischen Dogmenstreit darüber, ob Hitler eine charismatische Führerherrschaft oder eine vor allem strukturbedingte Diktatur ausgeübt habe, löst er dahingehend auf, dass der Diktator weder allein durch die Inszenierung seiner selbst noch allein durch gewaltsame Methoden an die Macht gekommen sei und regiert habe, sondern mit einer „Doppelstrategie von Verführung und Gewalt“ (S. 175). Er beschäftigt sich so einerseits besonders mit den „Formen symbolischer politischer Kommunikation“ (S. 213), mit denen sich Hitler als „Führer“ inszeniert habe. Andererseits geht er den Stufen von „Terror und Verfolgung“ (S. 198) nach, welche die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ schaffen sollten. Als guter Kenner auch des italienischen Faschismus hebt er dafür den Vorbildcharakter des faschistischen Regimes Benito Mussolinis hervor, beschreibt aber zugleich, weshalb das faschistische Regime Hitlers einen totalitären Charakter entwickelte, den der italienische Faschismus nicht erreicht habe.

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert, eine Einleitung und ein zusammenfassendes Schlusskapitel inbegriffen. Vier Kapitel behandeln den politischen Aufstieg Hitlers bis 1933 und nur zwei, allerdings deutlich umfangreichere seine Führerherrschaft von 1933 bis 1945. Das entspricht der neueren Forschung, die sich dem politischen Werdegang Hitlers bis 1933 neuerdings besonders gewidmet und auch mit kulturgeschichtlichen Fragestellungen seinen politischen Aufstieg als „außergewöhnliche Karriere“ (S. 10) in vieler Hinsicht neu interpretiert hat.

Thamer trägt dazu wesentlich bei, indem er weniger die Entstehung und den Inhalt von Hitlers „Weltanschauung“ analysiert als vielmehr das Inszenatorische seines politischen Denkens hervorhebt. So weist er etwa daraufhin, dass Hitler nur wenig zur inhaltlichen Gestaltung des nationalsozialistischen Parteiprogramms der „25 Punkte“ beitrug, aber zeitgleich die nationalsozialistische Fahne mit dem Hakenkreuz entwarf. Auch das Berühren der „Blutfahne“ des 9. November als „säkularer Berührungsreliquie“ (S. 120) führt Thamer auf Hitler persönlich zurück. Den Marsch auf die Feldherrnhalle vom 9. November 1923 interpretiert er nicht als kalkulierten Putschversuch, sondern als „trotzig, dramatisch-heroischen Akt“ (S. 93). Und „Mein Kampf“ hält er weniger für den „Masterplan für Hitlers spätere Eroberungs- und Vernichtungspolitik“ (S. 103) als vielmehr für ein „zusammengestückeltes und schlecht komponiertes Werk“ (ebd.). Ein „politisches Programm“ werde darin erst „nach mühsamer Textexegese erkennbar“ (ebd.).

Das bedeutet nicht, dass Thamer die Ideologiebildung Hitlers für nachrangig hält. Sie vollzog sich nach seiner Interpretation jedoch in Etappen. Hitlers ideologisches Weltbild sei erst seit Mitte der 1920er Jahre von zwei „Ideologiesträngen“ (S. 107) zusammengehalten worden, einem radikalen Antisemitismus und einer rassistischen Lebensraumdoktrin.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Thamer Hitlers politischem Stil. Er betont vollkommen zu Recht die meist unterschätzte politische Lernfähigkeit von Hitler und hebt seine taktische Flexibilität hervor, die ihn ungeachtet seiner dogmatischen Fixierungen zu pragmatischem Handeln befähigte. Ausdrücklich betont er aber, dass Hitler ein „zögerlicher Entscheider“ (S. 146) gewesen sei. Das entspricht der alten, meist missverstandenen These von Hans Mommsen, dass Hitler „in mancher Hinsicht ein schwacher Diktator“ gewesen sei, der Thamer zwar ausdrücklich widerspricht, die er aber letzten Endes bestätigt. Mommsen verstand Hitler nicht in jeder Hinsicht als „schwach“, sondern nur weil er „entscheidungsunwillig“ gewesen sei.

Hitlers Herrschaftssystem im ‚Dritten Reich‘, das er im sechsten Kapitel seines Buches beschreibt, hatte für Thamer eine „starke monokratische Spitze“ und gleichzeitig aber „polykratische Machtstrukturen“ (S. 197). Diesen überzeugenden Forschungsansatz hatte der Autor schon in seiner großen Darstellung des ‚Dritten Reiches‘ von 1986 vertreten. Er bewährt sich in der Hitlerbiografie erneut, auch wenn die Person des „Führers“ und sein konkretes Handeln mit Thamers Zugriff zeitweise aus dem Blick gerät. Ausdrücklich betont er jedoch, dass im ‚Dritten Reich‘ „in allen Phasen der Gleichschaltung und Machteroberung nichts ohne Hitler“ (S. 164) erfolgte.

Seine Darstellung der Herrschaftsstruktur des ‚Dritten Reiches‘ beginnt Thamer mit einer Reflexion von Hitlers Weg an die Macht. Abweichend von der inzwischen gängigen Interpretation, dass es sich um eine „Machtübertragung von oben“ durch Vertreter der nationalkonservativen Eliten gehandelt habe, vertritt er die Auffassung, dass die „Machtübertragung“ direkt zu einer „Machtergreifung“ geführt habe. Er behauptet nicht, dass diese nach einem festen Programm verlaufen, sondern betont, dass sie das „Produkt politischer Improvisation und eines tiefsitzenden Machteroberungs- und Behauptungswillens“ (S. 163) gewesen sei.

In gedrängter Form beschreibt er sodann den stufenförmigen Ausbau von Hitlers Diktatur, wobei er den von ihm zu Recht als von einem Einzeltäter herbeigeführten Reichstagsbrand und die Röhm-Morde als wichtigste Stufen herausarbeitet. Thamer versteht die Diktatur Hitlers als personale Diktatur, nicht als Parteidiktatur. Er beschreibt den nationalsozialistischen „Führerstaat“ als „Geflecht von halbstaatlichen und parteiamtlichen Machtapparaten und Sekundärbürokratien, deren Legitimation sich einzig auf Hitlers Macht stützte“ (S. 195). Das entspricht den Ergebnissen der jahrzehntelangen Forschungen über Hitlers Regime. Offen muss jedoch bleiben, ob Hitler tatsächlich die politische Macht gezielt unter seinen Unterführern aufteilte. Es trifft zwar zweifellos zu, dass der „Zugang zum Herrscher“ von ihm reguliert wurde und sich auf diese Weise zunächst Goebbels und Göring und später Himmler, Speer und Bormann für Hitler unentbehrlich machten. Wenn aber, wie Thamer unterstellt, Hitlers Führerherrschaft keinen systematischen, sondern einen improvisierten Charakter gehabt habe, kann sich die politische Ämterkonkurrenz durchaus auch ohne Zutun des „Führers“ ergeben haben, allein durch die Ämterkonkurrenz im auf Hitler zugeschnittenen Führerstaat.

Thamer lässt keinen Zweifel daran, dass die Politik Hitlers von Anfang an auf Krieg eingestellt war. Er bezeichnet den Krieg als „ureigenstes Element“ (S. 254) des Nationalsozialismus und stellt deshalb auch schon seine Darstellung der Außenpolitik Hitlers von 1933 an als Weg zum Krieg dar. Stärker als in manchen anderen Darstellungen sieht er die ersten außenpolitischen Aktivitäten Hitlers wie den Nichtangriffspakt mit Polen von 1934 und das deutsch-britische Flottenabkommen von 1935 daher unter dem Aspekt der innenpolitischen Herrschaftssicherung. Das sogenannte Hoßbachprotokoll vom 05.11.1937 interpretiert er auch unter dem Gesichtspunkt der „finalen Stufe der Verselbständigung seiner Macht“ (S. 237).

In der neuesten wissenschaftlichen Diskussion über die „Volksgemeinschaft“ lässt sich Thamer auf keine spekulativen Überlegungen ein. Die Propagierung der „Volksgemeinschaft“ durch das Regime stellte für ihn nur ein propagandistisches Instrument zur Loyalitätssicherung der Bevölkerung dar, mit dem vor allem auch die Umstellung von den sogenannten Blitzkriegen auf einen langen Krieg nach den Niederlagen von Stalingrad und El Alamein begleitet worden sei.

Eine klare Position nimmt Thamer schließlich in der Frage von Hitlers Bedeutung für den Holocaust ein. Dass es keinen schriftlichen Befehl Hitlers zur Judenvernichtung gegeben habe, hält er nicht für entscheidend. Ohne Hitlers dogmatischen Vernichtungswillen, das steht für ihn fest, hätte der millionenfache Judenmord nicht stattgefunden. Der Weltanschauungskrieg gegen die Sowjetunion und der planmäßige Massenmord an den Juden seien für Hitler von Anfang an eng verbunden gewesen. Thamer bestreitet nicht, dass es bei der Judenvernichtung Radikalisierungen gegeben habe, wie die vom Übergang von den Mordaktionen der Einsatzgruppen zum Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager. Jedoch sieht er hier keinen sich selbst entfaltenden Prozess, der zu einer kumulativen Radikalisierung geführt habe. Hitler ist für ihn immer der „Dreh- und Angelpunkt des nationalsozialistische Herrschaftssystems“ (S. 317) gewesen, auch im Hinblick auf den Mord an den europäischen Juden.

Hans-Ulrich Thamer hat eine Hitlerbiografie von ungewöhnlich hohem Reflexionsniveau geschrieben, die bei der Lektüre einige Kenntnisse der langen wissenschaftlichen Forschungsdiskussion voraussetzt. Das Buch ist gleichwohl sehr gut lesbar und lässt die Komplexität der Biografie des nationalsozialistischen „Führers“ hervorragend erkennen.