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Einzelrezension

Adenauer-Torso mit Gloriole


Abstract

Adenauer-Torso mit Gloriole

Keywords: Review, Rüttgers, Jürgen, 2017, Adenauer, Konrad, Biographie

How to Cite:

Kück, D., (2019) “Adenauer-Torso mit Gloriole”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0051-0

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-17

Rüttgers, Jürgen: „Er war ein ganz großer Häuptling“. Neues über Konrad Adenauer, 236 S., Schöningh, Paderborn u. a. 2017.

Die umfangreichen Adenauer-Biografien aus der Feder von Hans-Peter Schwarz und Henning Köhler mögen einen von der Idee abschrecken, sich ebenfalls an einer biografischen Studie über den Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu versuchen, beziehungsweise setzen ein derartiges Unterfangen dem spürbaren Druck aus, nicht in das Erzählen von Redundanzen hineinzugeraten. Jürgen Rüttgers’ Betrachtung über Konrad Adenauer reichen von dessen Absetzung als Oberbürgermeister Kölns im Jahr 1933 bis zur Endphase von dessen Kanzlerschaft – und dabei beabsichtigt der Autor nach eigenem Bekunden nicht, den vorhandenen Biografien eine weitere anzureihen. Vielmehr will er verzerrende Deutungen hinterfragen, etwa die Unterschätzung oder Verharmlosung des von Adenauer unter dem Nationalsozialismus erlittenen Leides und die entsprechende Infragestellung beziehungsweise Relativierung seines Status als Verfolgter des NS-Regimes.

Indes verheddert sich die Studie in zwei grundlegenden Problemen, die einander verstärken: Da ist zum einen der Drang, Adenauer mit den übergroßen Attributen des (gesellschafts-)politischen Visionärs und Revolutionärs auszuzeichnen und ihn umgekehrt vor jeglicher Kritik in Schutz zu nehmen. Dabei ficht Rüttgers häufig Schattenkämpfe mit Zeitgenossen Adenauers, die als Politiker, Publizisten und Journalisten (unter anderem Rudolf Augstein) mehr oder weniger stark an dessen politischem Kurs Anstoß nahmen, oder er tritt angeblichen Vorurteilen entgegen, als deren Vertreter der Leser lediglich ein „man“ erkennen kann. Vor allem blickt der Autor weitgehend über die Komplexität politischer Interaktionszusammenhänge hinweg, in denen sich nicht erst der „angezählte“ Adenauer nach 1959 mit einer Vielzahl von Akteuren arrangieren musste. So holt Rüttgers seine Charakterisierung Adenauers als schöpferischen Taktgeber, die hier mehr eine Behauptung denn ein belegtes Ergebnis ist, nicht ein. Ein Beispiel für das erste Problem ist das fünfte Kapitel über den Parlamentarischen Rat. Im vierten Kapitel „Der Programmmacher“ stellt Rüttgers zuvor anhand von Reden heraus, dass Adenauer die Idee der Einzigartigkeit jeder Person und der Unantastbarkeit ihrer Würde zum Herzstück eines integrationsbasierten Gesellschaftsentwurfes gemacht habe, und leitet dessen Neuartigkeit aus der (nicht vertieften) Gegenüberstellung mit den Gesellschaftsordnungen vor 1945 ab, die sich dagegen durch die Kategorien Klasse, Rasse und Nation über Ausschluss und Abgrenzung definiert hätten. Rüttgers’ Ausführungen zum Parlamentarischen Rat gehen jedoch nicht auf den Grundrechtekatalog des Grundgesetzes ein, womit er zugleich die gedankenreichen und intensiven Beratungen des Ausschusses für Grundsatzfragen ausblendet, an dessen Sitzungen Adenauer nicht teilnahm.

Zum anderen besteht eine weitere Schwäche der Arbeit darin, dass es dem Autor nicht gelingt, in der Auseinandersetzung mit Forschungsproblemen Wege zu finden, auf denen sich bestehende Gedankengänge weiterspinnen oder durch eine ungewohnte Betrachtungsweise neu knüpfen ließen. Dies veranschaulicht die Lesart der Deutschland- und Ostpolitik Adenauers, deren „Elemente“ – „unvoreingenommen bewertet“ – „noch über diejenigen der sozial-liberalen Regierung Brandt/Scheel“ (S. 142) hinausgegangen seien. Eine unterschätzte Beweglichkeit Adenauers mochte Klaus Gotto 1974 noch feststellen können, Rüttgers müsste jedoch die abwägenden Einschätzungen zur Kenntnis nehmen, die sich Christoph Kleßmanns Studie „Zwei Staaten“ (1988) entnehmen lassen. Denn während die deutschlandpolitischen Vorschläge der Regierung Adenauer darauf hinausliefen, die Ungeklärtheit des Status quo in einem Moratorium zu verlängern („Burgfriedensangebot“) oder diesen nach einer Übergangszeit infrage zu stellen (Globke-Plan) und somit im Wesentlichen der Sowjetunion Entgegenkommen abverlangten, knotete die sozialliberale Ostpolitik die Widersprüchlichkeit von Westbindung und Wiedervereinigung ein Stück weit auf und schuf mit der Anerkennung der territorialen Ordnung und der politischen Machtverhältnisse die Grundlage, auf der die Verständigung sich Entfaltungsräume erschließen konnte.

Beide Probleme zeigen sich immer wieder in interpretativen Vereinfachungen und Verzerrungen: Beispielsweise setzt Rüttgers in zahlreichen Passagen Adenauers außenpolitischen Westkurs als Anfangs- und die demokratischen Umwälzungen in der DDR und Osteuropa 1989/90 als Endpunkt einer Entwicklungslinie, wobei die Zuschreibung einer unbeirrbaren Weitsicht auf der einen Seite das dichte Faktorenbündel der politischen Desintegrationsprozesse auf der anderen Seite außer Acht lässt. Und in dem Maße, in dem Rüttgers die Ära Adenauer mit der Ausprägung sozialer Gleichheit gleichsetzt, unterschätzt er die segregierenden Fliehkräfte innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft, welche die sozialen Beziehungen mittels Strukturkategorien wie Klasse/Schicht und Geschlecht zergliederten und welche sich nicht in einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ auflösten.

Die Studie ist in der Tat keine weitere Biografie, was sich weniger einer durchdachten Konzeption verdankt, als an einem blassen Bild von dem Menschen und Politiker Adenauer liegt. Ebenso wenig bietet sie Neues über Adenauer, denn dazu mangelt es ihr an einer präzisen Fragestellung und überhaupt an einem methodisch-theoretischen Konzept, um auf dem begrenzten Raum problemorientierte, thesenhaft zugespitzte Überlegungen zu verdichten. So reicht der Platz lediglich, um manches vom Bekannten auszubreiten.