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Einzelrezension

Idiosynkratische Interpretationen


Abstract

Idiosynkratische Interpretationen

Keywords: Rudolph, Enno, 2017, Macht, Machttheorien, Philosophie

How to Cite:

Zimmerling, R., (2019) “Idiosynkratische Interpretationen”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0050-1

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-18

Rudolph, Enno: Wege der Macht. Philosophische Machttheorien von den Griechen bis heute, 153 S., Velbrück, Weilerswist 2017.

Enno Rudolph hat sich mit seinem schmalen Band ein sehr umfangreiches Thema gestellt. Dass er es nur exemplarisch behandeln kann, versteht sich von selbst. Er unterteilt seine Überlegungen in zehn Kapitel, die unter vier Überschriften gruppiert sind; sechs Kapiteln sind „Exkurse“ beigefügt, deren Exkurscharakter nicht recht deutlich wird, da eine klare Argumentationslinie, von der abgewichen würde, kaum erkennbar ist.

Der erste Teil behandelt „Meister der Macht“. Die zwei Kapitel befassen sich mit den Sophisten und mit Niccolò Machiavelli, Exkurse dazu mit Platon und William Shakespeare. Der zweite Teil gilt der „Macht der Moral“; er hat ebenfalls zwei Kapitel, die vor allem die Beziehungen zwischen Vernunft, Religion und Recht bei Immanuel Kant thematisieren, und zwei Exkurse (zu Jean-Jacques Rousseau und zu John Rawls). Der „Macht der Weltanschauung“ ist der dritte Teil gewidmet. In drei Kapiteln und einem Exkurs bietet Rudolph hier Interpretationen von Walter Benjamin, Hans Blumenberg, Jürgen Habermas („als Anwalt Cassirers“) und Martin Heidegger. Ausdrücklich im Anschluss an den letzten Exkurs behandelt der vierte und letzte Teil drei Varianten „einer allmählichen Herauslösung aus Heideggers Schatten“ (S. 106), die in einem langen Kapitel zu Friedrich Nietzsche, einem sehr kurzen zu Ernst Cassirer und einem zu Richard Rorty dargestellt werden; ein kritischer Exkurs zu Habermas rundet den Teil ab. Das Buch endet mit einem knappen „Epilog“, in dem Rudolph die Bedeutung Michel Foucaults und Rortys in der Philosophie nach Nietzsche hervorhebt.

Die Ausführungen kommen eher literarisch als sozialwissenschaftlich daher, als (Re‑)Interpretationen einer engen Auswahl ideengeschichtlich mehr oder weniger relevanter Texte, in denen es mehr oder weniger um Macht (keineswegs immer in derselben Bedeutung des Wortes) geht. Sie sind aus politiktheoretischer Sicht kaum rezensierbar, da der Autor eine Behauptung an die andere reiht, ohne sie zu begründen. Mangels argumentativer Stützung bleibt die Haltbarkeit zahlreicher Aussagen zumindest zweifelhaft. An einer systematischen Beschäftigung mit den im Untertitel des Buches genannten „Machttheorien“ ist Rudolph offenbar nicht interessiert. Das zeigt schon die sehr kurze Literaturliste, in der aktuelle Auseinandersetzungen mit Fragen politischer Macht kaum vorkommen (ein gutes Drittel der Liste machen Werke des Autors selbst sowie Cassirers aus) und selbst der immerhin mit vier Schriften vertretene Habermas nicht mit seinem macht- und politiktheoretischen Hauptwerk „Faktizität und Geltung“ (1994) verzeichnet ist. Mit dem Machtbegriff setzt sich Rudolph auf einer einzigen Seite im Vorwort auseinander. Ohne weitere Diskussion definiert er Macht als „die Fähigkeit, andere seinen Interessen gefügig zu machen“ (S. 10f.). Gleich darauf postuliert er jedoch neben einer engeren „personalen“ auch eine weitere Bedeutung, bei der „Revolutionen oder geistige Bewegungen […] zu Tätern [werden], die Macht ausüben“ (S. 11); was es bedeuten mag, dass eine geistige Bewegung Interessen hat, denen sie „andere“ (andere geistige Bewegungen?) gefügig macht, indem sie bestimmte Fähigkeiten einsetzt, bleibt unerläutert.

Hinweise darauf, wie Rudolph selbst seine Überlegungen verstanden wissen möchte, finden sich im Vorwort. Er wolle „eine Geschichte von höchst unterschiedlichen Helden und Opfern politischen Machtgebrauchs erzählen“; hervorgehoben werden solle dabei die „Verstellung als Methode der Machtausübung“, die Einsicht, „dass dauerhafte Machtausübung in einer Verwandlungskunst besteht“ (S. 7). Wie letzteres dazu passt, dass die Überlegungen so unterschiedlichen Themen wie „der Macht des idealen Fürsten, […] der Macht der Magie […] und der Macht des Aufruhrs gegen Gott“ (S. 8) gelten, bleibt offen. Tatsächlich wird politische Machtausübung als historisches Phänomen ebenso wenig behandelt wie ihre Methoden. Der „Aufruhr gegen Gott“ dagegen interessiert Rudolph sehr; von Religion und Säkularisierung ist in diesem Band eher mehr die Rede als von Macht. Nebenbei diagnostiziert der Autor sehr pauschal und ohne erkennbare Begründung Demokratieverfall, wenn er räsoniert über die „Bilanz des grandiosen Etikettenschwindels, wie er aktuell unverhohlen und schamloser als jemals zuvor mit dem Namen der Demokratie im Zeitalter ihres Verfalls getrieben wird“ (ebd.). Zugleich bemüht er sich jedoch, jede Hoffnung auf die Möglichkeit der Beschränkung von Macht durch Recht und damit auf die Realisierbarkeit von Demokratie zu zerstören: „Dieses Buch will im Übrigen den […] Anhängern der These von einer dauerhaft wirksamen Regulierbarkeit der Macht durch Recht […] widersprechen. […] Das Recht […] kommt, ebenso wie die Moral, immer zu spät“; es „beweist […] sich stets aufs Neue als eine besonders begehrte und willfährige Maitresse der Macht“ (S. 10). Nichts, was Rudolph schreibt, ist jedoch geeignet, diese fatalistische Behauptung zu stützen; der Komplexität des Themas und dem Stand der Diskussion dazu wird er nicht gerecht. Dass die beiden Behauptungen vom Verfall einerseits und von der Unmöglichkeit von Demokratie andererseits miteinander unvereinbar sind, sei nur nebenbei bemerkt.

Der Band ist ärgerlich schlecht redigiert. Überdurchschnittlich viele Tippfehler stören beim Lesen; die Seitennummerierung stimmt durchgehend nicht mit den Angaben im Inhaltsverzeichnis überein (Verschiebung um +2); S. 12 hat gar keine Seitenzahl; auf S. 152, die nach der vorherigen Systematik keine Seitenüberschrift haben sollte, hat sich eine Seitenüberschrift eingeschlichen, die aus einer Vorlage für ein anderes Buch stammen muss; dafür hat dann S. 153 entgegen der vorherigen Systematik keine Seitenüberschrift; Giovanni Pico della Mirandola ist in Namensregister und Literaturverzeichnis so gelistet, als sei Pico der Vorname.

Systematische Auseinandersetzungen mit politischer Macht und den kontroversen theoretischen Überlegungen dazu füllen längst ganze Bibliotheksregale. Wer zu dem Themenbereich etwas politikwissenschaftlich Relevantes erfahren möchte, sollte sich besser dorthin wenden.