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Einzelrezension

Häftlinge der frühen Konzentrationslager


Abstract

Häftlinge der frühen Konzentrationslager

Keywords: Review, Osterloh, Jörg, Wünschmann, Kim, 2017, Konzentrationslager, Nationalsozialismus

How to Cite:

Löffelsender, M., (2019) “Häftlinge der frühen Konzentrationslager”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0049-7

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-01-18

Osterloh, Jörg/Wünschmann, Kim (Hrsg.): „… der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert“. Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933–1936/37, 459 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2017.

Die frühen nationalsozialistischen Konzentrationslager der Jahre zwischen 1933 und 1936/37 stehen seit rund zwei Jahrzehnten im Fokus der Forschung. Doch erst in den letzten Jahren mehren sich Studien, die stärker die Häftlinge und ihr Erleben in das Zentrum des Interesses stellen. Insofern bestätigt der vorliegende Sammelband – hervorgegangen aus einer Podiumsveranstaltung im Jahre 2015 – gleichsam einen Trend in der historiografischen Auseinandersetzung mit den NS-Konzentrationslagern.

Das Ziel des Bandes ist es, wie die Herausgeber in ihrer umfassenden und instruktiven Einführung betonen, die Geschichte der Häftlinge in den frühen Lagern multiperspektivisch zu betrachten. Die 15 Beiträge aus der Feder ausgewiesener Expert_innen nähern sich deshalb aus drei unterschiedlichen Richtungen dem Untersuchungsgegenstand.

Die ersten vier Beiträge wählen einen regionalen Zugriff und betrachten mit Berlin, den Emslandlagern und den Konzentrationslagern Dachau, Heuberg und Oberer Kuhberg zentrale Orte des frühen Terrors. Vor Augen geführt wird zum einen die Bandbreite an Akteuren und Institutionen, die in der Frühphase der Diktatur am Aufbau des vielfach improvisierten Terrornetzwerkes beteiligt war, bevor die SS ab 1934/35 ihren Herrschaftsanspruch über die rechtsfreien Räume der Konzentrationslager sukzessiv umsetzte.

Mit Blick auf die Häftlinge konstatieren alle Beiträge, dass die sogenannte Häftlingsgesellschaft bereits in der Frühphase der Lager deutlich heterogener war, als es die zeitgenössische Propaganda kommunizierte und die Forschung bisher annahm. Zwar bildeten in allen vorgestellten (Männer‑)Lagern Kommunisten und Sozialdemokraten vor allem im ersten Jahr der Diktatur die große Mehrheit. Spätestens ab 1934 veränderte sich die Häftlingsstruktur indes fortlaufend, da nun zunehmend auch Juden, soziale Außenseiter, Zeugen Jehovas und andere inhaftiert wurden. Die frühen Lager sollten somit – so das übergreifende Plädoyer – nicht ausschließlich auf ihre Funktion als Stätten der gewaltsamen politischen Gegnerbekämpfung reduziert werden. Vielmehr spielten sie bereits eine nicht zu unterschätzende Rolle in dem langfristig angelegten Prozess der „sozialen Umgestaltung der deutschen Gesellschaft zu einer rassistischen ‚Volksgemeinschaft‘“ (S. 98), wie es Habbo Knoch beispielhaft für die Emslandlager konstatiert.

Weiter differenziert werden diese Eindrücke durch die folgenden sieben Beiträge, die ortsübergreifend jeweils bestimmten Häftlingsgruppen gewidmet sind (politische Gefangene, Gewerkschaftsfunktionäre, Juden, Homosexuelle, „Asoziale“, Zeugen Jehovas und Nationalsozialisten). Auf einen vergleichbaren Beitrag zu den als „Berufsverbrecher“ Verfolgten, die in manchen Beiträgen marginal erwähnt werden, mussten die Herausgeber leider verzichten, was einmal mehr den Nachholbedarf der Forschung auf diesem Feld veranschaulicht.

Die Haft in den frühen Lagern richtete sich in erste Linie – und mit wenigen Ausnahmen, wie Hans Hesse etwa für die Zeugen Jehovas nachweist – gegen Männer. Anhand von Einzelfallschilderungen wird deutlich, in welchem Ausmaß exzessive Gewalt konstituierend für die frühen Lager war. Bestimmte Gruppen waren ihr jedoch überproportional ausgeliefert, wie Kim Wünschmann etwa für die zu Beginn noch recht kleine Gruppe der jüdischen Häftlinge nachweist, die insbesondere in den Lagern Oranienburg und Dachau unter einer „Sonderbehandlung“ (S. 203) bestehend aus öffentlicher Diffamierung, erniedrigender Arbeit und einer generellen Schlechterstellung zu leiden hatten.

Ein weiteres Hauptaugenmerk legen die Beiträge auf die Entlassungspraktiken. Denn im Gegensatz zur Kriegszeit, handelte es sich bei der KZ-Haft in der Vorkriegszeit in der Regel um einen zeitlich begrenzten sozialen Ausschluss, der eine Rückkehr in die „Volksgemeinschaft“ nicht grundsätzlich unmöglich machte – außer bei jüdischen Häftlingen, bei denen die Entlassung zumeist an den Nachweis der unmittelbaren Emigration geknüpft war. Die meisten der entlassenen Häftlinge blieben jedoch auch nach der Entlassung weiterhin im Blick des NS-Verfolgungsapparates, was bei jeder weiteren angeblichen Verhaltensauffälligkeit eine erneute Lagereinweisung nach sich ziehen konnte.

Dem Verhältnis von frühen Lagern und Öffentlichkeit widmen sich die abschließenden Beiträge. Allein durch ihre Lage in oder am Rande von urbanen Zentren waren die improvisierten frühen Konzentrationslager im öffentlichen Raum deutlich präsenter als die großen Konzentrationslager, die ab 1936 in weitgehend abgeschotteten Arealen errichtet wurden. Darüber hinaus stellten sie jedoch auch mediale Ereignisse dar. Mit regelrechten Pressekampagnen versuchte das Regime vor allem 1933 zum einen den im Ausland grassierenden Gerüchten über die menschenverachtenden Verhältnisse in den Lagern entgegenzutreten. Zum anderen sollte die Berichterstattung die Lager legitimieren und die Notwendigkeit der KZ-Haft zum Schutz der „Volksgemeinschaft“ vor Augen führen, indem gezielt Feindbilder medial verbreitet wurden. Wer wollte, konnte somit über die Verhältnisse in den Lagern – auch über Berichte entlassener Häftlinge – informiert sein, wie Paul Moore für das deutsche Arbeitermilieu vor Augen führt. Eine zusätzliche öffentliche Dimension erhielten die frühen Lager zudem durch die vereinzelten Strafprozesse, die gegen Angehörige der Wachmannschaften geführt wurden. Wenngleich sie für die Angeklagten aufgrund von Begnadigungen zumeist keine Konsequenzen zeitigten, stellten die Prozesse für die Öffentlichkeit eine weitere Informationsquelle dar, aus denen sich Wissen über die Verhältnisse in den Lagern generieren ließ.

Nach der Lektüre kann man dem Sammelband zweifelsohne den Status einer Zwischenbilanz zuschreiben. Intimen Kennern der einschlägigen Forschung mag er zwar nur punktuell neue Erkenntnisse liefern. In seiner Gesamtheit bietet der sorgfältig edierte Band jedoch einen sehr guten Überblick über den aktuellen Wissensstand hinsichtlich der Häftlinge in den frühen Konzentrationslagern. Die offenkundig noch vorhandenen Wissenslücken und Forschungspotenziale werden zudem deutlich benannt, wodurch sich eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für zukünftige Untersuchungen ergeben, die unsere Kenntnis über die frühen Lager weiter konturieren werden.