Rosenboim, Or: The Emergence of Globalism. Visions of World Order in Britain and the United States, 1939–1950, 352 S., Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2017.
In der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen markierten die 1940er Jahre den Beginn eines globalen Zeitalters. Or Rosenboims Studie stellt einen wichtigen Beitrag zur historischen Erschließung der Überlegungen und Weichenstellungen dar, die aus dieser Diagnose folgten. Sie versteht ihr Buch als intellectual history des Globalismus. Dafür untersucht Rosenboim Vorstellungen des Globalen in den Diskussionen um eine neue politische Weltordnung. Sie konzentriert sich in sieben thematisch orientierten Kapiteln jeweils auf zwei bis drei ausgewählte Protagonisten des globalistischen Diskurses der 1940er Jahre und rekonstruiert deren politische Entwürfe. Dabei handelt es sich um Intellektuelle und akademische Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen: Sozialwissenschaftler, Juristen, Ökonomen und Philosophen, Theologen und Geografen. Neben Figuren wie David Mitrany und H.G. Wells, die als zentrale Ideengeber einer neuen Weltordnung bekannt sind, finden sich auch solche, die bislang kaum auf historisches Interesse gestoßen sind. Insofern erweitert das Buch den Kanon an geschichtswissenschaftlich beachteten Stimmen deutlich. Alle ausgewählten Akteure verbindet, dass sie es für dringend geboten hielten, neue Formen der politischen Zusammenschlüsse zu etablieren und ihre Entwürfe dabei ausnahmslos auf eine als global imaginierte politische Umwelt rekurrierten.
Rosenboim identifiziert eine Reihe von Motiven, die den globalistischen Neuordnungsdiskurs strukturierten. Eine der zentralen Diskussionen der 1940er Jahre entspann sich um die Rolle des Nationalstaats im anbrechenden globalen Zeitalter. Hier konzentriert sich die Autorin auf Überlegungen, durch regionale Zusammenschlüsse neue geopolitische Machtblöcke zu schaffen, wie sie etwa der Asien-Experte Owen Lattimore oder der Politikwissenschaftler Nicholas J. Spykman aus US-amerikanischer Sicht imaginierten; die Vorstellung einer europäischen Großregion findet sich bei Raymond Aron. In Reaktion auf die totalitären Bedrohungen der Zwischenkriegszeit teilten außerdem viele Zeitgenossen das Anliegen, die Zukunft der Demokratie im weltweiten Maßstab zu sichern. In diese Richtung wiesen die Überlegungen der Federal Union, eines von Absolventen der Universitäten Oxford und Cambridge etablierten Netzwerkes, die eine demokratische Staaten-Föderation forderten. Ob sich aber westliche Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten tatsächlich universell ausdehnen ließen, war selbst innerhalb der Federal Union umstritten. Schließlich verlief eine der zentralen Fronten im globalistischen Diskurs zwischen jenen, die wie die britische Soziologin Barbara Wootton für eine starke Weltregierung mit weitgehenden Befugnissen eintraten, und jenen, die solche Initiativen als utopisch kritisierten.
Rosenboim kann überzeugend nachweisen, dass das Nachdenken über die kommende Weltordnung seinen Ursprung in der epochalen Krise der Zwischenkriegszeit hatte und durch die globalen Dimensionen des Zweiten Weltkrieges, nicht zuletzt auch durch den Einsatz der Atombomben angetrieben wurde. Hier verbanden sich apokalyptische Ängste mit der Überzeugung, einen Moment zu erleben, der gleichzeitig präzedenzlose Chancen bot, die Welt zum Besseren zu verändern. Es handelte sich allerdings um einen sehr westlichen, genauer: anglo-amerikanischen Diskurs. Keiner der hier vorgestellten Entwürfe antizipierte die ungeheure Dynamik, die innerhalb weniger Jahre zur Auflösung der europäischen Kolonialreiche führte; Modelle für eine postkoloniale Welt wurden hier nicht entwickelt.
So heterogen die Auswahl der Figuren ist, so divers sind die Ordnungsentwürfe, die Rosenboim rekonstruiert. Dabei erscheinen manche der Protagonisten lediglich dadurch als Stimmen im globalistischen Diskurs, dass das Wort „global“ irgendwie in ihren politischen Entwürfen vorkommt. So wirkt das Buch mitunter wie eine Sammlung lose aufeinander bezogener Essays – die allerdings für sich genommen allesamt interessant sind. Tatsächlich problematisch ist es hingegen, dass eine Einordnung in breitere Kontexte weitgehend ausbleibt. Man mag die fehlenden Verweise auf frühere Konjunkturen globalistischen Denkens verschmerzen; dass Rosenboim hingegen behauptet, der Globalismus sei erst nach 1989 in Gestalt des Globalisierungsdiskurses zurückgekehrt und dabei die Bedeutung, die Vorstellungen weltweiter Interdependenz in den 1970er Jahren hatten, ignoriert, mutet seltsam an. In synchroner Perspektive wundert man sich, dass die Autorin die Versuche der Neuordnung der internationalen Beziehungen, die zeitgleich zu den von ihr untersuchten Überlegungen tatsächlich – wenn auch nicht immer erfolgreich – umgesetzt wurden, nur ganz am Rande erwähnt. Wenn überhaupt von den Vereinten Nationen die Rede ist, dann nur vom Sicherheitsrat, obwohl David Mitranys Forderung nach einer funktionalistischen Expertenherrschaft die entscheidende Orientierung von UN-Sonderorganisationen wie der Weltgesundheits- oder der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation bildete. Auch der Gedanke einer nationenübergreifenden Loyalität gegenüber der Menschheit als Ganzes, den einige von Rosenboims Akteuren ins Zentrum ihrer Entwürfe stellten, war das Gründungscredo der UNESCO.
Sicher kann es nicht ausschließlich darum gehen, nach Formen der politischen Implementierung zu suchen. Aber da die Studie die wirkungsgeschichtliche Dimension der globalistischen Ordnungsmodelle völlig ausblendet, gelingt es ihr letztlich nicht recht, deren historische Signifikanz herauszuarbeiten. Dennoch entsteht in Rosenboims Buch ein kluges Panorama der intellektuellen Verarbeitungen von globalistischen Wahrnehmungen der 1940er Jahre. Damit stellt es eine wichtige Erweiterung des Verständnisses dieser Dekade als Scharniermoment der internationalen und Globalgeschichte dar.