Olschanski, Reinhard: Der Wille zum Feind. Über populistische Rhetorik, 200 S., Fink, München/Paderborn 2017.
Reinhard Olschanskis „Der Wille zum Feind“ macht schon im Titel die Ausgangsthese des Werkes klar: Es ist die Feindbildkonstruktion, die im Kern die populistische Rede organisiert und motiviert, ja sogar den Populismus an sich konstituiert. Warum dies so ist, führt der Philosoph und Publizist auf 200 Seiten mit großer Deutlichkeit aus. Dabei geht es ihm nicht primär um die politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen. Populismus ist für ihn vor allem eine Stilfrage: Es geht um einen „rhetorischen Politikstil“, den es „beim Wort“ zu nehmen gelte.
Das erste der elf Kapitel führt in die klassische aristotelische Rede ein, um dann die Spezifika der populistischen Rede anhand ihres Umgangs mit einzelnen Redeelementen sowie ihrer Leerstellen herauszuarbeiten. Kapitel 2 befasst sich mit der besonderen Verbindung des populistischen Redners zu seinem Publikum. Die Rede „Ad populum“ erscheint als Versuch des Hofierens und der Erzeugung von Affekten: der Populist als Publikumsschmeichler. Olschanski sieht solche Über- und Unterbietungsperformances als ikonische Zeichen mit Türöffnerfunktionen. Was dann folgt, ist die Erzählung von einer Wunschwelt, dem „Herzland“ (Kap. 3). Die Vorstellung von einer zumeist kleinstädtisch-ländlichen Lebenswelt, einer Welt des „menschlichen Maßes“ mache das „Herzland“ zu einer rückwärtsgewandten Utopie. Als solche vermag sie nicht nur Nostalgie-, sondern auch Abstoßungsgefühle zu wecken. Die Herzland-Retrotopie bleibe wohl auch deshalb eher unscharf.
Der historische Niedergang einer Welt heiler Identität führt den Autor zum Fluchtpunkt populistischer Rhetorik: der Feindbildausdeutung (Kap. 5). Der Feind – jetzt nicht mehr menschliches Subjekt, sondern Objekt des Hasses – steht dabei so zentral, dass er die Eigenwelt bestimmt, obwohl er eigentlich dämonisiert und ausgeschlossen werden soll. Olschanski beleuchtet dies im Weiteren genauer, indem er den performativen Aspekt und damit auch den Ort populistischer Rede in den Vordergrund rückt. Der Autor überzeugt insbesondere in diesem Teil, weil er auch die aktive Rolle des sich selbst und den Redner anfeuernden Publikums in den Blick nimmt. Die lautstark vermittelte Einheit des Binnenraumes ist dabei wichtig, denn es geht darum, die eigene Stärke als Übermacht autosuggestiv zu verkörpern.
Dieses rhetorisch-symbolische Darstellungshandeln wird in Kapitel 9 in seiner Wirkung im sozialen Raum untersucht, wobei es dem Autor weniger um Hassreden gegen konkrete Feinde als um das Verfahren der Feindbild-Konstruktion an sich geht. Gleichwohl macht Olschanski Lieblingsfeinde aus, Schnittmuster des populistischen Feinddenkens, die in besonderer Weise im öffentlichen Diskurs verankert werden sollen. Hierzu gehört im horizontalen Schnitt die Anti-Eliten-Rhetorik gegen „die da oben“, welche durch einen politischen Synkretismus in der Wahl der Themen zur Entpolitisierung und zum Ende der Debattenkultur beiträgt. Populismus lässt sich für Olschanski insofern nicht an seinen Inhalten, sondern nur an seinem politischen Stil festmachen. Zum anderen geht es ihm um die vertikalen populistischen Aufspaltungen der Lebenswelt, die er insbesondere in der Islamophobie eines Kultur- und Religionspopulismus verortet, der das Herzlandkonstrukt vom christlichen Abendland aufgreift. Für den Autor stehen diese unterschiedlichen horizontalen und vertikalen Konfliktlinien nicht unverbunden nebeneinander, sondern gehören eng zusammen und bestärken sich gegenseitig. Mithilfe dieser gedoppelten Feindbildzeichnung nehme der Populismus der etablierten Politik das Heft des Handelns aus der Hand. Denn sie stärke die Populisten nicht nur dann, wenn letztere sich dem populistisch organisierten Volkszorn widersetzt, sondern auch dann, wenn sie ihm entspricht, denn dann kommt sie zu spät oder agiert nur auf Druck der Populisten. Olschanski sieht denn auch den Versuch einer Übernahme populistischer Feindbildthemen durch die Etablierten zum Scheitern verurteilt.
Er schlägt stattdessen vor, sich der populistischen Feindbildkonstruktion von außen durch eine genauere Analyse seiner Sprache zu nähern (Kap. 10). Hierzu vergleicht der Autor die eigentliche Hasssprache mit den pragmatisch abgeschwächten Zweitsprachen des Populismus. Sie führen ihn abschließend zu den konkreten Implikationen einer mit Ressentiments geladenen Politik. Olschanskis Forderung lautet: Keine Verschiebung des öffentlichen Diskurses hin zu populistischen Themen, weil dies hauptsächlich den Populisten zugute komme, sondern Mut zur Metaebene, zu einer Debatte über populistische Rhetorik und die Mechanismen ihrer Feindbildproduktion.
Der materielle Gewinn des Buches liegt weniger in neuen Einzelerkenntnissen oder neuen Fallbeispielen, sondern in der philosophisch motivierten Zusammenschau, die aus dem Vergleich von klassischer politischer mit populistischer Rede gewonnen wird. Gerade die sie auszeichnende Konsequenz der Darstellung – wenn auch nicht frei von Redundanzen – macht die Gefahr greifbar, die von populistischer Rede und ihrer Eskalationslogik ausgeht: dass sie nämlich die Grenze zwischen Worten und Taten verschwimmen lässt. Es ist, wie Olschanski deutlich macht, die rhetorische Übergriffigkeit, die Affekte schürt und damit eine Dynamik in Gang setzt, die „moralische Alltagsstandards der wechselseitigen Achtung“ sprengt.
Olschanski gelingt eine insgesamt besonnene Gegenwartsanalyse. Da ist es schade, dass er an einigen Stellen selbst auch nicht vor unmotivierten Populismen gefeit scheint, wenn von „Autokratien“, „erbittertem Kulturkampf“ oder vom „Stahlgewitter“ die Rede ist. Das mag der Überlegung geschuldet sein, einen breiteren Leserkreis anzusprechen.
Reinhard Olschanskis Buch kommt zur rechten Zeit – in einem Moment, in dem im deutschen Parlament die Sitze neu verteilt worden sind. Die populistische Rede ist im Zentrum demokratischer Diskurse angekommen. Wie sie die sachbezogene Rede herausfordert, wird die Leserschaft jetzt mit einem rhetorisch geschärften Blick wahrnehmen können.