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Einzelrezension

Lebendige Kolonialgeschichte?


Abstract

Lebendige Kolonialgeschichte?

Keywords: Mühlhahn, Klaus, 2017, Kolonialgeschicte, Deutsche Kolonien, Post-Kolonialismus

How to Cite:

Reinhard, W., (2019) “Lebendige Kolonialgeschichte?”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0046-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-18

Mühlhahn, Klaus (Hrsg.): The Cultural Legacy of German Colonial Rule, 204 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2017.

Eine Berliner Tagung der FU und des Deutschen Historischen Museums versammelte 2016 neun Beiträge zur aktualisierten deutschen Kolonialgeschichte aus fünf Kontinenten. Denn auch wenn die deutschen Kolonien seit den 1980er Jahren zunehmend Interesse fanden, bleibt immer noch die Frage offen, ob sie für Deutschland im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten wirklich nur marginale Bedeutung hatten oder vielmehr aus der Sicht der neuen Kulturgeschichte durchaus bedeutsam waren und sind.

In seinem Beitrag erörtert Frederick Cooper in diesem Sinn verschiedene Facetten der keineswegs restlosen Ablösung der Kolonialreiche durch die neuen Nationalstaaten. Britta Schilling untersucht die langfristige deutsche Erinnerungskultur in Namibia anhand materieller Objekte wie Afrikabücher und -karten, Kolonialwaren und Entwicklungshilfe, Familienerbe und hinterlassene Bauwerke. Langfristige ethnologische Feldforschung von Nina Berman über ein Küstengebiet südlich von Mombasa erhellt die teilweise dubiose Rolle deutschsprachiger Investoren seit 1960, durch die eine neue Art Nord-Süd-Wanderung den Einheimischen kaum 20 Prozent des Landes gelassen hat. 1999 kamen 60 Prozent der Hauskäufer aus der ehemaligen DDR. Ibrahim Njoya, der Sultan von Bamum in Kamerun, hat in einer selbsterfundenen Schrift 1911–33 umfangreiche Aufzeichnungen über sein Volk und sein Leben hinterlassen. Patrice Nganang macht deren autochthone Dimension ebenso deutlich wie die deutschen und französischen Momente. Dotsé Yigbe zeigt, dass der Mythos der „Musterkolonie“ Togo zwar längst vergangen ist, dass aber nicht nur die afrikanischen Angehörigen der Norddeutschen Mission, sondern auch verschiedene Interessengruppen dennoch bis heute ein besonderes Verhältnis zwischen Togo und Deutschland aufrecht erhalten, unter anderem als Kontrastprogramm zu der kolonialpolitischen Teilung Togos zwischen Briten und Franzosen. Werner Hillebrecht charakterisiert die widersprüchliche kulturelle Vergangenheit und Gegenwart Namibias zwischen deutschen Monumenten, Traditionen und weiterbestehendem Landverlust an Deutsche. Yixu Lü zeigt, dass zwischen der traditionellen Verherrlichung der kostspieligen Errungenschaften des deutschen Qingdao und der entsprechenden Verdammung des deutschen Imperialismus durch Chinesen stattdessen seit den 1980er Jahren die gemeinsame Modernisierungsleistung im Mittelpunkt steht und Chinesen in diesem Sinne das deutsche Erbe unbefangen als ihr Eigentum betrachten. Auch die von Malama Meleisea und Penelope Schoeffel ausführlich geschilderte Vorgeschichte und Geschichte der Deutschen in Samoa läuft trotz aller Konflikte auf erfolgreiche kulturelle und genetische Synthese hinaus. Eine Autorin stammt selbst aus einer deutsch-samoanischen Familie. In Papua-Neuguinea hingegen lässt sich deutsches kulturelles Erbe nicht mehr direkt identifizieren. Craig Alan Volker nennt übernommene Sachgüter sowie Orts‑, Pflanzen- und Personennamen, deren deutsche Herkunft aber längst vergessen ist. Auch die lokale Creolsprache Unserdeutsch wird nur noch von älteren Zuwanderern aus Australien gesprochen.

Auf S. XII heißt es, dass Europäer ihre Kolonialgeschichte zwar ablehnen mögen, sie aber dessen ungeachtet als vergangen betrachtet werde, während in früheren Kolonien das koloniale Erbe nach wie vor lebendig und relevant sei. Ein unbefangener Leser erhält freilich eher den Eindruck, dass die Geschichte auch für die ehemals Kolonisierten inzwischen vergangen ist, es sei denn, es handelt sich um interessengeleitete geschichtspolitische Konventionen der einen oder der anderen Seite.