Meifort, Franziska: Ralf Dahrendorf. Eine Biographie, 477 S., Beck, München 2017.
Ralf Dahrendorf (1929–2009) inszenierte sich selbst als einen intellektuellen Grenzgänger in seinen changierenden Rollen als „Journalist, Politiker, Gelehrter, ‚Kapitän auf großer Fahrt‘, Poet, Soziologe und ‚Weltkind‘“ (S. 21). Und so porträtiert ihn Franziska Meifort in ihrer sorgfältig recherchierten und flüssig geschriebenen Biografie. Meifort versteht es, zum faszinierenden Lebensweg eines eigenwilligen 1945ers, der die westliche Demokratie zu seinem großen Thema machte, und eines engagierten 1989ers, der im neuen Europa die „Wiedergeburt der Geschichte“ feierte, in sechs Großkapiteln treffende Akzente zu setzen.
Nichts prägte Dahrendorfs lebenslangen Einsatz für persönliche Freiheit, für ethischen Liberalismus so, wie seine jugendliche Erfahrung in einem nationalsozialistischen Arbeitslager bei Frankfurt an der Oder. Und nichts beförderte den Sohn des SPD-Politikers Gustav Dahrendorf in seiner steilen wissenschaftlichen wie politischen Karriere so, wie seine Fähigkeit wirksame Netze zu knüpfen. Ergänzungsstudium an der London School of Economics mit einer zweiten Promotion, rascher Abbruch der Assistentenzeit an Max Horkheimers Institut für Sozialforschung und stattdessen Habilitation an der Universität Saarbrücken, Soziologieprofessor an der Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft und Ruf an die traditionsreiche Universität Tübingen im Jahr 1960. Als er dort seine Antrittsvorlesung „über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ hielt, war Dahrendorf 31 Jahre alt. Die ersten beiden Kapitel zeichnen diesen Weg akribisch nach und immer prüft Meifort Dahrendorfs bekannte Autobiografie „Über Grenzen“ (2002) in ihrem Hang zur Selbststilisierung kritisch gegen.
Herzstück ist das dritte Kapitel zu den 1960er Jahren und zu Dahrendorfs Erfolgen als intellektueller Vordenker bundesrepublikanischer Reformen. „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ (1965) wurde ein Bestseller. Mit „Bildung ist Bürgerrecht“ (1968) erzielte er letztlich mehr Wirkung als Georg Pichts alarmistischer Topos von der „Bildungskatastrophe“. In Konstanz war er Mitbegründer der ambitioniertesten deutschen Reformuniversität. Vor allem über „Die Zeit“ avancierte er zum gefragten und streitfreudigen Medien-Intellektuellen, an dem niemand, der sich in die Reformdebatten der späten 1960er Jahren einmischt, vorbeikam.
Als Star unter den zahlreichen public moralists konnte er 1968 der Versuchung nicht widerstehen, sich in „Politik als Beruf“ zu erproben: Chefstratege der FDP, nach charismatischem Wahlkampf Mitglied des Bundestages und Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dann EG-Kommissar für Äußere Beziehungen und hernach für Bildung und Wissenschaft. Meifort kann gut zeigen, warum der Intellektuelle in der Politik jeweils scheiterte, in Bonn wie in Brüssel. Der Konflikttheoretiker hatte die Grundlektion der Parteiensoziologie nicht gelernt, die ihm sein Vorbild Max Weber hätte beibringen können. Keine Institution verzeiht die Illoyalität, aus ihrer Mitte öffentlich und scharf kritisiert zu werden, wie Dahrendorf es in seinen „Wieland-Europa-Artikeln“ mit dem Vorwurf der bürokratischen Überregulierung tat.
Stets willkommen war Dahrendorf dagegen in akademischen Leitungspositionen. Als Direktor der London School of Economics zwischen 1974 und 1984 verfeinerte und erweiterte er seine Sozialtheorie, strukturiert um die beiden Schlüsselbegriffe „Konflikt“ und „Lebenschancen“. Freiheitliche Lebensordnungen haben die größtmöglichen Wahlchancen („Optionen“) für das Individuum und eine Vielfalt freier Bindungen („Ligaturen“) zu ermöglichen. Konflikte wirken positiv, wenn sie in kluger politischer Balance von „Angeboten“ und „Anrechten“ gehalten werden und die „Bürgergesellschaft“ (civil society), stärken. Schriften wie „Lebenschancen“ (1986) oder „The modern social conflict“ (1988) fußen dabei mehr auf Weber, als Meifort veranschlagt.
In der welthistorischen Zeitenwende von 1989 verstärkte Dahrendorf seine europäische Medienpräsenz und reiste unermüdlich nach Warschau, Prag, Budapest und Bukarest, um liberale Intellektuelle zur Übernahme politischer Ämter und Mandate zu bewegen. Die deutsche Vereinigung galt ihm als Nebenprodukt des großen Aufbruchs in ein neues Gesamteuropa.
Als Gegenwartsdiagnostiker war er in den 1990ern überall gefragt. Nur bei der sozialdemokratisch imprägnierten „Dritte-Weg-Bewegung“ musste er die Deutungshoheit an Anthony Giddens abtreten. Meifort nennt für Dahrendorfs Schmollen als plausiblen Grund, „daß seine Kritik auch deshalb so heftig war, weil er selbst gern der Vordenker des ‚Blair-Projekts‘ gewesen wäre“ (S. 278), in dessen Kontext in Deutschland dann die weichenstellende Agenda 2010 entstand. Als elder statesman blieb Lord Dahrendorf, Mitglied des englischen Oberhauses, bis zu seinem Tod ein gesuchter Berater von Regierungen, Forschungsinstituten und Wirtschaftsunternehmen. Die weltweite Finanzkrise von 2008 traf seinen Glauben an einen „verantwortlichen Kapitalismus“ hart, und er mahnte, mit Webers „Protestantischer Ethik“ einen Mentalitätswandel herbeizuführen.
In zwei Thesen dürfte Meiforts Buch in die Irre führen. „Europa“ hält sie für keinen zentralen Bezugspunkt in Dahrendorfs engagierter Weltsicht. Beschränkt habe er sich „im Wesentlichen auf die Bundesrepublik und Großbritannien“ (S. 228). Wie ist dann die kontinuierliche europäische Institutionenkritik seit den 1970er Jahren, der Ruf nach dem „starken Europa“ in den 1980er Jahren, das „europäische Tagebuch“ in den 1990er Jahren und das leidenschaftliche Plädoyer für ein Europa von „heterogenen Nationalstaaten“ und gegen ein „Europa der Regionen“ zu gewichten? Das wäre zu diskutieren. Methodisch ist das Buch als Intellektuellen-Biografie konzipiert, aber schlicht verunglückt erscheint es mir, den Protagonisten anläßlich seiner Übersiedlung nach London zum „Exilintellektuellen“ zu erklären (S. 246). Ausgerechnet Dahrendorf, der Sir und spätere Lord, der das High-Class-Leben unter den good and great aus vollen Zügen genoss und in beiden Ländern gleichermaßen zu Hause war. Er und der „Exilantenstatus“, das entwertet das Schicksal von Emigranten, die vor der Gewalt ihres Landes flohen, wie die Familie des befreundeten Fritz Stern.
Aufs Ganze gesehen ist es aber keine Frage: Mit Meiforts Biografie liegt eine Pionierarbeit vor. Sie hat Dahrendorfs unveröffentlichte englischsprachige Autobiografie als zentrale Quelle ausgewertet, dazu seine Korrespondenzen und Materialien aus dem von ihr erschlossenen Nachlass im Bundesarchiv Koblenz. Für die künftige Dahrendorf-Forschung hat sie mit ihrer Berliner Dissertation das entscheidende Fundament gelegt.