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Einzelrezension

Konstruktivistisch-postmoderner Zugang zu Kant


Abstract

Konstruktivistisch-postmoderner Zugang zu Kant

Keywords: Review, Oki, Masataka, 2017, Kant, Konstruktivismus

How to Cite:

Paprotny, T., (2019) “Konstruktivistisch-postmoderner Zugang zu Kant”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0043-0

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-01-18

Oki, Masataka: Kants Stimme. Eine Untersuchung des Politischen bei Immanuel Kant, 220 S., Duncker & Humblot, Berlin 2017.

Immanuel Kants reichhaltiges Werk enthält politische Aspekte respektive politiktheoretisch zu analysierende Fragestellungen, aber keine selbstständige umfängliche Schrift zu Staat und Politik. Masataka Oki promovierte mit der vorliegenden Arbeit, die durch einen methodisch variantenreichen Zugriff auf das politische Denken von Kant gekennzeichnet ist. Die Konstruktionsprinzipien erläutert er eingangs, aber auch begleitend zur Untersuchung. Oki möchte „Kants Stimme“ vorstellen und somit die Überlegungen zu einer vernunftorientierten Politik, die aus dessen Werken gewonnen werden können, reflektieren und systematisch ordnen. Er gesteht zu, für sein Vorhaben eine „etwas ungewöhnliche Interpretationssprache“ (S. 84) gewählt zu haben, die der ersichtlich existenziell motivierten, subjektgebundenen Rezeption geschuldet ist.

Belegt wird dies auch durch die analytisch-postmodern durchgeführte Anordnung der Kapitel. Oki setzt voraus, dass das „basale Interesse des Menschen an der eigenen Freiheit den Grundton der Kantischen Philosophie ausmacht“ (S. 84) – wenn es sich so verhielte, würden nicht nur die erkenntnistheoretischen, sondern auch die moralphilosophischen Werke neu gelesen werden müssen. Zugleich wäre indes zu fragen, warum ein anscheinend anthropologisch konstitutiv freiheitsorientierter Bürger Preußens überhaupt dazu ermuntert werden müsste, sich des eigenen Verstandes zu bedienen respektive sich aufzuklären. Oki verweist auf eine „Kants Philosophie durchschießende Stimmung“ – also eine Art Subtext –, die er als das „manchmal für den Menschen selbst unerträgliche Verlangen nach der Unendlichkeit“ bestimmt (ebd.). Somit gelte es also, „Kants Stimme“ zu beachten, zugleich aber – wie Oki richtig feststellt – zu berücksichtigen, dass Kant eine Theorie des Politischen „nie so systematisch und umfangreich“ (S. 43) explizit konstruiert habe.

Ein schwerlich anders als mutig zu bezeichnendes Wagnis geht der Verfasser ein, wenn er die „Aufgabe“ benennt, dass Kants „Konzept“ aus den vorliegenden Texten zu „rekonstruieren“ sei: „Man muss die Prinzipien des zu Rekonstruierenden aus der Sicht der Vernunft in Kant vorweg anvisieren, die den ganzen Bau des Konstrukts bestimmen“ (S. 43). Es gelte, so Oki, Kant somit besser zu verstehen, als er sich selbst verstanden habe, und man solle darum „seine Stimmung gegenüber dem Politischen vernehmen“ (ebd.). Die Option einer historisch-kritischen, den Kontext berücksichtigenden Deutung wird anscheinend nicht erwogen, stattdessen eine experimentelle, durchaus fantasievolle Reflexionen begünstigende Verfahrensweise bevorzugt und auch konsequent durchgeführt.

Der Autor berücksichtigt einige zumindest implizit politisch deutbare Elemente von Kants Philosophie, lässt aber erkennbar politisch diskutable Aspekte außen vor. Dies gilt etwa für Kants in der Religionsschrift dezidiert geäußerte Kritik am „Pfaffentum“, energisch vorgebracht und polemisch zugespitzt. Mit einem sprachlich herb formulierten Angriff, der zunächst als nachhaltige Religions- und Kirchenkritik wirkt, trifft der Philosoph zwar primär die biederen protestantischen Geistlichen seiner Zeit. Die Kritik an den Repräsentanten ist jedoch zugleich eine entschlossene Kritik an der Institution Kirche, die mit dem Staat eng verflochten ist. Somit besitzt diese Schrift eine eminent politische Qualität, wenngleich keinen revolutionären Charakter. Die Religionsschrift kann aber als Beitrag zu einer vielfältigen „Revolution der Denkart“ gelten. Oki entscheidet sich jedoch dafür, auf die eher als randständig angesehene Schrift über Pädagogik Bezug zu nehmen. Er zitiert Kants Aussage, die auch ironisch gemeint ist, dass Menschen nicht so leicht aufhörten, Kinder zu sein. Oki schreibt, dies scheine ein „bloßer Seufzer“ zu sein, fügt dann aber, über Kants kritische Philosophie eindeutig hinaus denkend, hinzu: „Dass diese Aussage jedoch von uns eine ‚gemeine‘ zu sein scheint, bedeutet nicht, dass der Philosoph unfähig sei, in die Tiefe hinabzusteigen oder in die Höhe hinaufzuklettern, wo die dem gemeinen Menschen verborgenen, alle Phänomene transzendierenden Wahrheiten liegen. Anzunehmen ist vielmehr, dass Kant durch die Aussage uns etwas zu zeigen meint, was uns alle angeht und daher unvermeidbar ist: das Gewicht des Selbst“ (S. 85).

Dieses bezeichnet Oki dann als „Konstanz des Menschen“ (S. 85), gemeint ist vermutlich als Konstante. Durchgängig strebt er danach, „eine Stimme aus der Begriffsvielfalt heraushören“ (S. 12) zu können, in der Freiheit und Vernunft zueinander gefügt sind. Die Stimme von „Kants Gemüt“ deutet der Autor als „Gefühl des Gefangenseins im eigenen Selbst“ und als „Hoffnung auf die Emanzipation“, die in ein „selbstgewähltes Selbst“ mündet. Erreicht werde eine vernünftige „Verwirklichung der menschlichen Freiheit“, die Oki visionär resümiert: „Das Politische bei Kant als das Wesen der Politik ist ein gemeinsamer Nenner derjenigen freien und gerechten Zusammenarbeit der Menschen, wodurch sie ein Gebäude für alle Menschen aufbauen, in dem sie alle den größten Grad der Freiheit genießen können und ihre Freiheiten im Plural am fröhlichsten zusammenklingen“ (S. 204).

Okis Studie zu Kants Verständnis des Politischen erweist sich – wie in der Postmoderne mitunter üblich – als eine ausgesprochen kreative Konstruktion. Diese Dissertation lässt sich als eine engagierte Anstiftung zum Denken mit Kant und mehr noch über Kant hinaus begreifen.