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Einzelrezension

Beitrag zur Kulturgeschichte der Abwehr des Imperialismus


Abstract

A Contribution to the Cultural History of Anti-imperialist Politics

Keywords: Review, Manalapanacharoen, Suphot, Imperialismus, Symbolische Politik, Zeremoniell, Siam, 2017

How to Cite:

Marx, C., (2019) “Beitrag zur Kulturgeschichte der Abwehr des Imperialismus”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0042-1

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-18

Manalapanacharoen, Suphot: Selbstbehauptung und Modernisierung mit Zeremoniell und symbolischer Politik. Zur Rezeption europäischer Orden und zu Strategien der Ordensverleihung in Siam, 288 S., UVK, Konstanz/München 2017.

Die Forschung zur Geschichte des Imperialismus im 19. Jahrhunderts hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Gewicht auf die Gegenwehr der Völker Asiens und Afrikas gelegt und interpretiert diesen Widerstand nicht mehr als „Aufstände“, als ob die Herrschaft der Europäer mehr als ein bloßer Anspruch oder gar legitim gewesen wäre. Doch werden die wenigen Länder, denen es tatsächlich gelang, der kolonialen Unterwerfung zu entgehen, weiterhin eher am Rand behandelt. Dabei lässt sich aus ihren politischen Manövern viel lernen, denn sie agierten außenpolitisch sehr geschickt und öffneten sich gleichzeitig dem ökonomischen Zugriff der imperialistischen Mächte, ohne jedoch die Kontrolle über die eigene Wirtschaft gänzlich zu verlieren. Während allein Japan der Aufstieg zum gleichberechtigten Partner gelang, konnten Länder wie Persien, Äthiopien und Siam ihre staatliche Unabhängigkeit wahren, indem sie ihre Verwaltungsstrukturen und die Wirtschaft modernisierten.

Suphot Manalapanacharoen hat in einer neuen Studie über Siam, das seit 1939 den Namen Thailand trägt, diese Form der Selbstbehauptung nachgezeichnet und sich dabei auf die Symbolpolitik unter den beiden bedeutenden Königen Mongkut (1851–1868) und Chulalongkorn (1868–1910) konzentriert, wobei insbesondere der letztgenannte ein energischer und entschlossener Modernisierer war. Neben dem Einsatz von Symbolen staatlicher Souveränität konnte, wie der Autor betont, die siamesische Monarchie die französische koloniale Aggression durch eine systematische Pflege der guten Beziehungen zu Großbritannien, Russland und Deutschland abwehren. Gleichzeitig öffnete Chulalongkorn sein Land ökonomisch, sozial und kulturell, sodass es den Europäern keinen Vorwand zur Intervention mehr bot.

Der Autor hat sich in seiner musikwissenschaftlichen Dissertation mit den deutsch-thailändischen Musikbeziehungen befasst, so erstaunt es nicht, dass er ein Thema der politischen Geschichte kulturhistorisch angeht. Die Bedeutung von Ritualen und Symbolen wird in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte schon seit längerer Zeit intensiv erforscht, in der neuesten und Zeitgeschichte wird Symbolpolitik auch für europäische Länder in den letzten Jahren verstärkt behandelt. Manalapanacharoen hat sich für seine Untersuchung ein besonders aussagekräftiges Feld der Symbolpolitik herausgesucht, anhand dessen die siamesische Modernisierung, die eigene Traditionen keineswegs aufgeben wollte, anschaulich analysiert werden kann, nämlich die Verleihung von Orden. Das klingt zunächst nach einem eher langweiligen Thema, mit protokollarischen Abläufen, der Eitelkeit von Politikern und Militärs, die sich gern mit ‚Lametta‘ behängen, doch gewinnt der Autor der Gründung und dem Umgang mit Orden höchst interessante Erkenntnisse ab.

Die ersten Ordensgründungen als bewusste Anpassungsleistung an westliche Gepflogenheiten fanden bereits unter Mongkut Mitte des 19. Jahrhunderts statt. Besonders sein Nachfolger Chulalongkorn konnte mit der gezielten Verleihung von Orden die Anerkennung durch westliche Regierungen, besonders aber durch westliche Monarchen, durchsetzen und von ihnen als ihresgleichen anerkannt werden. Gleichzeitig diente die Verleihung eigens dafür gestifteter Orden auch der Belohnung verdienter Politiker und Mitarbeiter im eigenen Land, die in neuartiger Weise zur Loyalität gegenüber dem Monarchen, dem Königshaus sowie der modernisierten Staatsordnung verpflichtet werden sollten. Mit der Einführung von Orden in einem Land, in dem es sie zuvor nicht gegeben hatte, veränderte der König das alte Hofzeremoniell, an dem die Europäer als „barbarisch“ Anstoß genommen hatten.

Das Buch umfasst fünf Teile von sehr unterschiedlichem Umfang. Teil A beschreibt die Vorgeschichte, nämlich die traditionelle Ordnung Siams sowie den wachsenden Druck, den die Europäer, zunächst die Briten, später die im benachbarten Vietnam bereits dominierenden Franzosen, auf das Königreich ausübten. König Mongkut und seine allmähliche Öffnung zum Westen, die sich in den ersten Ordensstiftungen nach 1857 niederschlug, sind Thema von Teil B. Die eigentliche Hauptperson der Untersuchung ist jedoch sein Sohn, der langjährige Herrscher Chulalongkorn, der wie kein anderer die Grundlagen des modernen Thailand legte und dem die Teile C und D gewidmet sind. Zunächst musste der junge König sich aus der Abhängigkeit der alten Elite und insbesondere des während der Jahre seiner Unmündigkeit (1868–1879) zu großem Einfluss gekommenen Regenten Srisuriyawongse lösen. Dabei legte er innenpolitisch ein ähnlich gutes Gespür für Machtchancen an den Tag wie später in seinen außenpolitischen Initiativen.

Der Verfasser beschreibt die von den Königen gestifteten Orden detailliert, da sich in ihrer Gestaltung die Mischung aus traditionsorientierter Beharrung und Anpassung an westliche Gepflogenheiten materiell niederschlug. Ihre Verleihungspraxis und die später vorgenommene Hierarchisierung in verschiedene Ordensgrade spiegelte zudem die wachsende Handlungsautonomie des Königs wieder. Der Übergang von dem bis dahin gültigen Regierungssystem, das die Gliederung des heterogenen Reiches in verschiedene Regionen abbildete, zu westlichen Ressortministerien sowie besonders die Europareise Chulalongkorns werden genau analysiert. Gerade die Symbolpolitik ermöglichte dem König, sein Land vor der kolonialen Unterwerfung zu bewahren, auch wenn er den Preis ungleicher Verträge, der ökonomischen Öffnung und der Anpassung an den Westen dafür bezahlen musste.

Die wohlkalkulierte Verleihung von Orden durch Chulalongkorn wird in Teil D dargestellt, wobei gerade die Europareise des Königs 1897 ein großer Erfolg war, weil er sich in der persönlichen Begegnung mit anderen Monarchen beziehungsweise Präsidenten als gleichberechtigt durchsetzen und gleichzeitig seinen Orden einen hohen Stellenwert verleihen konnte. Weil Orden staatliche Hoheitszeichen waren, bedeutete die Akzeptanz eines siamesischen Ordens implizit die Anerkennung der Souveränität des südostasiatischen Königreiches. Im fünften Teil fasst Manalapanacharoen seine Erkenntnis in konziser Form zusammen und verweist auf den Stellenwert, den Symbole wie die Orden im antikolonialen Abwehrkampf Siams einnehmen konnten.

Das mit farbigen Abbildungen versehene Buch, wodurch der Fortbestand traditioneller Herrschaftsembleme des siamesischen Reiches im Rahmen eines westlichen Symbolimports für den Leser gut nachvollziehbar wird, ist ein innovativer Beitrag zur Geschichte des Imperialismus und des Erfolges einiger weniger Länder, der kolonialen Überwältigung durch die Europäer zu entgehen. Manalapanacharoen hat mit dieser, auf langjähriger Archivarbeit in Thailand beruhenden, gut geschriebenen Untersuchung eine neue Perspektive auf die Geschichte des Imperialismus und seine Abwehr eröffnet.