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Einzelrezension

Das Erbe des Ersten Weltkriegs aus US-amerikanischer Sicht


Abstract

World War I and its Legacies seen from the U.S.

Keywords: Review, Zeiler, Thomas W., Ekbladh, David K., Montoya, Benjamin C., 2017, Erster Weltkrieg, USA

How to Cite:

Rausch, H., (2019) “Das Erbe des Ersten Weltkriegs aus US-amerikanischer Sicht”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0040-3

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-17

Zeiler, Thomas W./Ekbladh, David K./Montoya, Benjamin C. (Hrsg.): Beyond 1917. The United States and the Global Legacies of the Great War, 352 S. Oxford UP, Oxford u. a. 2017.

Das Jahr 1917 ist in der historiografischen Erinnerungswelle zum Ersten Weltkrieg lange etwas untergegangen und fiel hinter zwei andere Symboldaten zurück. Zum einen dominierte die Diskussion um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, zum anderen konzentrierte sich die internationale Forschung vor allem auf 1918/19 und das Fortbestehen von Krieg, Paramilitarismus und ethnischer Gewalt weit in die Phase des offiziellen Kriegsendes hinein. Der Band „Beyond 1917. The United States and the Global Legacies of the Great War“ meldet sich nun mit eigenen Akzent zu Wort: er fokussiert den US-amerikanischen Kriegseintritt, der die auch zuvor in den Weltkrieg involvierten USA endgültig zum letztendlich kriegsentscheidenden Kombattanten machte, und fragt nach den kurz-, mittel- und langfristigen Effekten des Jahres für die USA und ihre Rolle in der Welt. Enthalten sind mit Ausnahme des Vorworts von David K. Ekbladh und einigen leichten Überarbeitungen im Wesentlichen die Beiträge der Septemberausgabe von Diplomatic History 2014. Geboten wird eine ebenso knappe wie eindrucksvolle Schau auf aktuellste Diskussionen und Bewertungen.

Im mit drei Beiträgen kleinsten ersten Teil geht es um Aufarbeitung des Krieges in der philanthropisch finanzierten zeitgenössischen Historiografie (Katharina Rietzler) und in der politischen US-Öffentlichkeit, für die der Krieg John Milton Cooper zufolge anders als der Zweite Weltkrieg ein „forgotten war“ (S. 58) blieb. Bemerkenswert scheint Akira Iriyes Beitrag, der dafür plädiert, nicht nur auf den sicherlich prägenden Aufstieg des neuen Hegemon USA im Krieg zu achten, sondern die vielfachen internationalen Verflechtungen und Austauschbeziehungen im Blick zu behalten, die im und nach dem Krieg wichtig blieben. Dieses Votum passt gut zum historischen Deutungstrend, demzufolge die Hypothese vom amerikanischen Isolationismus nach 1918 definitiv ausgedient hat.

Stärkeres Gewicht haben im zweiten Buchteil fünf Kurzstudien zum Kriegseffekt an der US-amerikanischen home front. Michael S. Neiberg zeichnet noch einmal den amerikanischen Weg aus der stark Großbritannien-lastigen sogenannten Neutralität in den Krieg nach und sieht im amerikanischen Vermögen, nicht Völkern, sondern Regierungen den Krieg zu erklären, eine Art moderne Kraft der Wilsonians zur Distinktion jenseits der europäischen Kriegsnationalismen. Michael Adas bringt auf den Punkt, wie der späte Kriegseintritt Amerikas Sicht auf Krieg und Kriegsende „exzeptionell“ (S. 103) machte: denn die vergleichsweise geringe Last an Opfern und Schäden erlaubte, einigermaßen ungebrochen an der eigenen Zivilisierungsmission festzuhalten. Christopher Capozzola bündelt einmal mehr seine bedeutende Forschung zur „coercive inclusion“ (S. 118) des multiethnischen Amerika. Ähnlich summiert Julia Irwin ihre aktuellen Studien zu einer Sorte politischem Humanitarismus weiter Teile der US-Gesellschaft, der den Kriegseintritt flankierte und den USA neue Optionen verschaffte, auf den europäischen Kriegsschauplätzen Exempel eines moralischen Interventionismus zu statuieren. Andrew Preston formuliert seine These zur religiösen Triebkraft amerikanischer Politik, die einen dauerhaften Kontrapunkt zum säkularen Progressivismus der Epoche setzten sollte.

Zuletzt zielen sieben Beiträge im damit umfangreichsten dritten Teil des Bandes zum einen auf die globalgeschichtlichen Nachwirkungen, zum anderen auf die Prägungen US-amerikanischer Weltpolitik nach 1917. Lloyd C. Gardner vermisst das Jahr 1917 als ideologische Kampfzone zwischen amerikanischem und bolschewistischem Universalismusanspruch und stärkt damit die These vom „Ersten Kalten Krieg“ (S. 179), der 1917 begonnen habe. Mathew Jacobs zeichnet nach, wie die Erschütterungen im Mittleren Osten die Region neu auf die US-amerikanische Agenda brachten. Robert Gerwarth und Erez Manela skizzieren den Wilsonian-Moment in den kolonialen Territorien und die dramatischen Unübersichtlichkeiten, vor die sich die USA nach dem Zerfall der Empires gestellt sahen. Emily S. Rosenberg beobachtet, wie sich die USA zeitgleich mit Auflösungserscheinungen ihrer machtpolitisch zentralen Einflussregion in Lateinamerika konfrontiert sahen. Dieter Rothermund und Klaus Schwabe entwickeln Langzeitperspektiven vom Kriegseintritt auf die Rolle der USA und die Entwicklung Deutschlands in der Wirtschaftskrise, die beide zentrale Koordinaten für die US-Politik nach 1917 vorgaben. Zuletzt erinnert Hatsue Shinohara an die Potenziale zur Konfliktregulierung, die man sich zeitgenössisch vom Völkerrecht erwartete.

Die Beiträge sind, häufig von den einer breiten Alterskohorte entstammenden Schrittmachern der Zunft verfasst, allesamt auf aktuellstem Forschungsniveau angesiedelt. Im Ergebnis bietet der Band kein neues Narrativ zum Effekt des Ersten Weltkriegs aus US-amerikanischer Sicht, dazu bleibt er zu disparat und einzelne Artikel zu knapp. Aber er bündelt wichtige Argumentstränge, die derzeit zum Weiterknüpfen bereitliegen. In welchen neuen Aggregatzustand genau der Weltkrieg die USA politisch, militärisch, wirtschaftlich und sozio-kulturell brachte, wird ebenso weiterzuverfolgen sein wie die Frage, an welchen Stellen der Krieg Schieflagen und Miseren an der amerikanischen home front brennglasartig sichtbar machte, die die USA noch lange beschäftigen sollten. Am wenigsten klar scheint nach alledem, welche handgreiflichen Langzeiteffekte der Krieg für die internationale Politik der USA in den 1920er und 30er Jahren zeitigte.