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Einzelrezension

Humanitarismus in Kriegszeiten


Abstract

Humanitarianism During War

Keywords: Review, Wetherby, Aelwen D., Activism, Private Aid, NGO, USA, 2017

How to Cite:

Frey, M., (2019) “Humanitarismus in Kriegszeiten”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0039-9

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-18

Wetherby, Aelwen D.: Private Aid. Political Activism American Medical Relief to Spain and China, 1936–1949, 248 S., Missouri UP, Columbia, MO 2017.

In den vergangenen 15 Jahren erfährt die historische Erforschung des Humanitarismus einen regelrechten Boom. Erfahrungen unserer Gegenwart spiegelnd, wird die Wirkmächtigkeit zivilgesellschaftlicher Vereinigungen, internationaler Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen untersucht und ihr Einfluss auf Gesellschaften, Politik und inter- beziehungsweise transnationale Beziehungen vermessen. In vielen Spielarten folgt die sozialwissenschaftliche Forschung zumeist Pierre Bourdieus und Robert Putnams Theorie des Sozialkapitals (1983 bzw. 1993), wonach dieses gesellschaftliche Kohärenz und Vertrauen stärkt. Zugespitzt formuliert, erweisen sich Kirchenchöre und Bowlingclubs als Vorbedingungen einer lebendigen Demokratie. Sie sind gut, und je mehr es davon gibt, umso besser. Unter dieser normativen Prämisse steht auch die vorliegende Studie von Aelwen D. Wetherby. Sie befasst sich mit drei kleinen amerikanischen zivilgesellschaftlichen Vereinigungen von Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen, die im Spanischen Bürgerkrieg und in den Konflikten in China medizinische Hilfe leisteten. Dabei handelte es sich um das American Medical Bureau to Aid Spanish Democracy (AMBASD), das American Bureau for Medical Aid to China (ABMAC) und das China Aid Council (CAC). Die aus einer Dissertation hervorgegangene Studie ist sorgfältig aus einer Fülle privater Nachlässe und den Archiven der drei Organisationen gearbeitet und wird ergänzt durch amerikanische Regierungsakten und die einschlägige Sekundärliteratur. Die zentrale These lautet, die in den Vereinigungen zusammengeschlossenen Expertinnen und Experten hätten sich als „medizinische Aktivisten“ verstanden, um „mit dem moralischen Imperativ der humanitären Hilfe gegen die amerikanische Außenpolitik zu protestieren“ und diese zu bewegen, die Neutralitätspolitik aufzugeben und sich in die Konflikte einzumischen (S. 7).

Gut die Hälfte des Buches beleuchtet die Aktivitäten der drei Organisationen in den Vereinigten Staaten. Unzufrieden mit den unparteiischen großen Hilfsorganisationen, gründeten politisch aktive Mediziner 1936 und 1937 die drei Organisationen, um gegen die autoritäre Bedrohung in Spanien und China zu kämpfen. Sie verstanden sich als amerikanische Liberale, die aktiv für Demokratie eintraten und in der vom Kongress verfolgten Neutralitätspolitik eine Gefahr für den weltweiten Frieden erblickten. Darin wussten sie sich mit fast 3.000 anderen Amerikanern einig, die während des Spanischen Bürgerkrieges in der Lincoln Brigade aufseiten der Republik gegen Franco kämpften. Die in China operierenden Organisationen wurden vor allem von chinesisch-stämmigen Amerikanern ins Leben gerufen. Dabei gerieten das China Aid Council, später auch Mitglieder des AMBASD, ins Visier des House Un-American Activities Committee, das beteiligten Ärzten eine Nähe zum Kommunismus vorwarf.

Bis zum Kriegsbeginn im Dezember 1941 waren die Organisationen auf private Spenden angewiesen. Am AMBASD beteiligten sich vor allem jüdische Amerikaner, die China-Aktivitäten wurden von einigen Unternehmen und vor allem von chinesischen Amerikanern und deren Organisationen gefördert. Mit Kriegsbeginn zog die Bundesregierung die Koordinierung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten an sich, da sich binnen weniger Wochen fast 600 mit China befasste Organisationen um staatliche Anerkennung bemühten. Auch die Finanzierung erfolgte nun durch die Bundesregierung.

Ein Kapitel widmet sich den 150 Amerikanern, die AMBASD nach Spanien entsandte. Offenbar war hier die Quellenlage weniger dicht. Die Beschreibungen erfassen zwar das Wirken der Mediziner im Bürgerkrieg. Vorwiegend thematisiert werden die Probleme, mit denen Amerikaner konfrontiert waren, persönliche Eindrücke und Beziehungen, weniger die politischen Verhältnisse. Eine Verflechtungsgeschichte war nicht beabsichtigt; spanische Stimmen finden kein Gehör. Die Aktivitäten in China werden auch vergleichsweise knapp auf 20 Seiten behandelt. ABMAC und CAC werden überzeugend in den größeren Kontext der Arbeit einer Vielzahl amerikanischer Organisationen gerückt.

Wenig überraschend ist die Erkenntnis, dass in allen drei Organisationen Individuen um Einfluss auf internationale Beziehungen rangen und dass deren Möglichkeiten in Kriegszeiten durch staatliches Handeln eng begrenzt waren. Der Blick auf zahlreiche Aktivisten leuchtet dafür umso genauer die Spannung zwischen politischen Forderungen und humanitärem Interesse aus. Es ist diese Spannung, die Aelwen D. Wetherbys Buch so lesenswert macht. Darüber hinaus bietet es einen guten Überblick über wichtige zivilgesellschaftliche Aktionsformen im Amerika der 1930er und 1940er Jahre.