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Einzelrezension

Migrations- und Lagergeschichte


Abstract

Migrations- und Lagergeschichte

Keywords: Review, Van Laak, Jeanette, 2017, Migration, Vertriebenen, Lager

How to Cite:

Köhn, H., (2019) “Migrations- und Lagergeschichte”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0038-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-17

Van Laak, Jeannette: Einrichten im Übergang. Das Aufnahmelager Gießen (1946–1990), 420 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2017.

„Wie ein Staat mit seinen Zuwanderern umgeht, verrät kaum etwas über die Zuwanderer, dafür umso mehr über das Selbstverständnis und über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des Aufnahmelandes“ (S. 374), konstatiert Jeannette van Laak ebenso treffend wie den Bogen zu aktuellen Entwicklungen schlagend. Mit der Aussage verweist die Autorin auf einen zentralen Anspruch ihrer kenntnisreichen Studie (zugleich Habilitationsschrift): Die Geschichte des Notaufnahmelagers in Gießen in den Jahren 1946–1990 erzählt sie als eine facettenreiche Institutionen- und Beziehungsgeschichte, stets eingebettet in die Geschichte der (alten) Bundesrepublik. Van Laak wechselt dabei mehrfach die Perspektive, was den Reiz der methodisch anspruchsvollen und – um es vorwegzunehmen – gelungenen Untersuchung ausmacht. Das chronologische Erzählen weicht rasch einem systematischen Ansatz.

Eingangs findet sich die Geschichte des Notaufnahmelagers in die Lagergeschichte nach 1945 eingebettet. Die Studie reiht sich damit in die aktuelle Forschung zu verschiedenen Lagerformen der Nachkriegszeit ein, immer auf Höhe des Forschungsstands. Provisorische Ordnungssysteme, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft aus unterschiedlichen Gründen untergebracht und versorgt werden konnten, stellten ein Merkmal der deutschen Nachkriegsgeschichte dar. Die Geschichte des Notaufnahmelagers Gießen begann 1946 als Flüchtlingslager, es war (ab 1947 als sogenanntes ‚Regierungsdurchgangslager‘) eines von vielen Lagern in der Stadt. Von zentraler Bedeutung für die Lagergeschichte erwies sich das Notaufnahmegesetz, im August 1950 vom deutschen Bundestag verabschiedet und die Aufnahme von Flüchtlingen aus der DDR sowie aus Ost-Berlin regelnd: Der Staat hatte die Aufgabe, die Zuwanderer für die Dauer des Aufnahmeverfahrens zu beherbergen und zu versorgen. In der mittelhessischen Stadt entstand eines von drei „Bundesnotaufnahmelagern“, neben jenem in Uelzen-Bohldamm (Niedersachsen) und dem in Berlin-Marienfelde (1952). Van Laak analysiert ausführlich, welche Interessen verschiedene Akteure und Institutionen (Stadt, Land, Bund) vertraten – und wie sich diese auf das Lager auswirkten, von der Infrastruktur bis hin zum Lageralltag. Dabei geht die Autorin der Frage nach, ob sich im Lager die bundesdeutsche Gesellschaft sozusagen en miniature widerspiegelte. Tatsächlich gelingt es ihr, diesbezüglich Gemeinsamkeiten (etwa im Zusammenspiel von Behörden, Verbänden und Vereinen) nachzuzeichnen. Auch die föderale Struktur der Bundesrepublik prägte das Lager. Die Studie ist daher nicht nur für die Forschung zur Lagergeschichte von Interesse, sondern bietet detailreiche Einblicke in die Institutionengeschichte der Bundesrepublik – bis hin zur Arbeit der Geheimdienste, der „unsichtbaren“ Dienststellen im Lager, der eigene Unterkapitel gewidmet sind.

Überzeugend schildert van Laak wie sich das Lager vom kleinsten zum einzigen Notaufnahmelager in der Bundesrepublik entwickelte. Chronologische Meilensteine werden in der systematischen Gliederung sinnvoll aufgegriffen. Die abnehmenden Flüchtlingszahlen nach dem Mauerbau 1961, der Freikauf politischer Häftlinge und die Zuwanderung im Jahr 1989 wirkten sich nachhaltig auf die Lagergeschichte aus, bis zur formalen Schließung im Jahr 1990 im Zuge der Wiedervereinigung. Das „Einrichten im Übergang“ entwickelte sich zum Wesensmerkmal des Notaufnahmelagers; das Provisorium – eigentliches Kennzeichen eines Lagers – entwickelte sich zu „etwas Professionellem“ (S. 303). Flexible Strukturen, ebenfalls für Lager charakteristisch, machten sich in der Geschichte der Einrichtung immer wieder positiv bemerkbar und hielten das Lager funktionsfähig.

Im sechsten und letzten Großkapitel ändert van Laak nochmals die Perspektive, indem sie sich der Erfahrungsgeschichte der Übersiedler zuwendet. „Gehen oder Bleiben?“, das war die Frage, die sich zahlreichen Menschen in der DDR stellte (anders als den Vertriebenen im Zuge des Zweiten Weltkrieges, denen keine derartige Alternative zur Wahl stand). Exemplarisch werden eingangs drei Migrationsgeschichten von DDR-Übersiedlern vorgestellt, welche die DDR in den 1970er und 1980er Jahren verließen, sich für das „Gehen“ entschieden. Die Übersiedlungsgeschichten unterscheiden sich von den Erzählungen derjenigen Übersiedler, die in den 1950er und 1960er Jahren in die Bundesrepublik gingen; unter anderem dadurch, dass der Entscheidung ein langer Prozess vorausging. Van Laak greift in diesem Teil ihrer Arbeit auf einen Pool an Interviews zurück, die sie selbst mit Übersiedlern (und in kleinerem Umfang auch mit Mitarbeitern des Lagers sowie Gießenern) geführt hat. Die Darstellung bietet interessante Einblicke in einzelne Schicksale deutsch-deutscher Migration. In der Erinnerung der Übersiedler spielte das Lager in Gießen, das im Zuge ihres Aufnahmeverfahrens zu durchlaufen war, allerdings keine allzu große Rolle. Vergleichsweise gering ist entsprechend der Ertrag bezüglich des Alltagslebens im Notaufnahmelager. Inwieweit die Einschätzung der Autorin, dass sich „die kargen Erinnerungen an den Aufenthalt im Lager als ein Ausdruck des Unterschieds zwischen dem Selbstbild der Übersiedler und dem Bild der Aufnahmegesellschaft“ (S. 386) deuten lassen, sich auf andere Lagerformen und -erfahrungen übertragen ließe – wie von van Laak angedeutet – bleibt abzuwarten.

Die Studie, der ein sorgfältigeres Lektorat zu wünschen gewesen wäre, ist ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Geschichte der Notaufnahmelager in der Bundesrepublik. Jeannette van Laak liefert aber nicht nur eine dichte Beschreibung der Entwicklung des Lagers. Die unterschiedlichen Perspektiven ihrer Analyse machen den Band auch interessant für Forschende aus den Bereichen der Migrations- und Erfahrungsgeschichte.