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Einzelrezension

Zwischen epochalem Pathos und analytischer Kartographie


Abstract

Manifesto or Analytical Cartography?

Keywords: Review, Vanden, Harry E., Funke, Peter N., Prevost, Gary, Global Politics, Global Social Movements, 2017

How to Cite:

Unrau, C., (2019) “Zwischen epochalem Pathos und analytischer Kartographie”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0037-y

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-17

Vanden, Harry E./Funke, Peter N./Prevost, Gary (Hrsg.): The New Global Politics. Global Social Movements in the Twenty-First Century, 280 S., Routledge, London/New York 2017.

Wir erleben eine neue „Epoche des Widerspruchs“ (S. 3), ein Aufblühen weltweiter emanzipatorischer Politik. Diese These, die bereits im Titel „Die neue globale Politik“ zum Ausdruck kommt, stellen die Herausgeber Harry E. Vanden, Peter N. Funke und Gary Prevost gleich zu Beginn ihres Buches in den Raum. Dabei ziehen sie Vergleiche zur Pariser Kommune von 1871 und den Aufständen von 1968, die aus ihrer Sicht durch die aktuellen Bewegungen und ihre globale Reichweite sogar noch in den Schatten gestellt werden. Insgesamt schwankt der Band jedoch zwischen dieser Form des epochalen Pathos, das die eigene Zeit als etwas Besonderes, nie Dagewesenes feiert, und einer nüchterneren Bestandsaufnahme, so etwa, wenn die Herausgeber eine „analytische Kartographie“ (S. 7) des aktuellen Zustands sozialer Bewegungen als ihr Ziel angeben.

Und diese Kartografie gelingt Herausgebern und Autor_innen durchaus: Mit guten Gründen beginnen sie mit dem Zeichnen ihrer Landkarte in Lateinamerika, das sie als „Wegbereiter“ (S. 5) weiterer sozialer Bewegungen weltweit verstehen. Es folgen der Nahe Osten und Afrika (Ägypten, Tunesien, Syrien und Südafrika), Europa (mit Schwerpunkt auf Globalisierungskritik und jüngeren Anti-Austeritätsprotesten), die USA (mit Fokus auf die occupy-Bewegung) sowie Asien (Indien und China). Diese große Vielfalt der Themen und Fallbeispiele garantiert, dass jeder Leser und jede Leserin Neues und Interessantes erfährt, und so ist das große geografische Spektrum eine der Stärken des Sammelbandes. Daneben ist auch der recht große zeitliche Ausschnitt – von den 1990er Jahren bis in die Gegenwart – in vielerlei Hinsicht ein Gewinn. Denn er lässt die Leserschaft etwas über die Vor- und Nachgeschichte sozialer Bewegungen wie der mexikanischen Zapatisten oder occupy erfahren, nachdem sie wieder aus dem Fokus weltweiter Aufmerksamkeit verschwunden sind.

Neben der zeitdiagnostischen und „kartographischen“ Stoßrichtung kommt aber auch die starke These immer wieder zur Sprache, wonach wir es nicht nur mit einer großen Vielfalt unterschiedlichster Protestbewegungen zu tun haben, sondern tatsächlich mit einer epochalen Gesamtheit. Zur Begründung führen die Autoren bestimmte „Kerncharakteristika“ (S. 7) an, die allen diesen Einzelphänomenen gemeinsam sind: Opposition gegen den neoliberalen Kapitalismus, eine transnationale Komponente, Organisationsmodelle, die auf Partizipation und Demokratie setzen, die Nutzung alter und neuer Medien und ein Aufruf zur Demokratisierung als master frame. Dass in einem Sammelband das Abarbeiten dieser Kriterien den einzelnen Autoren und Autorinnen nicht verordnet werden kann, liegt auf der Hand. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, wenn die einzelnen Kapitel einen stärkeren Fokus auf diese Kriterien gelegt hätten.

Beispielsweise fällt die Beschäftigung mit dem Thema der transnationalen Verknüpfungen zwischen den einzelnen beschriebenen Bewegungen sehr unterschiedlich aus: So zeigt etwa das Kapitel über die europäische Globalisierungskritik und ihre Fortsetzung in den Anti-Austeritätsprotesten ab 2011 (Funke) Verbindungslinien zum mexikanischen Zapatismus und anderen lateinamerikanischen Bewegungsorganisationen auf und arbeitet gemeinsame Charakteristika heraus. In anderen Kapiteln, etwa zu Bolivien, Ecuador, Ägypten, den USA und China, wird die Frage der transnationalen Bezüge und Kontakte hingegen kaum thematisiert. Vielleicht weil sie eine geringere Rolle spielt? Dies hätte explizit gemacht werden können. Spannende Fragen, die hier offen bleiben, lauten beispielsweise: Wie sahen Verbindungen zwischen der brasilianischen Landlosenbewegung und occupy wall street aus, jenseits des gemeinsamen Rückgriffs auf die Praxis des Besetzens? Wie transformierte der Arabische Frühling das Weltsozialforum, das in Brasilien startete und seinen Fokus mit den Ausgaben in Dakar (2011) und Tunis (2013) auf die Geschehnisse in Afrika und im Nahen Osten verschob?

Auch der gemeinsame Fluchtpunkt des Widerstands gegen den Neoliberalismus ist nicht für alle beschriebenen Fälle ersichtlich. Im Kapitel zu Syrien (Abla Khalil) werden die sehr interessanten ökonomischen Hintergründe des Konflikts thematisiert. Dennoch wird nicht deutlich, inwieweit der Aufstand gegen das Regime mit seinen religiösen und konfessionellen Bruchlinien als Teil einer weltweiten Bewegung gegen den Neoliberalismus verstanden werden kann.

So kann der hohe Anspruch nur teilweise eingelöst werden, „eine weltweite Bewegung“ zu charakterisieren, „die in Lateinamerika startete, Teile Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens erfasste und für eine Weile sogar die Wall Street besetzte“ (Vanden, S. 57). Dies liegt auch daran, dass es – abgesehen von den kurzen Einführungskapiteln zu den Regionen und der Einleitung – keine Kapitel gibt, die sich vergleichend mit den unterschiedlichen beleuchteten nationalen Fällen beschäftigen.

Bei einem generell sehr optimistischen Grundton lassen gerade die Beiträge einer Aktivistin (Samantha L. Bowden) und einer ethnografisch arbeitenden Soziologin (Kara Zugman Dellacioppa), in denen ernüchternde Erfahrungen aus erster Hand zur Sprache kommen, auch einen Blick auf Unzulänglichkeiten der jeweiligen Bewegungen zu. Auch die Betrachtung der Probleme radikal horizontaler Strukturen (Funke, Zugman Dellacioppa) ermöglicht eine Reflexion von Widersprüchlichkeiten und Übersetzungsproblemen zwischen verschiedenen Bewegungen, die auch in anderen Zusammenhängen wünschenswert gewesen wäre.

In Zeiten, in denen Berichterstattung und Forschung eher von Resignation, Sorge und steigender Xenophobie geprägt sind als von Aufbruchsstimmung, kann Enthusiasmus für die emanzipatorischen Bestrebungen weltweit nicht schaden – und den vermittelt der Sammelband mit seiner geografischen Weite und zeitlichen Tiefe. Allerdings ist es wichtig, dass das epochale Pathos die kritische Diagnose nicht überstrahlt – auch im Sinne derjenigen, die auf vielfältigste Weise den Widerstand gegen die Ungerechtigkeit der Zeit vorantreiben.