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Einzelrezension

Nietzsche und die Geschichte der Moral


Abstract

Nietzsche and the History of Morality

Keywords: Thiel, Karsten M., 2017, Moral, Nietzsche, Moralkritik

How to Cite:

Bähr, A., (2019) “Nietzsche und die Geschichte der Moral”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0036-z

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-17

Thiel, Karsten M.: Geschichte ohne Vergangenheit. Nietzsches Genealogie der Moral als Kritik der Geschichtsschreibung, 108 S., Fink, München/Paderborn 2017.

Friedrich Nietzsches Kritik der Moral ist in der Regel entweder für ihre provokanten Übertreibungen gefeiert oder als vermeintliche Grundlage menschenverachtender Ideologien kritisiert worden. Der Philosoph Karsten Maria Thiel nimmt hier eine weniger aufgeregte Perspektive ein, den distanzierten Standpunkt eines Wissenshistorikers, und entschärft so mit seiner schlanken Schrift in erhellender Weise den Streit.

Dazu liest Thiel Nietzsches spätes, 1887 erstmals publiziertes Hauptwerk „Zur Genealogie der Moral“ nicht als Kritik der Moral, sondern als Kritik ihrer Historiografie: „Was als Moralkritik angelegt ist“, so Thiel, „wird als Moralgeschichte durchgeführt und stellt sich schließlich als Abrechnung mit der Moralgeschichtsschreibung heraus“ (S. 13). Was heißt das?

Nietzsche entlarvt die christlich und aufklärerisch grundierte Moral seiner Zeit als eine (idealtypisch verstandene) „Sklavenmoral“, die aus dem geistigen Sieg über die „Herrenmoral“ der Vergangenheit hervorgegangen sei: als die Moral derer, die sich ihrer Herren allein dadurch zu erwehren vermochten, dass sie sich, in Verklärung ihrer faktischen Ohnmacht, moralisch über sie erhoben. Diese „Sklaven“ haben den Gegensatz von gut und schlecht (im Sinne von vornehm und unvornehm) durch Gut und Böse ersetzt, sie diabolisieren die Mächtigen, von denen sie beherrscht werden, und streben in dieser Umkehrung der Wertvorzeichen die humanistische Universalisierung der eigenen Moralvorstellungen an. Die „Sklavenmoral“, so Nietzsche, ist eine Moral der Schwäche, gekoppelt an die Ausbildung eines schlechten, schuldbeladenen Gewissens und asketischen Lebensführungsideals. Und sie ist eine Moral des Betrugs; denn das Heil, das die Askese den Menschen verspricht, enthält sie ihnen vor, indem sie es in ein Jenseits auslagert. Der Gedanke menschlicher Vervollkommnung hier und jetzt wird damit in den Raum des Undenkbaren und Unerreichbaren verschoben. Der „asketische Priester“, so bringt Thiel das Argument auf den Punkt, richtet „den Schaden an, den er nachträglich zu lindern vorgibt“ (S. 93).

Dieser Befund Nietzsches enthält nicht nur eine Kritik der Moral und eine Kampfansage an ihre eigennützigen Propagatoren. Vor allem, so der Autor, zielt er auf die Historisierung vermeintlich universaler und überzeitlicher Moralvorstellungen: auf die Geschichtlichkeit des Wertes moralischer Werte. Damit interveniert Nietzsche gegen eine Historiografie, die die Entstehung vorfindlicher Moralauffassungen aus deren Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit erklärt, diese Auffassungen damit in ihrem Absolutheitsanspruch bestätigt und ihnen so eben nicht ihren umgrenzten und vergänglichen Ort in der Geschichte zuweist. Die von Nietzsche ins Visier genommene Moralgeschichte, so lautet Thiels titelgebende und paradoxierende Zuspitzung, ist eine „Geschichte ohne Vergangenheit“. Sie vergisst, dass vor der Genese christlich-aufklärerischer Moralität Vorstellungen von Moral existierten, die einer grundlegend anderen Logik gehorchten. Diese Vorstellungen sind mittlerweile vergangen: Ihr Sinn wurde überschrieben, neue kulturelle Deutungen haben sie unsichtbar werden lassen.

Damit erhält die Geschichtswissenschaft eine archäologische Aufgabe: die Freilegung vergangener und verschütteter moralischer Sinnschichten. In dieser archäologischen Arbeit verliert die „Herrenmoral“, Nietzsches vermeintliche philosophische Zielbestimmung, ihre ethische Vorbildlichkeit. Sie schrumpft, dies ist eine der Pointen von Thiels Buch, auf ein historisch zurückliegendes Ereignis zusammen. Die Herrenmoral ist nicht das, was auf die Sklavenmoral folgen soll, sondern das, was ihr vorangegangen ist: ihr historischer Erklärungsgrund und nährender Boden.

Im Ergebnis entsteht ein Geschichtsbild, in dem nicht Kontinuitäten den Takt vorgeben, sondern Diskontinuitäten und historische Brüche. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass Nietzsche mit der „Verinnerlichung des Menschen“ im schlechten Gewissen einen Prozessbegriff ins Spiel bringt (S. 71f.). Denn er stellt die „Sklavenmoral“ nicht als eine internalisierte „Herrenmoral“ vor, sondern als das Ergebnis eines Wechsels logischer Ordnungen: der Moralisierung der Schuld, der Ablösung eines ständisch geprägten Vertrags- und Vergeltungsgedankens durch eine religiös grundierte Selbstkontrolle, die das Konzept der Verantwortlichkeit an eine monotheistisch verstandene Gottesfurcht bindet und das Potenzial hat, in den „Wahnsinn“ zu treiben (S. 76f.). Nietzsche erkennt einen derartigen Wechsel in drei Umbruchphasen der abendländischen Geschichte: in der frühchristlichen Kritik am antiken Polytheismus, der Kritik der Reformatoren an der Renaissance der Antike und der Kritik der Aufklärer an der Herrschaft absoluter Monarchen.

Historisch treibende Kraft hinter all dem ist für Nietzsche kein Telos, kein immanentes Ziel der Geschichte, sondern ein unerfüllbarer, hinter allem Sichtbaren wirkender Wille zur Macht. Damit vollzieht Nietzsche eine Abgrenzung nicht nur von idealistischen Fortschrittsmodellen und jenem ‚antiquarischen‘, krisengeschüttelten Historismus, der sich seinerzeit gegen die Geschichtsphilosophie konstituiert hatte, sondern auch von sozialdarwinistischen Entwicklungskonzepten, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten. Diese mussten Nietzsche schon angesichts ihres naturwissenschaftlichen Anspruchs verdächtig erscheinen; denn sie verweigerten sich interpretierenden Verfahren und verkörperten so in Nietzsches Augen auf eigene Weise das Ideal der Askese.

Neu an Thiels Sicht auf die „Genealogie der Moral“ ist vor allem der Versuch, sie für die Nietzsche-Forschung und die (Geschichts‑)Philosophie fruchtbar zu machen. Denn mit seiner Perspektive, wie der Autor selbst anmerkt, geht er über die Nietzsche-Adaption Michel Foucaults substanziell kaum hinaus (S. 10). Wir haben hier also, überspitzt gesagt, in erster Linie eine philosophische Rezeption der wissenshistorischen Rezeption von Nietzsches Philosophie vor uns. Doch das kann den Wert dieses Buches nicht schmälern.

Es ist keine Frage: Wenn Nietzsche, wie es in der „Genealogie“ heißt, die „höchste Mächtigkeit und Pracht des Typus Mensch“ proklamiert (zitiert nach S. 106), gerät er mit seiner Moralkritik in allzu unbestimmte und zweideutige Fahrwasser. Und an seinen empirischen historischen Befunden bliebe aus heutiger Sicht ebenfalls manches zu diskutieren. Doch darum geht es Thiel nicht. Wird Nietzsches zentraler Impetus nicht in einer vermeintlichen Beschwörung der „Herrenmoral“ gesehen, sondern in deren Historisierung, und wird die Verfremdung, die kritische Historisierung der „Fuchtel des asketischen Priesters“ (ebd.) als der Versuch verstanden, im vermeintlich Unhinterfragbaren neue Möglichkeiten des Denkens und Handelns zu erschließen, dann lässt sich die „Genealogie der Moral“ noch einmal konstruktiv lesen. In Nietzsche scheint dann weder eine Licht- noch eine Schreckensgestalt auf, sondern ein Geschichtsphilosoph und Kulturtheoretiker, der seinen erkennbaren wissenshistorischen Ort in den spannungsvollen Debatten der Jahrhundertwendezeit hat. Dies luzide gezeigt zu haben, ist Thiels Verdienst.