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Einzelrezension

AIDS als Politikum


Abstract

AIDS as a Poiitical Issue

Keywords: Review, Tümmers, Henning, 2017, AIDS, Krankheit

How to Cite:

Voges, J., (2019) “AIDS als Politikum”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0035-0

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-25

Tümmers, Henning: AIDS. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland, 374 S., Wallstein, Göttingen 2017.

Angesichts der in vielen Fällen tödlich verlaufenen Krankheit AIDS mag der Untertitel von Henning Tümmers Habilitationsschrift zynisch, ja vielleicht gar geschmacklos erscheinen: Eine „Autopsie“, also eine Leichenöffnung, hat er sich vorgenommen, und versteht man den Begriff metaphorisch – also im Sinne einer Untersuchung von etwas nicht mehr Wirksamen – gelingt ihm diese auch herausragend gut.

Denn so virulent, diskursmächtig, furchteinflößend und allgegenwärtig AIDS in den 1980er Jahren (und insbesondere in deren zweiter Hälfte) war, so randständig ist das Thema gegenwärtig; AIDS scheint heute nur noch ein Thema zu sein, wenn es um gesundheitliche Probleme in weit entfernten Regionen (allen voran Afrika) geht, nicht aber (oder zumindest nicht in dem Maße der 1980er Jahre) in Berichten über die Bundesrepublik Deutschland.

Das mag auf den ersten Blick klingen wie eine moderne Erfolgsgeschichte vom medizinischen Fortschritt, die weit in die so oft beschworene Postmoderne hineinreicht – und das vor allem nachdem die Medizin selbst in den späten 1970er Jahren zunehmend in Erklärungsnöte geriet und ihre Deutungshoheit über den Körper herausgefordert sah (Diskurse, die Tümmers ebenso pointiert wie treffend zusammenfasst). Genau diese Erfolgsgeschichte will der Autor aber nicht erzählen.

Stattdessen verwendet er das Analysewerkzeug der „AIDS-Politik“ und schaut sich dabei nicht nur an, wie die Politik (oder in der Diktion Tümmers’ „die politische Klasse“) auf AIDS reagierte, welche Maßnahmen sie diskutierte, welchen Leitbildern sie dabei folgte und welche Konflikte sich daraus ergaben. Ebenso spannend wie der politische Umgang mit der Krankheit ist die von dem Autor ebenfalls in den Blick genommene Instrumentalisierung der Krankheit für politische Ziele. Es lässt sich in den 1980er Jahren nicht nur eine Politik gegen AIDS beobachten, sondern gleichsam auch eine Politik mit AIDS – und zwar eine hochgradig problematische, die Liberalisierungsthesen für die bundesrepublikanische Geschichte der 1970er und 1980er Jahre unterlaufende und unter dem Banner konservativer Sexualmoral voran (und damit zurück) in die (vorgeblich) geordneten Zeiten monogamer und vor allem auch heterosexueller Partnerschaften schreitende Sexualpolitik.

Tümmers gelingt hier eine vorbildliche Analyse, die Politik- und Medizingeschichte unter kulturgeschichtlichen Vorzeichen verbindet. Neben der „politischen Klasse“ untersucht er auch die sich in Selbsthilfegruppen wie denen der Deutschen AIDS-Hilfe organisierenden agency der eigentlich Betroffenen sowie den medizinischen und medialen Diskurs – letzteren allerdings nur in Form gedruckter und öffentlich-rechtlicher Fernsehbeiträge. Das ebenfalls in den 1980er Jahre aufkommende Privatfernsehen, für das AIDS als Thema im Schnittbereich von Katastrophenberichterstattung und voyeuristischem Zuschauerinteresse bei allem, was mit Sex zu tun hat, doch ein willkommenes Fressen gewesen sein dürfte, bleibt dagegen unterbelichtet.

Als wäre die Analyse des bundesrepublikanischen Beispiels nicht schon Stoff genug für eine ebenso spannende wie leserfreundlich geschriebene Studie, nimmt Tümmers sich in Form einer Transfer- und Vergleichsgeschichte auch der DDR an. Dabei kann er auf interessante Verbindungen verweisen: So galt einigen westdeutschen Hardlinern in der AIDS-Politik die DDR keineswegs als defizitär, sondern wegen der durchgesetzten massiven repressiveren Maßnahmen durchaus als vorbildlich. Die AIDS-Politik ist so ein Themenfeld, an dem sich die generellen Annahmen zur stets westdeutschen Beeinflussung des ostdeutschen Nachbarn (auch diese Transfers gab – so in der Übernahme der Kampagne „Gib AIDS keine Chance“) konkret hinterfragen lassen.

Tümmers gelingt es sehr gut, seine Erkenntnisse in die noch immer anhaltenden Debatten zur Verortung der 1980er Jahre in der (west-)deutschen Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts einzuspeisen. Die „Seuche“ zeigte den prekären Status der inzwischen erreichten Liberalisierung und Individualisierung; gleichzeitig führte AIDS die Hoffnung auf die Überwindung letaler Epidemien augenfällig ad absurdum und trug Unsicherheit und „neue Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas) auch in den privatesten Bereich der Sexualität – der wiederum durch die AIDS-Politik überaus politisch war beziehungsweise wurde.