Ramin, Lucas von: Politik der Gewissheit. Zur Idee einer politischen Philosophie der Angst, 171 S., Königshausen & Neumann, Würzburg 2017.
Lucas von Ramin legt mit der Monografie „Politik der Gewissheit. Zur Idee einer politischen Philosophie der Angst“ eine Studie vor, die das Verhältnis von Angst und Politik behandelt. Dieses Thema durchzieht die politische Theoriegeschichte seit der Antike, es hat in folgenreicher Weise durch Thomas Hobbes eine zentrale Stellung bei der Begründung der neuzeitlichen Staatsgewalt erhalten. In der Literatur liegen jedoch bisher nur einige systematische Arbeiten hierzu vor, der Großteil der Forschung beschäftigt sich mit Einzelaspekten und spezifischen Problemstellungen des Themas. Die Studie nimmt einige hiervon auf.
Der Verfasser wählt zunächst einen anthropologischen Zugriff. Er deutet (politische) Ordnungsbildung als Resultat menschlicher Instinktarmut und Umweltoffenheit, und hebt mit Ernst Cassirer die symbolische Dimension von Ordnungsbildung hervor. Zugleich versteht er politische Ordnung als ein Herrschafts- und Gewaltverhältnis. Hieraus ergäbe sich eine Paradoxie: Politische Herrschaft sei eine Antwort auf die aus der Ungebundenheit des Menschen erwachsende Angst, müsse jedoch ihrerseits Angst erzeugen. Diesen Gedanken hatte bereits Hobbes in seiner politischen Theorie entwickelt, auf die der Verfasser an zentralen Stellen des Buches rekurriert. Hobbes gilt ihm als Wendepunkt des politischen Denkens im Übergang zur Neuzeit, an dem die reine Vernunft und die Tugend, die Platon und Aristoteles angeblich als Garanten der Ordnung galten, verabschiedet worden seien und an dem „Angst zur zentralen Ausgangslage des Politischen“ (S. 86) geworden sei. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert der Verfasser politische Denker der Angst, die von ihm auf jeweils einer der beiden Seiten der Paradoxie verortet werden: Während Niccolò Machiavelli, Thomas Hobbes und Carl Schmitt für die gewaltsame Ordnungsstiftung votierten, bilanzierten Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Michel Foucault und Hannah Arendt gleichsam die Kosten der modernen Angstpolitik.
Die kleine Studie greift ein großes Thema auf. Hierbei gelingen einige aufschlussreiche Rekonstruktionen, auch wenn nicht wenige Deutungen etwas knapp ausfallen und inhaltlich manchmal konventionell geraten, wie etwa diejenigen von Foucault und von Arendt. Der Abschnitt über Nietzsche und Freud ist hingegen erhellend, und mit dem Begriff der „Gewalt der Moralisierung“ (S. 140) gelingt hier eine fruchtbare Begriffsprägung. Der anthropologische Ansatz bleibt allerdings etwas abstrakt, da er nicht mit der historischen Genese und Funktionsweise konkreter politischer Institutionen vermittelt wird und recht allgemein auf „Ordnung“ als einen unterbestimmten Begriff verweist. Überhaupt führt die Arbeit manchmal in Sphären der Abstraktion, von denen nicht immer ein Weg zur historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit zurückführt. Zudem suggeriert sie aufgrund der Auswahl der behandelten Autoren, die mit der Ausnahme von Platon und Aristoteles der Neuzeit entstammen, Angst sei primär für das durch Hobbes und Machiavelli geprägte politische Denken der Neuzeit und Moderne bedeutsam, die differenzierte und intensive Beschäftigung mit Angst als einem Problem politischer Ordnung in der antiken und mittelalterlichen politische Theorie gerät so aus dem Blick.
Hinsichtlich der Deutung der ideengeschichtlichen Texte stellt sich die Frage, ob der Begriff der „Politik der Gewissheit“ einen irreführenden Akzent setzt; er fußt auf der These, dass das politische Denken der Ordnungsstiftung bei Hobbes, Machiavelli und anderen von einer „Angst vor Chaos und Unordnung“ geprägt sei (S. 153; ohne Bezug auf das in der Literatur fast immer übersehene Werk des Emigranten Joachim Schumacher). Es mag dahingestellt bleiben, ob das kontingenzsensible politische Denken eines Machiavelli damit adäquat gedeutet wird, über die Geltung seines Denkens sagt die These jedenfalls nichts aus. Die für die Studie ebenfalls leitende These, dass Angst in der Politik aufgrund des modernen Kontingenzbewusstseins eine veränderte Bedeutung erhält, führt jedoch weiter und trifft die wesentliche Problemstellung sehr gut. Fraglich bleibt, ob die in der Studie abschließend in Stellung gebrachte „Politik der Gelassenheit“ bereits ein überzeugendes Rezept für einen adäquaten Umgang mit Angst in der Politik anbietet. Mit ihrem Bezug auf Pluralismus, Offenheit und Kontingenz erscheint sie zunächst normativ ansprechend, sie weicht aber dem Problem der Herrschaft aus, das doch für die Politik konstitutiv ist. Und ist die an der Stelle vom Verfasser propagierte neo-stoische „Tugend des Warten-Könnens“ (S. 159), die darauf hinauslaufe, „andere (machen) lassen zu können“ (S. 161), wirklich eine demokratische Tugend? Womöglich handelt es sich hierbei eher um eine (ungewollt) postdemokratische Tugend, die auf das hinausläuft, was bereits die postrepublikanische Stoa den von Bürgern zu Untertanen geschrumpften Römern empfahl: die Anpassung des inneren Seelenlebens an unbeeinflussbar erscheinende äußere politische Umstände.