Štanzel, Arnošt: Wasserträume und Wasserräume im Staatssozialismus. Ein umwelthistorischer Vergleich anhand der tschechoslowakischen und rumänischen Wasserwirtschaft 1948–1989, 378 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.
„Wie gingen die kommunistischen Eliten mit der Natur um? Welchen Einfluss hatte die Natur auf die Politik in beiden Ländern?“, fragt Arnošt Štanzel in seiner Dissertation, die die wasserwirtschaftlichen Modernisierungsbestrebungen der Tschechoslowakei und Rumäniens zwischen 1948 und 1989 rekonstruiert (S. 12). Wasser ist ein klassisches und ertragreiches Thema der Umweltgeschichte. In zahlreichen ‚Flussgeschichten‘ sind die Aushandlungsprozesse um ihre Transformation beschrieben worden – so etwa an Beispielen aus den USA (White 1996, Morris 2012), Frankreich (Pritchard 2011) oder auch der Sowjetunion (Gestwa 2010). Für Ost- und Südosteuropa dominierte bisher über weite Strecken, das am Beispiel der UdSSR entworfene „Ökozid-Narrativ“, bei dem davon ausgegangen wird, dass der Zusammenbruch staatsozialistischer Regime auf dessen verfehlte Umweltpolitik zurückgeführt werden kann (Feshbach/Friendly 1992). Erklärtes Ziel des Autors ist es hingegen, „pauschale Urteile über den Staatsozialismus aufzuheben und eine Homogenisierung des sogenannten ehemaligen Ostblocks als umweltpolitisches Katastrophengebiet [zu] verhindern“ (S. 21).
Štanzel skizziert im ersten Kapitel kenntnisreich den relevanten Forschungsstand aus der Ost- und Südosteuropageschichte sowie der Umwelt- und Infrastrukturgeschichte. Reflexionen zur „Akteursqualität von Natur“, Raum-Konstruktionen und dem spatial turn sowie zur Moderne als Epoche runden den theoretischen und methodischen Rahmen ab. In den folgenden drei Abschnitten untersucht er mit vergleichender Perspektive drei Teilbereiche der Wasserwirtschaft: Staudammprojekte in den slowakischen und rumänischen Karpaten, die Bewirtschaftung der Donau und den Umgang mit Wasserverschmutzung. Als zentrale Akteure der Arbeit stehen „kommunistische Eliten“, in Person von Politikern, Planern und unterschiedliche Expertengruppen, im Fokus.
Schon anhand des ersten Fallbeispiels – dem slowakischen Orava Staudamm (Kap. 2) – gelingt die Differenzierung des Ökozid-Narrativs. Nachdem der Traum eines blühenden Industrieraumes in der sozialistischen Aufbauphase für die Orava-Region gescheitert war, vollzog sich schon bald eine Umwertung hin zu einem Tourismus-Raum, der mit einer Neubewertung von Natur (und ihrer Nutzung) einherging. Štanzel sieht hier ein Beispiel für die zweite (reflexive) Moderne (Beck 1996) und attestiert dem sozialistischen System in der Tschechoslowakei eine gewisse „Entwicklungs- und Lernfähigkeit“ (S. 71f.). Die Fertigstellung der Staudämme Bicaz und Vidraru, um die es im dritten Kapitel geht, waren für Rumänien wichtige Schritte auf dem Weg zur Emanzipation von der Sowjetunion. Die Startposition nach dem Zweiten Weltkrieg (Reparationszahlungen, niedriger Elektrifizierungsgrad, Dürren) war für das Land vergleichsweise schwierig, und nach dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1970er Jahre prägte die Austeritätspolitik der 1980er Jahre auch das Verhältnis zur Natur. Die Daseinsfürsorge und Narrative der Naturbeherrschung, die die Herrschaft legitimieren sollten, dominierten hier über Nachhaltigkeitsambitionen.
Im folgenden Abschnitt geht es um die Erschließung der Donau in Form von unterschiedlichen Infrastrukturvorhaben. Kapitel 4 blickt auf das Binnendelta der mittleren Donau und zeigt die Realisierung und das Scheitern von Wasserkraftprojekten, auch mit transnationalem Blick auf Ungarn, Bayern und Österreich. Hier rückt die zunehmende Rolle von Experten in den Fokus, deren Studien Projekte zusehends komplizierter machten, weil sie die komplexe natürliche Prozesse rund um die Auenwälder, die Geologie der Region und sich verändernde Grundwasserregime offenlegten. Die wasserwirtschaftliche Nutzung des Grenzflusses Donau führte immer wieder zu Konflikten, wie die Auseinandersetzungen zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn rund um die Gabčíkovo-Staustufe zeigen; aber sie führte auch zur Annährungen von Staaten wie Rumänien und Jugoslawien, die mit dem Wasserkraftprojekt am „Eisernen Tor“ (Kap. 5) ihre Emanzipation von der Sowjetunion unterstrichen. Doch bei den Plänen zum Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals und der Erschließung des Donau-Deltas wirkte Stalins Plan zur Umgestaltung der Natur noch lange nach. Der Autor kommt hier zu dem Schluss, dass dem rumänischen Regime die Auswirkungen auf die Natur zwar bewusst waren, aber Nachhaltigkeit bis zum Schluss hinter dem Ziel der Daseinsfürsorge zurückstehen musste.
Kapitel 6 arbeitet chronologisch vergleichend die „dunkle Seite der Moderne“ (S. 231) in Form der Wasserverschmutzung in beiden Staaten auf. Prag hatte aufgrund des stärkeren Industrialisierungsniveaus bereits in den 1950er Jahren mehr mit dieser zu kämpfen als Bukarest. Doch schon in den 1960ern stieg mit dem Wirtschaftswachstum auch die Anzahl stark verschmutzter Flussabschnitte. Die Umweltgesetze, die im Laufe der 1970er und 1980er Jahren etabliert wurden, entfalteten aufgrund des Wachstumsprimats und zahlreichen Gegnern mit konkurrierendem Interesse, von der lokalen Ebene bis in nationale Ministerien, kaum eine Wirkung. Umweltprobleme seien deshalb „nicht ursächlich für den Untergang des Staatsozialismus [gewesen], sondern eher eine Folge seiner Reformunfähigkeit“, resümiert Štanzel in Bezug auf die Ökozid-These (S. 327).
In seinem Fazit stellt der Autor die Wasserwirtschaft der beiden Länder noch einmal in den globalen Kontext und sieht vor allem Ähnlichkeiten im weltweiten Vergleich mit Modernisierungsprozessen und Transformationen der Flussnatur(en). Von einem spezifisch „staatssozialistischen Mensch-Natur-Verhältnis [kann vor allem bis zu den 70er-Jahren] im Prinzip keine Rede sein“, stellt Štanzel fest (S. 324). In Anlehnung an den Historiker Ulf Brunnbauer verweist er darauf, dass das Totalitarismus-Paradigma für die Erforschung staatsozialistischer Regime kaum sinnvoll ist. Vielmehr zeige die Untersuchung, dass Entscheidungen der oberen politischen Gremien oftmals nur halbherzig umgesetzt wurden oder Ministerien gegeneinander arbeiteten (S. 326).
Štanzel ist ein facettenreiches Buch gelungen, in dem er einen kenntnisreichen Blick auf eine in der Umweltgeschichte bisher nur begrenzt wahrgenommene Region wirft. Seine ertragreiche Studie zu den kommunistischen Eliten der Tschechoslowakei und Rumäniens macht neugierig auf kommende Arbeiten, die hierauf aufbauend weitere Akteure (jenseits der akademischen und politischen Führungsriege), die in komplexen sozio-naturalen Verflechtungen von Infrastrukturen agieren, vertiefend in den Mittelpunkt stellen könnten.