Rack, Kathrin: Unentbehrliche Vertreter. Deutsche Diplomaten in Paris, 1815–1870, 349 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2017.
Die vorliegende Studie von Kathrin Rack ist aus einer 2016 an der Universität Bielefeld verteidigten Dissertation hervorgegangen. Sie versteht sich als Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Diplomatie und legt ihren Schwerpunkt auf Arbeitsweisen und Praktiken deutscher Diplomaten, die zwischen dem Wiener Kongress und dem deutsch-französischen Krieg in Paris akkreditiert waren. Ihr Fokus liegt auf der Frage, wie sich die Formen diplomatischen Handelns verändert haben, angesichts der Umgestaltung sowohl des Staatensystems als auch des inneren Gefüges Frankreichs sowie der beteiligten deutschen Staaten. Konzeptionell orientiert sich die Studie an zwei Begriffen: Legitimität und Repräsentation. Während Legitimität hier als Anerkennung von Herrschaft im engeren diplomatischen Verkehr verstanden wird, erscheint Repräsentation als das vermittelnde Glied zwischen Herrschaft und Herrschaftslegitimation. Beide werden am Beispiel diplomatischer Aktivitäten sichtbar gemacht, die sich um fünf Problemfelder gruppieren:
Erstens steht das Selbstbild der Diplomaten zur Diskussion. Rack wendet sich zunächst ihrem Amtsverständnis zu, welches sich im untersuchten Zeitraum hin zu einer größeren Unabhängigkeit vom monarchischen Souverän und einem professionelleren Verständnis der eigenen Stellung als Amtsträger, Staatsdiener und Repräsentant des jeweiligen Landes wandelte. Die Leitvorstellungen der Diplomaten blieben dagegen weitgehend unangetastet. Dazu zählten Treue gegenüber dem Dienstherren, Vertrauen als Mittler im politischen Verkehr zwischen Entsendungs- und Empfängerland, Ehre, die sich freilich von adliger Standesehre in eine mehr auf die Funktion bezogene Form wandelte, sowie das unbedingte Beharren auf Gleichrangigkeit im formalen Umgang zwischen Empfänger- und Entsendungsland. Jeder Diplomat erhielt exakt den gleichen Rang, den sein Gegenpart besaß. Veränderungen des Ranges bedurften des gegenseitigen Einvernehmens und einer egalitären Behandlung. Es gab verschiedene Rangstufen, daneben spielten allerdings auch verwandtschaftliche und persönliche Beziehungen noch immer eine wichtige Rolle, wie an einigen Beispielen plastisch illustriert wird. Auch charakterliche Eigenschaften waren bei der Auswahl der Diplomaten nicht unwichtig. Ein idealer Diplomat sollte sich durch Gelassenheit, eine gewisse Unempfindlichkeit sowie einnehmende Heiterkeit auszeichnen. Bekanntermaßen war eine juristische Vorbildung für den diplomatischen Dienst notwendig, daneben natürlich Sprachkenntnisse und teilweise auch Vermögensnachweise, da normierte Gehälter erst gegen Ende des Untersuchungszeitraumes eingeführt wurden. Das bürgerliche Zeitalter hat auch zu einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse im diplomatischen Dienst geführt. Ehefrauen von Diplomaten genossen nunmehr einen gewissen Rang. Als Gastgeberinnen informeller Salons und Zirkel trugen sie zur Vernetzung innerhalb der Diplomatenzunft bei und unterstützten in dieser Weise die Arbeit ihrer Ehemänner. Zudem übernahmen sie Aufgaben im wohltätigen Bereich und sorgten so für eine größere öffentliche Akzeptanz der jeweiligen Vertretung.
Zweitens werden Kompetenzstreitigkeiten thematisiert, an denen sich der Wandel diplomatischer Zuständigkeiten und Spezialgebiete darstellen lässt. Für die Absteckung der Kompetenzen war zunächst die strikte Trennung von politischer und administrativer Berichterstattung kennzeichnend. Gesandtschafts‑, Konsulat- und Handelsangelegenheiten waren separiert. Auch personell unterschieden sich die oftmals lange ansässigen Konsuln, häufig Kaufleute, deutlich von Karrierediplomaten, deren Verwendung in der Regel zeitlich begrenzt war. Hinzu kamen seit der Julirevolution von 1830 die Militärattachés, die sowohl mit den Diplomaten zusammenarbeiten als auch militärischen Stellen berichten mussten. Auch die medialen Herausforderungen der diplomatischen Tätigkeit in Paris werden angesprochen. Hierzu gehören nicht nur die Probleme der Nachrichtenübertragung per Telegraf, sondern auch eine durch größere Knappheit und beschleunigte Übertragungswege veränderte Sprache. Zum anderen wird auch auf die Erweiterung der diplomatischen Tätigkeitsfelder hingewiesen, die durch die ständige Beobachtung der Presse des Gastgeberlandes sowie die Versuche gekennzeichnet sind, die öffentliche Meinung des Gastgeberlandes durch die Subventionierung von Zeitungen sowie die Gewinnung von Journalisten gezielt zu beeinflussen.
Drittens wird die Präsenz beziehungsweise Sichtbarkeit der Diplomaten im öffentlichen Raum angesprochen und damit verbunden die Frage nach Verbindungen, Verkehrsformen sowie Aktionsräumen der Diplomaten. Diplomatisches Handeln vollzog sich innerhalb eines deutlich beständiger gewordenen räumlichen Gefüges. Dazu zählten Vertretungen, die sich durch die dauerhafte Anmietung oder den Erwerb von Gebäuden etablierten. Sichtbarkeit war aber auch durch die zahlreichen Kontakte der Diplomaten untereinander sowie zum Gastgeberland gegeben. Hierzu zählten offizielle Anlässe, etwa Empfänge der französischen Monarchen oder Kontakte zu offiziellen Stellen und Funktionsträgern in Paris, aber eben auch formelle und informelle Treffen im Diplomatenkreis, die sich bis in die Pariser Gesellschaft ausdehnten.
Der vierte Problemkreis befasst sich mit der Frage der gegenseitigen Anerkennung von Regierungen, die besonders nach politischen Umbrüchen eine wichtige Herausforderung dargestellt haben. Während der Neubeginn von 1815 an die Kontinuität des Ancien Régime anknüpfte und die Legitimität der französischen Regierung unter Ludwig XVIII. bereits feststand, waren die Julirevolution von 1830 sowie die Ereignisse zwischen 1848 und 1852 an Regimewechsel geknüpft und damit Verhandlungssache. Dabei ergab sich die Unausweichlichkeit der Anerkennung aus der Relevanz der jeweiligen Partner für das europäische Gesamtsystem. Rack stellt heraus, dass die kleineren deutschen Gliedstaaten mit ihren Akkreditierungen solange warten mussten, bis beide deutschen Vormächte diesen Akt vollzogen hatten. Hochinteressant sind auch jene Passagen, in denen die Abreise der Diplomaten aus Paris beziehungsweise der Abbruch der diplomatischen Beziehungen beschrieben werden, etwa im März 1848 oder im Juli 1870. Noch immer wurde ein gewisses Maß an Kontinuität aufrechterhalten, sei es durch die Weiterführung der Geschäftstätigkeit der Gesandtschaft oder die Vertretung durch neutrale Staaten.
Fünftens schließlich werden Rangordnungen und das Aushandeln von Rangverhältnissen thematisiert, an denen sich die Relevanz der Diplomaten zumindest formell ablesen lässt. Der Rang bestimmte die zeremonielle Behandlung und damit den Umgang mit den Diplomaten vor Ort. Hierbei mischten sich funktionale Aspekte und Eitelkeiten. Dass der türkische Botschafter dem preußischen Gesandten vorgezogen wurde, veranlasste den preußischen Ministerpräsidenten schließlich, es den anderen Großmächten gleichzutun, und den Rang der in Paris und London akkreditierten Vertreter in Botschaften umzuwandeln. Dies setzte reziproke Maßnahmen voraus und damit das stille Einverständnis, Preußen durch Rangerhöhung der in Berlin akkreditierten Vertreter eine Anerkennung zu verleihen. In einem Exkurs untersucht Rack auch den durch die Revolution von 1848 ausgelösten Konflikt um die Verteilung von Souveränität zwischen den deutschen Einzelstaaten und der provisorischen Zentralgewalt. Die diplomatische Vertretung der Frankfurter Zentralgewalt in Paris scheiterte am französischen Widerstreben und am offenen Widerstand der deutschen Gliedstaatenvertreter. Wenigstens im Verhindern besaßen die kleinen deutschen Vertretungen in Paris eine gewisse Relevanz.
In ihren abschließenden Bemerkungen zeichnet Rack nach, wie sich Diplomatie im angegebenen Zeitraum gewandelt hat. Dass es hierbei eben nicht um die Beschreibung der durch politische Erschütterungen ausgelösten diplomatischen Aktivitäten, einschließlich der so hervorgebrachten Korrespondenzen gehen kann, leuchtet ohne weiteres ein, obwohl auch letzterer Aspekt hochwichtig bleibt. Auch die Analyse der inneren Aktionsbedingungen diplomatischen Handelns verdient unsere Aufmerksamkeit. Sie erweitert unser Wissensspektrum und hilft, die Komplexität politischer Entscheidungen transparenter werden zu lassen. Bleibt noch die wohl rhetorische Frage nach der Unentbehrlichkeit der deutschen diplomatischen Vertreter in Paris. Entbehrlich waren sie vielleicht nicht, betrachtet man ihren Nutzen als Gegenstand der historischen Forschung, aber sie waren doch bis auf zwei Ausnahmen machtlos und ohne jeden realen Einfluss auf den Gang der Geschichte.