van Laak, Dirk: Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft, 365 S., S. Fischer, Frankfurt a. M. 2018.
Dirk van Laak ist kein Unbekannter in der historischen Infrastrukturforschung. Er gehörte zu den ersten, die dieses Thema aus der Ecke spezialistischer Technik- oder Wirtschaftsgeschichte befreiten und nutzbar machten für eine multiperspektivische Geschichte der Industriemoderne. Diesem Ansatz bleibt er in seinem neuen Buch treu, das sich konsequent mit technischen Infrastrukturen als „Lebensadern“ (so der Untertitel) moderner Gesellschaften beschäftigt.
Das Werk bietet im ersten Teil eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte der Infrastrukturen seit dem 19. Jahrhundert in drei großen Schritten. Im zweiten Teil behandelt van Laak fünf Querschnittsthemen, beispielsweise zur Organisation, zum Symbolwert, zum Altern der Infrastrukturen. Vor allem in diesem zweiten Teil privilegiert der Autor die Perspektive der Nutzer, ein lange vernachlässigtes Feld der Forschung.
Insgesamt interessieren van Laak in diesem Buch strukturelle und gesamtgesellschaftliche Auswirkungen der Infrastruktur, Deutungen und Zuschreibungen. Infrastrukturen sind in seinen Augen mehr als technische Einrichtungen: Sie sind vor allem ein „Konzept“ (S. 282), das die Idee der Zirkulation und die Hoffnung auf Wachstum in sich berge. Außerdem machten Infrastrukturen immer ein Zukunftsversprechen auf besseres Leben und übten eine Art Zwang zum Vergleich aus: Wer hat die bessere Wasserversorgung, die schönere Autobahn? – und damit die Frage: Welche Gesellschaft ist leistungsfähiger und moderner? Aus diesen Faktoren speise sich die ungeheure Dynamik, die von den Infrastrukturen ausgegangen sei und in Gegenwart sowie Zukunft weiter ausgehe.
Van Laak weist zu Beginn seines Buches auf einen wichtigen Umstand hin. Infrastrukturen bilden in ihrer Gestalt einen bestimmten Augenblick der Geschichte ab, mit seinen Machtverhältnissen, seinem Wohlstand, seinen technischen und sozialen Normen. Sie bilden den Augenblick ab, in dem sie errichtet wurden, sind damit „der geronnene Zustand einer jeweiligen Augenblicks-Konstellation“ (S. 13). Damit sind sie historische Quellen erster Güte. Das sollte ein Anreiz für Historiker sein, diesen Quellen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Es sollte für die gegenwärtige Gesellschaft auch ein Anreiz sein, auf die Erkenntnisse der Historiker Wert zu legen, die erklären können, warum hier eine marode Brücke oder dort kein Flughafen steht.
Im ersten Teil schildert van Laak die großen Trends der Infrastrukturentwicklung in drei Phasen. Im 19. Jahrhundert diente die Infrastruktur, möglichst homogene, integrierte nationale Territorien zu schaffen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschob sich der Fokus – mit dem Infrastrukturbau verbanden sich zunehmend soziale und politische Utopien. Die Hoffnung machte sich breit, man könne mit Infrastrukturen eine perfekte, konfliktfreie Gesellschaft errichten. Diese hochgespannten Erwartungen wurden ab der Jahrhundertmitte gedämpft. Allerdings blieb die Auffassung, man könne mit Infrastrukturbau als Voraussetzung für privaten Konsum das Leben der Menschen angenehmer machen. Das umfasste auch die Idee des gleichen Zugangs aller. Jedoch scheiterten diese Konzepte sowohl in den postkolonialen Ländern des Globalen Südens als auch im Staatssozialismus.
Wenn es um Akteure der Infrastruktur ging, dann fokussierte die Forschung lange Zeit auf Ingenieure, Unternehmer, Experten und andere Gestalter der Großtechnik. Van Laak setzt den Akzent auf die gesamte Bevölkerung, die Nutzer und ihren Alltag. Immer wieder betont der Autor, wie Infrastrukturen den Menschen neue Ermöglichungsräume zur Gestaltung ihres Lebens öffneten. Damit setzt er einen etwas anderen Akzent als die bisherige Forschung, die eher auf disziplinierende Wirkungen fokussierte (die van Laak allerdings auch nicht ausblendet, sondern etwa am Beispiel des Straßenverkehrs erläutert). Es entspricht seinem Interesse für die Zivilgesellschaft, wenn er im Abschnitt über die Organisationsformen von Infrastrukturen neben der üblichen Dichotomie staatlicher versus privatwirtschaftlicher governance die Form der Genossenschaft hervorhebt. Hier besteht gewiss noch großes Forschungspotenzial.
Van Laak widerspricht der verbreiteten These, Infrastruktur sei im Regelfall unsichtbar. Tatsächlich bietet er eine viel überzeugendere Beschreibung an: Die Leistungen der Infrastruktur werden schnell in die Alltagsroutinen der Bevölkerung eingebunden, die für die Nutzung erforderlichen Fertigkeiten werden rasch erworben, die Zirkulation von Gütern und Informationen selbst wird damit leicht unsichtbar. Doch die „Einstiegspunkte“ der Infrastruktur vom Bahnhof bis zum Smartphone bleiben nicht nur sichtbar, sondern sind gehätschelte Objekte intensiver Beschäftigung und Ästhetisierung (S. 184ff.).
In Fazit und Ausblick ist van Laak erstaunlich fatalistisch und optimistisch zugleich. Nach seiner Prognose werden sich alternative Konzepte etwa von regionaler, ökologisch oder sonst wie gezähmter Infrastruktur nicht durchsetzen. Angesichts der Logik hinter den enormen Investitionen chinesischer Provenienz in die „Neue Seidenstraße“ spricht viel für diese Annahme. Auch ist dem Autor zuzustimmen, wenn er trotz aller wissenschaftlichen Sensibilität der letzten Jahre für die Störanfälligkeit und Vulnerabilitäten von Infrastrukturen konstatiert, diese hätten sich historisch in der Regel als erstaunlich robust erwiesen, trotz aller Krisen, Kriege und Katastrophen.
Weniger überzeugend scheint mir die Aussage, Infrastrukturen seien in der Summe Agenten der Aufklärung und von Liberalität gewesen, hätten soziale Teilhabe vergrößert sowie plurale und dezentrale Gesellschaften gefördert. Dies mag im westeuropäischen und nordamerikanischen Fall seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zutreffen. Doch mit Blick auf die Diktaturen des frühen 20. Jahrhunderts sind sicherlich deutliche Fragezeichen anzumelden. Die Geschichte Osteuropas, der kolonialen und postkolonialen Welt sowie Ostasiens legen ein anderes Fazit nahe – man denke nur an die internetgestützte Bepunktung erwünschten Sozialverhaltens in China, oder auch an die von van Laak selbst geschilderte Zwangsarbeit beim Infrastrukturbau. Insofern müsste wohl eher danach gefragt werden, unter welchen konkreten Bedingungen das Konzept der Infrastruktur individualistischen oder eben kollektivistischen Werten hilft.
„Alles im Fluss“ ist ein sehr gut strukturiertes, wunderbar geschriebenes, kurzweilig zu lesendes Buch. Zahlreiche Beispiele aus einem schier unerschöpflichen Fundus illustrieren die Argumente des Autors. Damit wird ein über lange Zeit eher sperrig anmutendes Thema der Geschichtsforschung für Fachleute wie für ein breites Publikum auf spannende Weise erschlossen. Für die Infrastrukturgeschichte wird es auf absehbare Zeit das Referenzwerk sein.