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Einzelrezension

Analyse der RAF-Geschichte


Abstract

Analyse der RAF-Geschichte

Keywords: Review, Kraushaar, Wolfgang, 2017, RAF, Terrorismus, Bundesrepublik

How to Cite:

Derichs, C., (2019) “Analyse der RAF-Geschichte”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0028-z

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-23

Kraushaar, Wolfgang: Die blinden Flecken der RAF, 423 S., Klett-Cotta, Stuttgart 2017.

Zahlreiche Bücher, Filme und Veranstaltungen erinnern im Jahr 2018 an das 50-jährige Jubiläum des ereignisreichen Sommers von 1968. Meist ist „68“ in diesem Zusammenhang die Chiffre für eine Zäsur, die auf kulturellem und gesellschaftlichen, aber auch auf politischem Gebiet nachhaltige Wirkung evozierte. Im Bereich des Politischen ging „68“ der Formierung von hierarchisch organisierten Kadergruppen und Untergrundorganisationen wie der Roten Armee Fraktion, kurz RAF, voraus. Inwiefern ein kausaler Zusammenhang zwischen der Bildung der RAF und den vorangegangenen Entwicklungen innerhalb der Studentenbewegung besteht, obliegt der Auslegung. Dass die RAF die politische Dekade der 1970er Jahre maßgeblich mitgestaltete, ist indes unumstritten. Zumindest gilt dies für die Bundesrepublik Deutschland. Dieser Überzeugung ist auch Wolfgang Kraushaar, der sich über Jahrzehnte hinweg mit der Geschichte dieser Organisation befasst hat und wie kein anderer Wissenschaftler ihre Genese, Aktivitäten, nationalen und internationalen Verbindungen wie auch den juristischen Kontext der Roten Armee Fraktion erforscht hat. Das Buch „Die blinden Flecken der RAF“ sticht deshalb aus der Masse der Veröffentlichungen zu Terrorismus und politischem Extremismus der Post-68-Zeit klar heraus. Die zu fünf Kapiteln verdichtete Expertise ist dabei nicht nur qualitativ und inhaltlich lesenswert, sondern vor allem auch in der Diktion nicht zu beanstanden. Kraushaar zeigt, dass sachliches Schreiben auch ohne Schachtelsätze und kompliziertes Vokabular, ohne übermäßige Anglizismen und gleichwohl mit Gehalt und Quellenbelegen erfolgen kann – und zuweilen mitreißend wie ein Kriminalroman ist.

Die blinden Flecken, die Kraushaar aufdeckt, bilden die jüngere Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland ab. Dies tun sie nicht ausschließlich chronologisch, sondern auch thematisch gebündelt. Während Kapitel 1 und 5 die Anfänge respektive die Beendigung des „Unternehmens RAF“ behandeln, blicken die dazwischen liegenden Kapitel jeweils auf verschiedene Stationen der Gruppe (zum Beispiel in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim), auf das ideelle Umfeld der unmittelbaren Vergangenheit (Antisemitismus, Schuldfrage u. a.) und auf ausgewählte Akteure und Aktionsformen im engen Kontext der RAF (Frauen in der RAF, Anwälte der RAF, bewaffneter Kampf). Wer sich zuvor etwas eingehender mit der RAF beschäftigt hat, wird das Kapitel zu Akteuren und Aktionsformen als meist bereichernd empfinden. Zumal: Der Autor lässt keine Scheu walten und benennt alle relevanten Personen und Orte klar und deutlich. Es liegt somit auf der Hand, dass bis vor Kurzem oder auch aktuell noch in Politik und Gesellschaft Aktive dadurch Teil der Dokumentation werden. Frühere RAF-Anwälte und Strafverteidiger wie Otto Schily oder Hans-Christian Ströbele scheinen als Persönlichkeiten auf, denen „68 ff.“ letztlich offenbar einen Weg geebnet hat, um in der formalen Politik auch mit einem höchst unkonventionellen Werdegang Karriere zu machen. Auch wird deutlich, dass sich der Begriff der blinden Flecken nicht nur auf das bezieht, was der Autor in seinem Buch aufdeckt, sondern auch auf das, was nach wie vor blinde Flecken darstellt – beispielsweise etliche problematische Punkte in den Biografien der RAF-Anwälte, die bis heute nicht geklärt worden sind. Stattdessen sind ex-post-Deutungsrahmen der Geschichte konstitutiv geworden, die vor allem von heute etablierten politischen Akteuren interpretativ geformt werden konnten. Im Unterkapitel „Anwaltskanzleien werden zu Rekrutierungsfeldern“ wird die Wirkmächtigkeit solcher Deutungsrahmen anschaulich. Das Problem der bestehenden Deutungshoheit diagnostiziert Kraushaar vor allem auch in der mangelnden Zugänglichkeit zu Informationen: „Zu viele Akten sind seitens nicht weniger Justizbehörden gesperrt geblieben, zu viele Dokumente ruhen […] in der Forschung unzugänglichen Privatsammlungen“ (S. 220).

Kraushaars umfassende Darlegung und Analyse der RAF-Geschichte lässt kaum Raum für Kritik, denn dem Buch gelingt der Spagat zwischen konkreter Detailinformation und großräumiger zeithistorischer Einbettung vorzüglich. Wenn überhaupt etwas den Respekt vor der einzigartigen Expertise des Autors und seiner Vertrautheit mit seinem Forschungsgegenstand trübt, dann sind es axiomatisch aufscheinende Überzeugungen, die an bestimmten Stellen nicht stringent genug konjugiert werden. So wirft das Kapitel „Vergangenheit“, in dem Kraushaar Zivilisationsbruch und Gesellschaftskontinuität, Antisemitismus und Schuldabwehr in der Bunderepublik Deutschland analysiert und für die Interpretation der RAF-Geschichte produktiv macht, an einigen Stellen Fragen auf. Wie Kraushaar an anderer Stelle zu Recht betont, hat die RAF in einem regelrechten Kult stets die Toten aus ihren eigenen Reihen heroisiert, den Tod vieler anderer im Zuge ihrer Aktionen aber billigend in Kauf genommen: „Die von den RAF-Kommandos Ermordeten spielten hingegen keinerlei Rolle in der Kanonisierung der eigenen Toten. Sie waren nichts anderes als Störfaktoren, die es möglichst auszublenden galt“ (S. 333). Nahezu ausgeblendet werden allerdings in der Analyse der RAF-Aktionen dann andererseits auch Menschen, die durch staatliche Befreiungsaktionen ums Leben kamen. Ausführlich geschildert im Kapitel „Vergangenheit“ wird etwa die Entführung eines Airbus der Air France durch ein „Kommando Che Guevara“ ins ugandische Entebbe (1976) zur Befreiung Gefangener, die sich für den palästinensischen Befreiungskampf eingesetzt hatten. Die Aktionen der israelischen Armee zur Rettung der Geiseln führten zum Tod von 20–100 ugandischen Soldaten. Diese Toten werden im Buch nur mehr beiläufig erwähnt.

Reflektiert werden darf auch über die nach wie vor kontroverse Auslegung des Entebbe-Vorfalls. Während die Unterscheidung zwischen Geiseln mit und ohne israelischen Pass vom Autor als antisemitisch motiviert gedeutet wird, weisen andere Sichtweisen auf die notwendige Unterscheidung zwischen Antizionismus und Antisemitismus hin. Kraushaar lässt diese Unterscheidung für den Fall Entebbe nicht gelten (S. 287). Um in Gemengelagen wie diesen mehr Licht ins Dunkel zu bringen, wären sicherlich linguistisch gefestigte Diskursanalysen zur Kommunikationssprache der „arabischen Straße“ der damaligen Zeit notwendig. Arabische Bezeichnungen für die Besetzung der palästinensischen Gebiete durch Israel waren oft holzschnittartig und sind von solidarischen Aktivisten weltweit übernommen worden, ohne dass ein verinnerlichter Antisemitismus dahinter gestanden hätte.

Ungeachtet der wenigen Punkte, über die sich aus unterschiedlichen analytischen Blickwinkeln argumentieren lässt, stellt Wolfgang Kraushaars Buch einen unvergleichlichen Fundus zur Retrospektive auf die RAF und ihre Zeit dar. Es ist dem Autor zuzustimmen in der Ansicht, dass die „terroristischen Aktionen der Roten Armee Fraktion (1970–1998) […] vermutlich die größte innenpolitische Herausforderung in der Geschichte der alten Bunderepublik“ darstellten (S. 240, Hervorhebung im Original). Ein zusätzliches Verdienst der Studie ist es, in ausführlichen Unterkapiteln die Rolle der quantitativ erstaunlich stark vertretenen Frauen in der RAF zu thematisieren, die Rolle der Anwälte und ihrer Kanzleien als Rekrutierungsfelder für RAF-Aktivisten zu verdeutlichen und auch die rätselhafte Gestalt des zum Rechtsextremisten mutierten früheren RAF-Anwalts (und Mitgründers) Horst Mahler in eine sachliche Diskussion einzubetten. Dem Buch ist zu wünschen, dass es weit über die im „68er“-Jubiläumstrubel auf den Markt einströmenden Werke hinaus konsumiert und diskutiert wird. Bis die Privatarchive von Protagonisten des Geschehens sich für die Forschung öffnen, wird gewiss keine weitere Studie die noch unenttarnten „blinden Flecken“ der RAF-Geschichte aufdecken können.