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Einzelrezension

Reichskanzleichef und Schreibtischtäter


Abstract

Reichskanzleichef und Schreibtischtäter

Keywords: Review, Koop, Volker, 2017, Lammers, Hans-Heinrich, Reichskanzlei

How to Cite:

Schilde, K., (2019) “Reichskanzleichef und Schreibtischtäter”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0027-0

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-18

Koop, Volker: Hans-Heinrich Lammers. Der Chef von Hitlers Reichskanzlei, 300 S., Dietz Nachf., Bonn 2017.

Hans-Heinrich Lammers gehört zu den Nationalsozialisten, die an der Spitze des ‚Dritten Reiches‘ standen. Bei ihm liefen von 1933 bis 1945 die administrativen Fäden des Regierungshandelns und darüber hinaus zusammen. Daher erstaunt es, dass es noch keine Biografie des Chefs der NS-Reichskanzlei gibt. Dieses Buch ist auch nur ein erster Schritt dahin – der Publizist Volker Koop hat aus der reichhaltig vorhandenen schriftlichen Überlieferung eine informative Dokumentation zum Wirken Lammers zusammengestellt.

Zum besseren Verständnis erfolgen einige biografische Informationen: Der 1879 in Lublinitz in Oberschlesien geborene promovierte Jurist gehörte seit 1931 der NSDAP an. Nachdem er sich am 29. Januar 1933 bei Hitler vorgestellt hatte, war er keine 24 Stunden später Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei. Der 1937 zum Reichsminister beförderte NS-Parteigenosse gehörte der Reichsregierung bis zum Ende des nationalsozialistischen Regimes an und war über deren Verbrechen bestens informiert. Der Weg zum „Führer“ und Reichskanzler Hitler führte regelmäßig über sein Büro. Im Mai 1945 wurde Lammers verhaftet und interniert, 1949 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt und 1951 wieder aus der Haft entlassen. Er lebte bis zu seinem Tod 1962 zurückgezogen in Düsseldorf.

Das Wirken des von einer „beamtischen Mentalität“ (S. 131) geprägten Lammers hat Koop anhand mehrerer Themen detailliert beschrieben: Nachdem er 1933 in der Reichskanzlei mit seiner Arbeit begonnen hatte, beteiligte er sich zunächst an der Selbstentmachtung von Regierung und Parlament. Er bestimmte weitgehend das Regierungshandeln, was Koop an zahlreichen Beispielen des Alltags im Reichskabinett und ausführlichen Auszügen aus seinem Terminkalender aufzeigt. In den zahlreichen Kompetenzgerangeln wirkte Lammers – wie im Fall von Alfred Rosenberg aufgezeigt – oft als Schlichter. Ausführlich wird auch auf die Rolle des Antisemiten Lammers bei der Verfolgung der jüdischen Minderheit eingegangen. Er war an zahlreichen Erlassen und Verordnungen beteiligt, „die zu einem großen Teil von ihm mitgezeichnet sind“ (S. 123). Als er mit der Euthanasie konfrontiert wurde, „war ihm wichtig, der Ermordung behinderter Menschen eine Gesetzesgrundlage zu geben, keineswegs sie zu verhindern“ (S. 8).

Ein interessantes Kapitel ist die Rolle von Lammers als Verwalter der Dotationsmillionen, woran er pikanterweise selbst profitierte: „Zu seinem 65. Geburtstag erhielt er einen Scheck in Höhe von 600.000 Reichsmark […]. Er selbst sah in Hitlers Geschenk eine beinahe schon überfällige Selbstverständlichkeit“ (S. 181). Koop weist auf das „unrühmliche Ende“ Lammers hin: „Nunmehr distanzierte er sich von dem Führer, dessen Wort ihm bis Mai 1945 noch heilig war und offenbarte damit seinen wahren Charakter“ (S. 238). Der Frage nach dem „wahren Charakter“ Lammers wird nicht weiter nachgegangen.

Aufgrund der häufig sehr ausführlichen Zitate aus der Korrespondenz und den Akten der Reichskanzlei führt die Lektüre manchmal zu Ermüdungserscheinungen. Hinzuweisen ist zudem auf einige kleinere Fehler, die offenbar sowohl Autor als auch Lektorin übersehen haben. Beispielsweise war Fritz Sauckel nicht „Beauftragter für den Vierjahresplan“ – das war tatsächlich Hermann Göring (s. richtig S. 26) von 1936 bis 1945. Sondern Sauckel agierte als „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz“ (S. 57). Ein weiterer Irrtum ist bei der Erwähnung der Wannsee-Konferenz unterlaufen, bei der am 20. Januar 1942 führende NS-Funktionäre – darunter Lammers’ Staatsekretär Wilhelm Kritzinger – über die „Endlösung der Judenfrage“ informiert wurden. Es ist aber nicht richtig – wenngleich seit Jahrzehnten ein Topos in der Sekundärliteratur –, dass hier der Massenmord „beschlossen wurde“ (S. 134). Tatsächlich war das Morden schon lange im Gange.

Die Beschreibung Lammers erinnert an einen der führenden NS-Schreibtischtäter. Er war der beste Kenner des Regierungshandelns und wusste daher: „In Hitlers Kabinett und darüber hinaus in der gesamten Führung der NSDAP intrigierte nahezu jeder gegen jeden“ (S. 116).