Johann, Christian: Anreiz, Moral, Verdienst. Die Mittelklasse im Wohlfahrtsstaat der USA von Großer Depression bis 1972, 337 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.
In der Einleitung seiner Studie kennzeichnet Christian Johann die US-Mittelklasse als einen „Sehnsuchtsort [der] weniger Äquilibrium zwischen zwei sozialen Extremen, sondern metaphorische Rolltreppe [war, der] die Ebenen Reich und Arm miteinander verband“ (S. 13). In dieser Formulierung sind Erkenntnisinteressen und Thesen der 2015 an der Freien Universität Berlin angenommenen Dissertation bereits angedeutet: Dem Autor geht es vor allem darum, die Mittelklasse als eine für das Verständnis sowie die Entwicklung des US-Wohlfahrtstaats überaus bedeutsame Einheit zu beschreiben, als eine „Drehscheibe gesellschaftlicher Veränderungen“ (S. 11), deren Mitglieder (oder diejenigen, die sich dafür hielten) einen weit größeren und weit aktiveren Anteil an den Aushandlungsprozessen um staatliche Unterstützungsmaßnahmen hatten, als vielfach angenommen wird.
Der Autor behandelt vor allem bundesstaatliche Entscheidungen von Mitte der 1930er Jahre bis 1972, also im Zeitraum zwischen der Verabschiedung des Social Security Act und der schleichenden Abkehr vom New Deal-Konsens unter den Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford. Johann verknüpft seine Betrachtung der Bundesebene aber im Verlauf der Arbeit regelmäßig mit einem detaillierten Blick auf den Staat Alabama und dessen größte Stadt Birmingham. Dieser Wechsel zwischen Makro- und Mikroperspektive erweist sich besonders wertvoll, denn zu Recht geht Johann davon aus, dass es insbesondere im Süden der Vereinigten Staaten zu besonders aufschlussreichen Wechselwirkungen wie Spannungen zwischen den jeweiligen Interessen des Bundes und der Einzelstaaten gekommen ist; eine Einsicht, die durch die Hinzunahme der kommunalen Perspektive zusätzlich bestärkt wird. Die dreifache Gliederung der Untersuchungsräume spiegelt sich auch in den vom Autor benutzten Quellen wider, wobei die überwiegende Mehrheit des Materials offiziell-administrativen Charakters ist und die Sichtweisen beziehungsweise Entscheidungsfindungen von Behörden und deren Vertreter_innen offenlegt. Die Meinungen von Bürger_innen und ihre Versuche, Einfluss auf politische Entscheidungen und Prozesse zu nehmen, bleiben indes nicht außen vor, denn Johann kann dazu – auch das ein Vorteil der Mitberücksichtigung Alabamas beziehungsweise Birminghams – auf Briefe und Petitionen zurückgreifen, die ihm zumindest punktuell einen ergänzenden Perspektivwechsel auf die aktive Teilhabe der Betroffenen an den Aushandlungsprozessen ermöglichen.
Inhaltlich strukturiert sich die Untersuchung der Wechselbeziehungen von Wohlfahrtsstaat und Mittelklasse entlang dreier Analyseachsen: Armut, Wohnen und Altersversorgung, die alle „Schauplätze teilweise grundlegender, in jedem Fall aber dynamischer Umbrüche und Neustrukturierungen waren“ (S. 24). Diese Felder bestimmen auch den Aufbau der Studie mit, die zwar grundsätzlich chronologisch gegliedert ist, sich aber in den jeweiligen Kapiteln unterschiedlichen Aspekten der drei angesprochenen Achsen annimmt. Kap. 2 widmet sich der Wohnungsbaupolitik in den 1930er Jahren und diskutiert dabei unter anderem wie das Projekt einer Modellsiedlung in Alabama ein Ideal entstehen ließ, dass das freistehende Haus im Vorort zu einem Charakteristikum der Vorstellungswelt der (weißen) Mittelklasse werden ließ. Das dritte Kapitel thematisiert den Bereich der Rentenversicherung, und der Autor legt darin schlüssig klar, wie eng hier die Entscheidungen aller Politikebenen an Moralvorstellungen der Mittelklasse (Verdienst, Sparsamkeit, Vorleistung, Eigenständigkeit) gekoppelt blieben. Rente konnte auf diese Weise als Anrecht definiert werden, und eben nicht als Wohlfahrt. Kap. 4 rückt erneut die Wohnungsbau- sowie darüber hinaus die Steuerpolitik ins Zentrum der Betrachtung und thematisiert, wie in Birmingham im Verlauf der 1950er und 1960er Jahre darum gerungen wurde, welche Bürger_innen Bund und Einzelstaat beim Bau eines Eigenheims finanziell unterstützen sollten, und welche nicht. Den beiden abschließenden Kap. 5 und 6 geht es dann um die aufziehende Unzufriedenheit, die seit Ende der 1960er Jahre von verschiedenen Seiten gegenüber dem System eines Wohlfahrtsstaats artikuliert wurde. Hier kann Johann aufzeigen, dass verschiedene Reformpläne nicht zuletzt am Widerstand der Mittelklasse scheiterten, die mittlerweile diejenige Gruppe darstellte, welche die Aufgabenbereiche und Zielgruppen sozialstaatlicher Ausgaben festsetzen wollte und konnte. Von besonderem Interesse sind in diesen Abschnitten Johanns Bemerkungen zur „Entdeckung“ der sogenannten Middle Americans als einer „Vor- oder Unterstufe der Mittelklasse“ (S. 308); sie zeigen, dass es bei den (Selbst‑)Zuschreibungen von Angehörigen der Mittelklasse um weit mehr als lediglich ökonomische Faktoren, sondern eben auch um solche von Status und Anspruch ging.
„Anreiz, Moral, Verdienst“ ist eine insgesamt gelungene Untersuchung, welche die seit den 1930er Jahren wachsende US-Mittelklasse zu Recht als eigentliche ideologische Referenz wohlfahrtsstaatlicher Politik beschreibt. Die Studie ist dann am überzeugendsten, wenn sie ihre Argumentation von Washington nach Birmingham verlagert, und das hat vor allem damit zu tun, dass es dem Autor so gelingt, die Wechselwirkungen zwischen Mittelklasseidealen und Sozialpolitik als eine im Kern weiße Politik zu kennzeichnen. Die Miteinbeziehung der Kategorie race gelingt dem Autor auf diese Weise gut, ein anderes Versprechen aus der Einleitung der Studie bleibt jedoch weitgehend unerfüllt. Geschlecht wurde „in der Betrachtung amerikanischer Sozialpolitik lange ausgespart“ (S. 26), so Johann, doch obgleich er dieses Desiderat offen anmahnt, bleibt auch seine Darstellung zu diesem Thema eher dünn, zumal wenn man unter einer geschlechterhistorischen Analyse eine intersektional verwobene Betrachtung von Weiblichkeits- und Männlichkeitsentwürfen in ihren mehrfach relationalen Bezügen zu class, race, sexuality und so weiter versteht.
Ein letzter Kritikpunkt richtet sich weniger an den Autor und seine Argumentation, als vielmehr an den Verlag als Produzenten eines sinnvoll nutzbaren Fachbuchs. Eine Auflistung der Gouverneure von Alabama und der Bürgermeister von Birmingham mag man eventuell noch als brauchbare Information betrachten, eine Liste der US-Präsidenten während des Untersuchungszeitraums dürfte für die überwiegende Mehrheit der Leser_innen dieser Studie eher überflüssig sein. Und das eine dichte wissenschaftliche Studie von über 300 Seiten Text ein Personen- und Sachregister von mehr als einer Seite Länge und gerade einmal etwas mehr als 40 Einträgen braucht, liegt aus meiner Sicht auch auf der Hand.
Doch soll das die grundsätzliche Leistung von Johann nicht schmälern, dem eine grundlegende Studie zum Verhältnis der US-Mittelklasse zur Entwicklung des Wohlfahrtsstaats bis zu Beginn der 1970er Jahre gelungen ist.