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Einzelrezension

Drei Akkorde und eine Dissertation


Abstract

Three Cords and a Doctoral Thesis

Keywords: Review, Incorvaia, Salvio, 2017, Punk, Subkultur, Oral-History

How to Cite:

Esposito, F., (2019) “Drei Akkorde und eine Dissertation”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0024-3

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-25

Incorvaia, Salvio: Der klassische Punk. Eine Oral-History. Biografien, Netzwerke und Selbstbildnis einer Subkultur im Düsseldorfer Raum 1977–1983, 548 S., Klartext, Essen 2017.

Im Januar 1977 fand sich im britischen Fanzine „Sideburns“ eine Zeichnung, der in der Geschichte des Punk legendärer Status zugeschrieben wird. Zu sehen sind die Griffbrettdiagramme eines A‑, E‑ und G‑Akkords und der Aufruf „Now form a band“. Etwas von diesem do-it-yourself-Geist ist auch Salvio Incorvaias überarbeiteter und 2017 erschienener Dissertation zu eigen. In ihrem Zentrum steht die im Umfeld des Düsseldorfer Ratinger Hofs entstandene Punk-Subkultur. Nicht zuletzt dank der Nähe zu den Kreisen der Düsseldorfer Kunstakademie, speziell zur Beuys-Klasse, wurde die von Carmen Knoebel und Ingrid Kohlhöfer geführte Kneipe zu einem der interessantesten Dreh- und Angelpunkte der für die späten 1970er und 1980er Jahre emblematischen deutschen Jugendkultur Punk. Incorvaia grenzt dieselbe zunächst einmal ein: Zeitlich interessiert ihn der „klassische“ Punk, der in der Folge der Rezeption des britischen Phänomens im Verlauf des Jahres 1977 in Westdeutschland sichtbar wurde und bereits 1983 in eine Vielzahl von Subsubkulturen ausfranzte. War die soziale Zusammensetzung von Punk auch heterogen, so zeichnete er sich durch einen auffälligen Habit wie auch einen distinkten Habitus aus. Konstitutiv war insbesondere die Abgrenzung sowohl zur Mehrheitsgesellschaft als auch zum linksalternativen Milieu. Von dessen Protestkultur, von den theorielastigen Diskussionen, der politischen Korrektheit und dem Kollektivismus hatte sich jener Teil der zwischen etwa 1960 und 1965 Geborenen, die dem Punk zustrebten, deutlich entfremdet. Diese „1978er Generation“ sei, so Incorvaia, nicht nur individualistischer eingestellt gewesen als die 1968er und die daraus hervorgehenden Linksalternativen, sondern auch pessimistischer. Es war nicht zuletzt der verlorene Glaube an die politische Gestaltbarkeit von Welt, der Eingang in die Formel no future fand. Vor dem Hintergrund von Strukturwandel, Jugendarbeitslosigkeit und Terrorismus, des wachsenden Bewusstseins der „Grenzen des Wachstums“, der Gefährdung der Umwelt und der Furcht vor der zivilen Nutzung der Atomenergie sowie einem Atomkrieg sah sich die Jugend vor neuen Herausforderungen gestellt, denen sie im Punk Ausdruck zu verleihen suchte. Anfangs beschränkte sich der Protest der Punkjugend vornehmlich darauf, sich ästhetisch und habituell von der Mehrheitsgesellschaft wie vom alternativen Milieu zu distanzieren. Die Solinger Band S.Y.P.H. rechnete mit den „Lachleuten und Nettmenschen“ ab, so etwa in ihrem Song „Zurück zum Beton“: „Ekel Ekel Natur Natur/Ich will Beton pur/Blauer Himmel blaue See/Hoch lebe die Betonfee/Keine Vögel, Fische, Pflanzen/Ich will nur im Beton tanzen“. Doch nach den Jugendprotesten 1980/81 und der Verquickung mit der Hausbesetzerszene wurde Punk politisch engagierter und verstand sich als Teil des linken Spektrums. Diese zweite Welle gehört indes schon nicht mehr zum „klassischen Punk“.

Den Kern von Incorvaias Buch bilden zehn durch Oral History-Interviews erschlossene Biografien ehemaliger Angehöriger der Düsseldorfer Szene, darunter sieben Männer und drei Frauen. Im Gegensatz zu Jürgen Teipels „Doku-Roman“ „Verschwende deine Jugend“ handelt es sich bei Incorvaias Auswahl an Protagonist_innen nicht um „Prominente“, sondern um die Punkbasis, die aufgrund der oben angesprochenen d.i.y.-Kultur maßgeblich zum Gedeihen der Szene beitrug. Die biografischen Essays beleuchten den familiären Hintergrund, die Hinwendung zu Punk, das Freizeitverhalten in der Szene. Sie beschreiben, wie die Letztere allmählich die eigene Identität bestimmte und welche Faszinationskraft von ihr ausging, zumindest bis man sich, meist nach etwa fünf Jahren, von ihr entfremdete und zunehmend distanzierte. Incorvaia folgt den Lebensläufen seiner Protagonist_innen auch über diese Schwelle hinaus und zeichnet deren weiteren auch beruflichen Lebensweg nach. Hier werden, freilich durch die Brille der Erinnerung, die Lebenswelten Einzelner im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erhellt, und es sind diese Geschichten von unten, die Incorvaias Studie lesenswert machen. Hier sieht man auch über die Frage hinweg, wie aussagekräftig ein Sample von zehn Personen für die „1978er Generation“ ist.

Angreifbar macht sich Incorvaia vornehmlich dadurch, dass der Bezug zu den historiografischen Debatten fehlt, die im letzten Jahrzehnt um den Ort der 1970er und 1980er Jahre in der bundesrepublikanischen und westeuropäischen Zeitgeschichte kreisten. Seine Studie, deren Bibliografie gerade einmal dreieinhalb großzügig gesetzte Seiten Sekundärliteratur aufweist, setzt sich weder mit den Thesen zu einer Umbruchszeit „nach dem Boom“ auseinander – der Transparenz halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Rezensent der Tübinger und Trierer Forschergruppe selbst angehörte – noch mit der Pionierstudie Detlef Siegfrieds zu den Jugend- und Protestkulturen der 1960er Jahre oder Sven Reichardts Buch zum alternativen Milieu. Mit Erstaunen bewundert man die Chuzpe, mit der hier eine Dissertation im „Geist“ des Punk auf der Grundlage von nur drei sinnbildlichen Akkorden verfasst und veröffentlicht wurde. Bleibt man bei der musikalischen Analogie, so wäre abschließend festzuhalten, dass Incorvaias Buch auf virtuose Soli, aber auch auf Rockstarallüren verzichtet. „Der klassische Punk“ wird sicherlich keine Stadien füllen, aber er verdient die Aufmerksamkeit der kleinen an dieser Subkultur interessierten Gemeinde. Es handelt sich um eine verdienstvolle Mikrostudie, die anhand von zehn detailreich nachzeichneten Punk-Lebensläufen die Konturen unseres Bildes „der 1978er“ schärft.