Holland, Ben: The Moral Person of the State. Pufendorf, Sovereignty and Composite Polities, 268 S., Cambridge UP, Cambridge 2017.
Ben Holland legt eine neue Interpretation von Samuel Pufendorfs Staats- und Souveränitätsverständnis vor, von der er behauptet, sie revidiere bisherige Fehlinterpretationen. Der Leser ist daher gespannt zu erfahren, was denn bislang übersehen wurde und wie Pufendorf nun angemessener und treffender zu lesen sei. Das Thema dieser Studie ist wesentlich weiter gefasst, als das der Titel zunächst nahe legt. Pufendorfs Konzept des Staates – und hier insbesondere des Staates als moralische Person – steht im Mittelpunkt der Untersuchung, die zunächst Pufendorfs Anlehnungen in der spanischen Scholastik herausarbeitet, bevor dann auf Pufendorfs Staatstheorie eingegangen wird, gefolgt von einem längeren rezeptionsgeschichtlichen Teil, der die Aufnahme der Idee des Staates als moralische Person untersucht. Holland verfolgt mit seiner Studie ein ehrgeiziges Projekt.
Unbestritten liegt hier ein gelehrter Beitrag eines jüngeren Kollegen vor, auf dessen weitere Arbeiten man auch zukünftig gespannt sein darf. Allerdings stellt sich auch eine gewisse Enttäuschung ein. Denn was hier als revisionistische Neuinterpretation angekündigt wird, ist letztlich dem Versäumnis geschuldet, die umfassende nicht englischsprachige Forschungsliteratur zu Pufendorf (zu denken wäre an Detlef Döring, Fiammetta Palladini, Frank Grunert, Thomas Behme, Alfred Dufour, Simone Zurbuchen und viele andere) zu berücksichtigen. Holland beschränkt sich auf die auf Englisch erschienenen Studien, die in den letzten 20 Jahren auch von führenden kontinentaleuropäischen Spezialisten zu Pufendorf vorgelegt wurden. Allein durch die wichtigen Arbeiten zu Pufendorf von Michael J. Seidler, Ian Hunter und Tim J. Hochstrasser, die alle auf die fremdsprachliche Literatur in ihren (englischen) Studien eingehen, hätte Holland doch klar sein müssen, dass man diese Forschung zur Kenntnis nehmen sollte. Dies umso mehr, wenn vom eigenen Werk behauptet wird: „This is the first detailed study in any language [meine Hervorhebung] of the single most influential theory oft he modern state“.
Inhaltlich läuft die angeblich innovative These darauf hinaus, zu behaupten, man könne Pufendorfs Staats- und Souveränitätslehre nur verstehen, wenn man erkenne, dass Pufendorf in seiner Konzeption des freien Willens, die er auch auf den Staat als moral person anwende, nachhaltig von Luis de Molina und Francisco Suàrez beeinflusst worden sei. Holland wendet sich damit gegen die Auffassung, Thomas Hobbes habe Pufendorfs Staats- und Souveränitätsverständnis geprägt. Diese Interpretation, wie sie vor allem durch Palladini und ihr dann in verschiedenen Nuancierungen folgend Quentin Skinner, Hunter und vielen anderen vertreten wurde, sei durch diesen Neuansatz nun als falsch erwiesen (vgl. S. 12, 65 f.). In einem ersten Kapitel wird umständlich (ein Teil) der theologischen Diskussionen innerhalb des Katholizismus über die Willensfreiheit der Menschen referiert. Mit dem Rest der Studie ist dieses etwas mühsam zu lesende Kapitel aber nur durch die eingangs aufgestellte These verbunden, ohne doch aufzuzeigen, wo und wie es unmittelbare Bezüge zu Pufendorf gibt. Sein eigentliches Thema verliert den Fokus und scheint ihm durch häufige und unvermittelte Exkurse (vgl. z. B. auch S. 87–90) immer wieder zu entgleiten. Nun wurde die Frage des freien Willens bereits vor Suàrez und Molina von den Lutheranern kontrovers diskutiert. Bei Holland führt das zu Beginn des zweiten Kapitels zu der Behauptung, „Pufendorf deployed the Jesuit/Lutheran theroy of human liberty“ (S. 66). Es wird damit unklar, inwiefern Suàrez und Molina tatsächlich spezifisch für Pufendorf waren.
Schon allein aus Pufendorfs eigenen Schriften wird unmissverständlich deutlich, dass er den Katholizismus verwarf und nur als Bedrohung ansah. Jeder Versuch eines Ausgleichs würde in seinen Augen letztlich den Katholiken nur in die Hände spielen. Durch die wichtigen Studien von Döring wird dies bestätigt. Allein eine oberflächliche Lektüre von Döring genügt, um zu wissen, in welchem theologischen Umfeld Pufendorf seine religionspolitischen Dispute führte: Er setzte sich mit den orthodoxen Lutheranern und den Calvinisten auseinander. Auch muss Holland zugestehen, dass Pufendorf keine Schriften von Suàrez besaß, ihn in seinen eigenen Werken nur sehr gelegentlich und dann kritisch nennt und ihn auch nicht in seinem Briefwechsel erwähnt (vgl. S. 73).
In diesem zweiten Kapitel wird auf knapp 40 Seiten nun auf Pufendorfs Staatslehre eingegangen. Zutreffend wird auf die Bedeutung des Heiligen Römischen Reiches für sein Souveränitäts- und Staatsverständnis verwiesen. Dass Pufendorfs Idee einer „composite moral person“ (S. 91) den Staat am besten beschreibe, ist genauso richtig wie altbekannt. Man hätte sich in diesem Kapitel eine etwas ausführlichere Analyse gewünscht. Zu schnell wird in den zweiten Teil der Studie übergeleitet, um nun dem Einfluss Pufendorfs nachzugehen.
Im dritten Kapitel, mit dem der zweite Teil beginnt, werden knapp Christian Wolff, Emer de Vattel und Immanuel Kant untersucht, bevor dann im vierten Kapitel auf die „atlantischen“ Rezeptionszusammenhänge eingegangen wird. So interessant das ist, so hat dieser zweite Teil doch in weiten Strecken den Charakter einer Überblicksdarstellung (so etwa die Ausführungen zu Kant, zur schottischen Aufklärung oder zu Montesquieu, vgl. S. 130–143, 171–175, 176 f.). Auch würde man doch eine Erklärung erwarten können, warum diese und nicht andere Rezeptionszusammenhänge untersucht wurden. Am überzeugendsten sind im dritten Kapitel noch die Ausführungen zu Vattel und die Diskussion seiner Aufnahme und Fortentwicklung der Idee des Staates als moralischer Person (vgl. S. 120–130).
Das vierte Kapitel geht zunächst dem Einfluss nach, den Pufendorf innerhalb des Diskurses ausgeübt hat, der zur amerikanischen Unabhängigkeit von Großbritannien führte. Holland behauptet, „that there are world-historical aspects in respect of the reception of Pufendorf’s theories of state and sovereignty“ (S. 145). Mit Verweisen auf einige Schriften wird diese These untermauert (vgl. insbes. S. 155, 157, 162, 165 und 168), aber das sind letztlich doch nur einige wenige verstreute Bezüge, die Hollands Urteil doch eher als übertrieben erscheinen lassen. Auch hier hätte man sich eine detailliertere Analyse mit weiteren Nachweisen gewünscht, denn obwohl Pufendorfs Einfluss auf die amerikanischen Denker bekannt ist, fehlt bis heute eine moderne ausführliche Untersuchung zu diesem Thema. Die knappen Einlassungen über Pufendorfs Einfluss auf die schottische Aufklärung, und hier insbesondere Gershom Carmichael, Francis Hutcheson und Thomas Ried, sind dem Bemühen geschuldet, die Idee des Staates als moralische Person einmal mehr zu belegen. Diese Zusammenhänge sind aber in früheren Studien (so u. a. von Knud Haakonssen und Thomas Mautner) bereits ausführlicher untersucht worden.
Ausgehend von Otto von Gierke werden im fünften Kapitel, das den zweiten Teil dieser Studie beschließt, „Anglo-German Interpretations“ (S. 182) von Pufendorfs Konzept des Staates als moralischer Person diskutiert. Hier wird nun auch durchaus treffend und kompetent aus deutschen Schriften von Gierke zitiert, die nicht in englischer Übersetzung vorliegen. An mangelnder sprachlicher Kompetenz lag es offenbar bei der eingangs hier vorgebrachten Kritik nicht. Gierkes „Genossenschaftsrecht“ wird von Holland als „the most comprehensive history of the idea of the state as a moral person“ (S. 183) angesehen. Insofern ist es angemessen, die Untersuchung zu Pufendorf mit diesem zu Unrecht etwas vergessenen Denker zu beschließen, auch wenn man dadurch den Eindruck gewinnen kann, nun unvermittelt eine Studie zu Gierke und nicht zu Pufendorf zu lesen.
Insgesamt geht dieses Buch auf zu viele, disparate Aspekte ein und verpasst damit die Chance, einen wirklich neuen und originellen Beitrag zu Pufendorf zu leisten. Zugleich werden aber auch wichtige Stichworte gegeben, um die Forschung zu Pufendorf in neue Richtungen zu führen. Holland hat zu Pufendorf durchaus Interessantes und Wichtiges zu sagen, aber das geht bedauerlicherweise durch den Ansatz und die Struktur seiner Studie zuweilen verloren.