Hoeft, Christoph/Messinger-Zimmer, Sören/Zilles, Julia (Hrsg.): Bürgerproteste in Zeiten der Energiewende. Lokale Konflikte um Windkraft, Stromtrassen und Fracking, 284 S., transcript, Bielefeld 2017.
Ob „Gasland“ (2010), der Bremer Tatort „Wer Wind erntet, sät Sturm“ (2015) oder Juli Zehs Entfaltung ihres kritischen Gesellschaftsromans „Unterleuten“ anhand der „Exit Landschaft, enter Windpark“-Thematik (Unterleuten 2016, S. 126): Konflikte um Technologien zur Energiebereitstellung haben längst Eingang in zeitgeschichtliche Erzählungen gefunden.
Die unter dem Begriff der Energiewende gefassten Veränderungen des deutschen Energiesystems evozieren vielerorts vermehrt Proteste. Als eines der wesentlichen Themen der Zeit hat sich die sozialwissenschaftliche Konflikt- und Protestforschung in den letzten Jahren zunehmend auch abseits der Atomkraft Energiethemen im Rahmen von Umwelt- und Technikfragen zugewandt. Die Energiewende in Deutschland – seit 2011 durch den Atomausstieg befeuert – stellt dabei ein junges Forschungsfeld dar, das zunächst kartiert und abgesteckt werden muss. Dabei sind Energiekonflikte kein neues oder gar ahistorisches Phänomen, worauf die Herausgeber_innen des Bandes ihrerseits verweisen (S. 10).
Das Forschungsprojekt der Herausgeber_innen Christoph Hoeft, Sören Messinger-Zimmer und Julia Zilles vom Göttinger Institut für Demokratieforschung nimmt eben diese Bürgerproteste in Zeiten der Energiewende anhand qualitativer Methoden unter die Lupe und beschreibt Proteste gegen Windenergieanlagen, Stromtrassen und Fracking-Bohrungen in Aufbau und Struktur anhand der Befragung von Akteur_innen. Dass die Studie durch das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert wurde (2013–2016), belegt das spezifisch politische Interesse an diesem in doppeltem Sinne energetischen Untersuchungsfeld.
Ziel der Autorenschaft ist es, drei konkrete Energiewende-Projekte zu untersuchen und dabei nicht nur die Sicht der Aktivist_innen zu analysieren, sondern durch Einbezug aller Akteur_innen ein umfassendes Bild der Proteststruktur zu zeichnen. Damit soll die seitens der Politik aufgeworfene Frage beantwortet werden, ob diese Proteste demokratisierende oder aber vielmehr verhindernde Wirkung auf technologische Großprojekte entfalten. Die Fragestellung an sich ist nicht neu. Neu ist sie allerdings in Bezug auf die Energiewende und neu ist auch der vielversprechende Versuch, vermeintlich unbeteiligte, das heißt nicht-aktive Akteur_innen, in die Analyse einzubeziehen (S. 167–193).
Der allgemein gehaltenen Einleitung durch die Herausgeber_innen folgt eine übersichtliche Einführung in die drei Fallbeispiele: Stromtrasse SUEDLINK, Windenergie im Soonwald, Frackingprojekt Düste Z10 (S. 43–119). Hilfreich sind Ausführungen zu allen (un‑)beteiligten Akteur_innen der drei Energieprojekte und tabellarisch angeführte Konfliktchronologien, die den Aufbau der Ereignisse zwischen 2008 und 2015 wiedergeben.
Zusammen mit dem Fazit umrahmt diese Einführung den Hauptteil des Sammelbandes, der unter den Schlagworten „Perzeption und Perspektiven“ (S. 123–205) eine Kartierung des Protests innerhalb der drei Konfliktfelder vornimmt. Der Hauptteil liefert zunächst eine sehr deskriptive Bestandsaufnahme. Die Konfliktgeschichten werden zitatreich in aufeinanderfolgenden Abschnitten jeweils aus der Perspektive einer Akteursgruppe erzählt. Von sechs verschiedenen Autor_innen gespeist (Julia Kopp: Bürgerinitiativen; Sören Messinger-Zimmer: Politik und Verwaltung; Jonas Rugenstein: Unternehmen; Klaudia Hanisch und Messinger-Zimmer: Unbeteiligte; Hoeft: Typen der Nicht-Beteiligung; Zilles: Medien), weist dieser Abschnitt einige Redundanzen auf. Diese ergeben sich aus der Form des gesamten Sammelbandes, der in seiner Chronologie eher als Monografie daherkommt. Auch der Zuschnitt, ein und dieselbe Geschichte aus den unterschiedlichen Akteursperspektiven zu erzählen, liefert zwar umfassendes Material, ist aber durch Redundanzen in Argumentation und Zitaten sowie durch die wiederholte Rückkehr zum Ausgangspunkt der Konflikte teilweise zäh für eine chronologische Lektüre. Ein Vorteil dieser Anordnung besteht allerdings darin, dass einzelne Unterkapitel für sich stehen und gezielt gelesen werden können. Anhand der Befragungen werden Rollenverständnis, Ziele, Strategien und das Verhältnis zu anderen Akteuren verständlich und umfassend dargestellt, aufgrund des Forschungszuschnitts als ersten Entwurf jedoch noch sehr vorsichtig bewertet. Eine analytische Bereicherung bedeuten daher die dem Hauptteil angeschlossenen, strukturell als Appendix wirkenden Unterkapitel von Stine Marg zu Demokratie- und Legitimationsvorstellungen und zum Heimatbegriff (S. 207–231), die gerade in Bezug auf die übergreifende Fragestellung zu Demokratisierung und Verhinderung die Ergebnisse aus den Befragungen spezifizieren.
Es ist kein überraschender Befund, dass die eingangs gestellte Frage nach der Bedeutung der Proteste für Infrastrukturprojekte nicht eindimensional beantwortet werden kann. Um dem Rechnung zu tragen, resümieren die Herausgeber_innen übergreifende Ergebnisse in neun Thesen, die die Multiperspektivität der unterschiedlichen Sicht- und Herangehensweisen, Ziele, Erwartungen und Betroffenheiten abschließend bündeln.
Im Anhang befindet sich ein ausführliches und einschlägiges Quellen- und Literaturverzeichnis. Dementgegen verwundert es unter dem Aspekt der Wissenschaftlichkeit, dass kein nachvollziehbarer Nachweis der Interviews und Gruppendiskussionen stattfindet und der Hinweis auf eine leitfadengestützte Befragung ausreichen muss. Auch werden Zitate nicht mit Fußnoten versehen, sodass sie oftmals nicht zuzuordnen sind.
Der Verdienst des Sammelbandes liegt in der qualitativen Eröffnung eines spannenden, gesellschaftlich relevanten Forschungsfeldes. Diese ersten Ergebnisse bieten nicht nur für die Forschung, sondern darüber hinaus auch für Laien und Akteur_innen Einblicke und Ansatzpunkte für erfolgreiche Kommunikationsstrategien. Mögen die gezogenen Schlüsse an der ein oder anderen Stelle noch sehr vage unterfüttert sein, so kann man hoffen, dass diese sich in weiterführenden Forschungen auch quantitativ stärken lassen.