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Einzelrezension

Metahistory ohne meta


Abstract

Metahistroy without meta

Keywords: Review, Hildenhagen, Jan, 2017, Demokratie, Republik

How to Cite:

Huhnholz, S., (2019) “Metahistory ohne meta”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0021-6

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-06-02

Hildenhagen, Jan: Demokratie als Gefahr für die Republik. Andrew Jackson und warum die USA Tyrannen (nicht) fürchten sollten, 266 S., transcript, Bielefeld 2017.

Die seit Staatswerdung der USA periodisch dort reanimierte Wahlverwandtschaft zwischen politischer Rhetorik und Antikenreferenz ist Gegenstand zahlreicher Abhandlungen gewesen, darunter Hannah Arendts „On Revolution“ und John Pococks „Machiavellian Moment“. Dabei dominieren Topoi wie die Furcht vor einer durch Dekadenz korrumpierten Republik, die in Julius Cäsar kulminierende Hybris tugendvergessener Allmacht, die Systemtransformation in einen imperialistisch-monokratischen Reichsstaat oder – heute seltener – Glanz und Glorie römischer Weltherrschaft. Der hier angezeigte Titel nimmt diese übergroße Tradition mutig auf, fokussiert sie auf Tugendprobleme republikanischer Herrschaft und bestätigt sie exemplarisch an ausgesuchten Debatten über das politische Wirken Andrew Jacksons (1767–1845).

Das zweite der (nicht nummerierten) Kapitel schraffiert unter der Überschrift „Die Gründerväter und die Antike“ den Umstand, dass viele Mitglieder der politischen Elite der jungen USA aufgrund ihrer höheren Bildung das Faible pflegten, eigenes Handeln und aktuelle Konstellationen mithilfe antikereferentieller Deutungsmuster, insbesondere römisch-republikanischer Identitätsschablonen zu ordnen. Dabei kamen laut Jan Hildenhagen den Figuren des Cincinnatus und des Julius Cäsar oppositionelle Sonderrollen zu, insofern erstere für die wehrhafte Republik steht, letztere für das Scheitern sozialmoralischer Bürgerverbandsräson an den Verlockungen der Monarchie.

Hildenhagens drittes bis sechstes Hauptkapitel organisieren dieses Konfliktmuster von Krisenbewältigung versus Zerstörung einer Verfassungsordnung exemplarisch an Andrew Jackson, weil dieser siebente US-Präsident gleich mehrfach in Situationen geraten war, die ihn mit autokratischer Machtfülle und cäsaristischer Popularität ausstatteten. Diese hätten ihm in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen ein sprichwörtliches Überschreiten des Rubikon ebenso ermöglicht wie eine republikanische Mäßigung. Der Autor rekapituliert diese nationalgeschichtlich stets einschneidenden Situationen über eine Kongressdebatte im Nachgang des Seminolenkrieges, über die zur Parteiaufspaltung führende Präsidentschaftswahl von 1824 und die von 1828 sowie die Präsidentschaften Jacksons von 1829–1837. Zwei weitere Kapitel schließen den Band ab.

So klar diese Struktur erscheint, so unbegründet bleibt sie doch. Denn während die rekonstruierenden Fallstudien einzeln durchaus gelingen und damalige Debatten materialreich entlang des Deutungsschemas Tugend von unten versus Revolution von oben sortieren, hätte das Korsett mehr konzeptionelle Aufmerksamkeit, methodologische Reflexion und womöglich auch eine disziplinäre Verortung verdient.

Schon der nachträglich eingepflegte Gelegenheitsaufschlag, der die Figur des Donald Trump heranzieht, um die Relevanz des hintergründig sicher auf die Formel Cincinnatus-oder-Cäsar verdichtbaren Zugriffs zu beglaubigen, geht doppelt fehl. Denn einerseits gleicht Trump in nichts dem Cincinnatus-Klischee und ist für die Untiefen eines Cäsar-Vergleichs kaum qualifiziert. Andererseits ist seit einem Jahrzehnt wieder ein Abklingen der nach ‚9/11‘ zeitweise allgegenwärtigen Selbstreferentialisierungen im Spiegel amerikanisierter Antike-Imaginationen zu konstatieren. So ist hinsichtlich Trumps gar nicht die Cincinnatus-Cäsar-Achse plausibel, sondern allenfalls die – von Hildenhagen leider nur angedeutete – Selbststilisierung Trumps als Jackson. Erst dieser Vergleich hätte sich dann günstig zum im Buchtitel adressierten Problem Demokratie versus Republik verhalten, jener von Alexis de Tocqueville vielleicht nicht zufällig in der Jackson-Ära erstmals skizzierten Herausforderung für moderne Republiken, massendemokratische Launen zu moderieren.

Vorausgesetzt daher, Hildenhagens in der Forschungsliteratur von Meyer Reinhold über Wilfried Nippel bis Caroline Winterer nicht eindeutiges Leitmotiv träfe zu, wonach die Antike seit jeher ein ungebrochen populäres Menetekel innenpolitischer Debatten in den USA sei, wäre wenn überhaupt doch zu fragen, warum Trump so selten als Cäsar verunglimpft wird. Rückgriffe auf Maria Wykes Studien zur Cäsar-Verwendung in der Moderne hätten hierbei geholfen, womöglich auch Nigel Hamiltons neo-suetonistische „American Caesars“. Durch Verzicht auf den feuilletonistischen Einstieg jedenfalls hätte das Auftaktkapitel über „Die Gründerväter und die Antike“ den Anlass der Arbeit – eine diskursanalytische Forschungslücke bezüglich Jacksons mutmaßlicher Eignung als massendemokratisches Tyrannenklischee neo-antiker Machart – souveräner plausibilisiert.

Gleichwohl überzeugt auch für sich genommen der in besagtem Kapitel gesetzte Rahmen methodisch nicht. Der Autor schwankt zwischen einem modelltheoretischen und einem diskursanalytischen Zugriff auf Jackson beziehungsweise auf dessen öffentliche Darstellung. Aristotelische Verfassungstypologie, der Verfassungskreislauf und im republikanischen Rom in Umlauf gebrachte Interpretationen institutioneller Pluralität als Mischverfassung werden dabei leichtfertig gekreuzt ohne zu fragen, ob oder wie diese komplexen Modelle sich diskursiv darstellen. Dass sie sich dem der reichlich metahistorische Populismus von frugal-republikanischer Sittlichkeit à la Cincinnatus versus urban-oligarchischer Dekadenz à la Cäsar fügen sollte, ist kaum anzunehmen.

Die teils sehr lesenswerten und stets informationsgesättigten Einzelfallstudien im mittleren Buchteil müssen an dieser Kritik freilich keinen Schaden nehmen, zumal sie, ganz anders als das Buchskelett, verdeutlichen, wie sehr doch Cincinnatus und Cäsar Chiffren viel konkreterer Vorstellungen waren: für den jungen George Washington und den arkanen Cincinnatus-Orden im einen, für Alexander, Oliver Cromwell und den ersten Napoleon beispielsweise im anderen Fall.