Grimmeisen, Julie: Pionierinnen und Schönheitsköniginnen. Frauenvorbilder in Israel 1948–1967, 389 S., Wallstein, Göttingen 2017.
Zum 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel erinnerte der FAZ-Korrespondent Jochen Stahnke an die Vision, die dem Staatsgründer David Ben Gurion bei seiner Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 vorschwebte: Israel sollte zu einem Schmelztiegel werden, in dem sich unter dem Leitbild des „Neuen Juden“, einer Art „säkularem sozialistischen Pionier, der sich durch körperliche Arbeit das Land zu eigen macht“, eine Nation herausbildet (Jochen Stahnke: 70 Jahre Israel – Ein gespaltenes Land, FAZ-Online-Ausgabe vom 14.05.2018).
Julie Grimmeisen zeigt in ihrer Studie „Pionierinnen und Schönheitsköniginnen. Frauenvorbilder in Israel 1948 bis 1967“, dass an der Etablierung eines nationalen Selbstverständnisses weibliche Identifikationsfiguren neben den – bekannteren – männlichen Rollenvorbildern großen Anteil hatten. Ausgehend von den Konzepten, die Nationen als „Artefakte menschlicher Überzeugungen“ (Ernest Gellner) und „imaginierte Gemeinschaften“ (Benedict Anderson) auffassen, sowie Ansätzen aus der Frauen- und Geschlechterforschung, konstatiert die Autorin, dass „das Geschlechtsverständnis und das dazugehörige Geschlechterverhältnis“ zu „den wichtigsten Konstruktionsbausteinen bei der Vorstellung der Nation – neben ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder Klasse“ – gehören (S. 18).
Nicht nur in der israelischen Öffentlichkeit und Erinnerungskultur ist das im eingangs zitierten FAZ-Artikel erwähnte männliche Idealbild des „Neuen Juden“ als nationale Identifikationsfigur präsent. Auch die historische Forschung hat sich ausführlich damit befasst. Die Ergebnisse fasst Grimmeisen prägnant zusammen: Mit den Attributen stark, stolz, mutig, wehrhaft bildete der „Neue Jude“ das Gegenmodell zum schwächlichen, schmächtigen „Ghettojuden“ der Diaspora. Ihren Ursprung hatte diese Vorstellung in der zionistischen Bewegung. Sie verband das Konzept des „Muskeljuden“ mit dem in Besitz zu nehmenden Land, mit dem der „Neue Jude“ sich in einer quasi erotischen Beziehung vereinte. In Kombination mit den sozialistischen Ideen der Einwanderer aus Ostmittel- und Osteuropa entstand so das Bild des Chaluz, des landwirtschaftlich tätigen, im Kollektiv lebenden, hebräisch sprechenden Pioniers, der im Zuge der militärischen Auseinandersetzungen mit der arabischen Bevölkerung Palästinas zum Freiheitskämpfer und Verteidiger der Nation wurde. Wenngleich in Erez Israel nur eine Minderheit tatsächlich nach diesen Vorstellungen lebte, besaßen sie doch hohe Strahlkraft auf das nationale Selbstverständnis.
Wo aber war der Platz der Frauen in der entstehenden nationalen Gemeinschaft? Welche Vorbilder, welche Identifikationsangebote existierten für sie? Blieben Frauen „im Schatten der heldenhaften männlichen Kämpfer“ und „bei der Repräsentation der Nation ausgeschlossen“ (S. 25)? War die jüdische Nation ein „im Wesentlichen männliches Projekt mit ausschließlich nationaler Verehrung für den idealen Mann“ (S. 26)? Grimmeisen geht diesen, für ihren Untersuchungszeitraum noch nicht bearbeiteten Forschungsfragen anhand weiblicher Vorbildfiguren in zwei Frauenzeitschriften nach: der sozialistisch orientierten „Dvar HaPoelet“ (Wort der Arbeiterin) und der bürgerlich-kommerziellen „LaIscha“ (Für die Frau). Letztere verdankte ihren Erfolg maßgeblich der Ausrichtung von Schönheitswettbewerben. Um die Frauenbilder der beiden Zeitschriften in einen breiteren diskursiven Kontext einzuordnen, wertet die Autorin eine Fülle weiterer Quellen aus: Tageszeitungen, Wochenmagazine, Wochenschauen im Kino, (Auto‑)Biografien, Pressefotografien, Filme, Werbung, Broschüren von Frauenorganisationen.
Auf den ersten Blick wirken die Leitbilder für Frauen als Gegensätze par excellence: Auf der einen Seite stand die in der „Dvar HaPoelet“ poträtierte Chaluza, die Pionierin der Aufbaugeneration, Gefährtin des Chaluz, die für Werte der zionistisch-sozialistischen Bewegung wie harte Arbeit, Erfüllung der häuslichen Pflichten, Bescheidenheit, Opferbereitschaft, und die – zumindest nach außen hin propagierte, im Inneren aber nicht realisierte – Gleichberechtigung der Geschlechter eintrat. Vertreterinnen dieses Frauenideals waren beispielsweise Henrietta Szold, Gründerin der amerikanisch-zionistischen Frauenorganisation Hadassah, in Palästina dann Leiterin der Kinder und Jugendalija, oder Manja Schochat, die sich vor Ihrer Auswanderung in der jüdischen Arbeiterbewegung des Zarenreiches engagiert hatte und später sowohl die Kibbuz-Bewegung mitbegründete als auch die Hagana, die militärische Untergrundorganisation, aus der nach der Staatsgründung die Israelischen Streitkräfte hervorgingen. Auf der anderen Seite propagierte die kommerziell ausgerichtete Frauenzeitschrift „LaIscha“ ein städtisch-bürgerliches Frauenbild, geprägt von strahlender Schönheit, körperlichen Reizen, Modebewusstsein, dem Streben nach Wohlstand und dem Traum von einem besseren Leben, im Gegensatz zur entbehrungsreichen Realität der Gründerjahre. Sinnbild dieses Traums waren die Schönheitsköniginnen, deren Wahl das Magazin regelmäßig organisierte. In der historischen Entwicklung verschob sich die Gewichtung allmählich in Richtung des letzteren Frauenbildes, was alleine an den Auflagenzahlen der Zeitschriften abzulesen ist. Bis heute sind die beiden Bilder aber in Grundzügen präsent in der öffentlichen Wahrnehmung.
So konträr die weiblichen Identifikationsfiguren erscheinen, so waren sie, wie Grimmeisen herausarbeitet, auch von zahlreichen Gemeinsamkeiten gekennzeichnet: Beide Zeitschriften schworen ihre Leserinnen auf die Pflichten der Frauen im Dienste der Nation ein. Dazu gehörte die Idealisierung der Mutterschaft, die Mehrung der jüdischen Bevölkerung, die Fürsorge für Mann und Kinder, die Hilfe bei der Integration von Neubürgern, die Tätigkeit in sozialen Berufen wie Krankenschwester, Erzieherin oder Lehrerin, der Beitrag zur Landesverteidigung als Soldatin. Frauen halfen mit beim Aufbau des Gemeinwesens, bei der Urbarmachung des Landes, der Erziehung der jungen Generation. Sie traten auf als Botschafterinnen des Friedens, wurden gezeichnet als liebevolle, charmante Gesichter des jungen Staates und dienten somit als Werbeträgerinnen auf internationaler Bühne. Die „schöne Israelin“ entsprach in Anmut und Auftreten dem westlichen Schönheitsideal, trug aber auch Züge, die als genuin „hebräisch“ galten: dunkles Haar, sonnengebräunte Haut, mit orientalischen Mustern bestickte Kleidung, einen im Wehrdienst trainierten athletischen Körper.
Anhand dieser sowohl konkurrierenden als auch sich überlappenden Frauenbilder kann, mit Grimmeisen gesprochen, „die komplexe Realität der jungen israelischen Gesellschaft nachvollzogen werden“ (S. 366), ebenso wie die prägende Kraft von Frauenbildern „für das Selbstverständnis der nationalen Gemeinschaft“ (S. 370). Wie die Autorin an mehreren Stellen unterstreicht, existierten im nationalen Diskurs neben Vorbildern auch negative Projektionsflächen für die Abgrenzung des „Eigenen“ vom „Anderen“: Frauen aus der Gruppe der Mizrachim, die aus dem arabischen Raum zugewandert waren, galten ebenso wie ultra-orthodoxe oder arabisch-palästinensische Frauen als „primitiv“ und „unsauber“, als Bedrohung der zivilisierten Gesellschaft, wenngleich hier immer wieder erfolgreich angepasste Vertreterinnen als ideale Ausnahmen dargestellt wurden – bis hin zur Miss-Kür.
Es wäre, gerade mit Blick auf die gesellschaftliche Situation im heutigen Israel, wünschenswert gewesen, Grimmeisen hätte letzteren Punkt im Hinblick auf langzeitige Folgen noch weiter ausgeführt. Wie sie selbst betont, gehen nationale Identitätskonstruktionen mit klaren Abgrenzungen einher: „Wir“ – die „Anderen“, das „Eigene“ – das „Fremde“. Gelingt es der Autorin auf der einen Seite überzeugend darzulegen, wie sich am Beispiel der Frauenvorbilder nationale Diskurse in Vor- und Schreckbildern manifestieren, so bleibt auf der anderen Seite die Frage nach der Wirkungsmächtigkeit der Bilder offen. Dienten sie als stabilisierender gesellschaftlicher „Kitt“, oder trugen sie durch klar definierte Einschluss- und Ausschlusskriterien dazu bei, Spaltungs- und Entfremdungsprozesse voranzutreiben?
Neben diesem inhaltlichen beziehungsweise methodischen Einwand fallen ein paar wenige Kleinigkeiten auf, wo das Buch etwas sorgfältiger gearbeitet sein könnte: Im Literaturverzeichnis existiert nach Auflistung der Archive, Zeitungen, Zeitschriften und Filme lediglich die Rubrik „Bücher, Aufsätze und andere Quellen“, was eine Differenzierung der Texte nach Quellen und Sekundärliteratur schwierig macht. Ebenso wäre ein Namensregister hilfreich.
Insgesamt ist Grimmeisen jedoch eine gut lesbare, überzeugend argumentierende Studie gelungen. Ihre Darstellung beruht auf einer Vielzahl von Quellen und fundierten theoretisch-methodischen Überlegungen, die die Autorin nicht nur in der Einleitung klar und pointiert präsentiert, sondern auch nochmals in den thematischen Kapiteln aufgreift und vertieft. Sehr ansprechend ist auch der Aufbau der Untersuchung, der sich an Leitthemen orientiert, aber auch die chronologische Entwicklung berücksichtigt. Stets behält Grimmeisen bei der Interpretation ihrer Befunde auch den sozialen und politischen Kontext im Auge. Besonders hervorzuheben ist die schöne Illustration des Buches durch treffend ausgewählte Fotografien. So sorgen Inhalt, Text und Bebilderung für eine sehr anregende Lektüre.