Flachowsky, Sören/Hachtmann, Rüdiger/Schmaltz, Florian (Hrsg.): Ressourcenmobilisierung. Wissenschaftspolitik und Forschungspraxis im NS-Herrschaftssystem, 631 S., Wallstein, Göttingen 2017.
In der jüngeren Wissenschaftsgeschichte zum Nationalsozialismus besteht aufgrund zahlreicher empirisch gesättigter Studien inzwischen Konsens darüber, dass Politik und Wissenschaft als „Ressourcen für einander“ (Mitchell G. Ash) anzusehen sind. Es ist darüber hinaus davon auszugehen, dass die enorme Dynamik des Nationalsozialismus und eine vor allem im Krieg immer enger werdende Verflechtung der gesellschaftlichen Teilbereiche einen „politisch-militärisch-ökonomisch-wissenschaftlichen Komplex“ (S. 16) hervorgebracht hat. Vor diesem Hintergrund geben drei Kenner der Materie – Sören Flachowsky, Rüdiger Hachtmann und Florian Schmaltz – den hier zu besprechende Sammelband heraus, der auf eine internationale Tagung zurückgeht, die im Februar 2015 stattfand. Er umfasst neben der Einleitung der Herausgeber und einer abschließenden Reflexion von Ash 14 Beiträge von ausgewiesenen Experten. Am Ende steht eine fast 50 Seiten starke Gesamtbibliografie und ein hilfreiches Register, das Personen sowie Firmen- und Institutionen umfasst.
Der fast schon programmatische Titel „Ressourcenmobilisierung“ macht die Intention des Bandes deutlich: Das Feld von Wissenschaftspolitik und Forschungspraxis im NS-Regime, vor allem während der Zeit des Zweiten Weltkrieges, soll neu beleuchten werden. Gefragt wird nach der internationalen Entwicklung der Wissenschaften im besetzen Europa sowie nach dem von Deutschland forcierten Ressourcentransfer in die beziehungsweise aus den überfallenen oder kooperierenden Ländern. In welchem Ausmaß und wie genau eignete sich die deutsche Kriegsforschung die dortigen Ressourcen an? Zudem: Gab es – analog zur Konzeption einer NS-„Großraumwirtschaft“ eine solche zur von Deutschland dominierten „Großraumwissenschaft“ (S. 20)? Diesen Fragen gehen die Beiträge nach.
Da der Fokus auf der Forschungspraxis liegt, werden die Ressourcengewinne für die deutsche Wissenschaft ebenso deutlich wie die sich mehrfach schubartig erweiternden Handlungsspielräume der beteiligten Akteure und Institutionen. Als Zäsuren, in denen erhebliche „Expansions- und Mobilisierungspotentiale“ (S. 21) steckten, zeichneten sich 1933, 1936/37, 1938, die zweite Jahreshälfte 1941 sowie die Jahreswende 1942/43 ab. Dann jedoch ging der Einfluss zurück oder verlor sich ganz. Gezeigt wird dies für unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen. Hachtmann widmet sich übergreifenden Entwicklungen eines NS-Großraumdenkens im Bereich der Wissenschaft während Petra Svatek am Beispiel der Wiener Raumforschung konkretisiert, dass und wie das südöstliche Europa als Forschungsraum konzipiert wurde.
Zwei Beiträge beschäftigen sich mit den Kolonialwissenschaften: Karsten Linne zeigt, wie eng diese 1933 noch wenig etablierte Forschungsrichtung bald mit der Universität und Stadt Hamburg verwoben war, und Holger Stoecker deckt die Pläne der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung des Reichsforschungsrates für ein Afrika als „kolonialem Ergänzungsraum“ eines von NS-Deutschland dominierten Europas auf, die bis 1943 für durchführbar gehalten wurden. Auch die Geschichtswissenschaft trug zur Mobilisierung bei, wie Peter Schöttler am Beispiel der historischen Westforschung beleuchtet. Zudem nutzten Historiker und Archivare den Krieg, um Bestände etwa aus französischen Archiven und Bibliotheken abzutransportieren.
Dann folgen Beiträge zur Geografie und Geologie: Kathrin Baas beleuchtet am Beispiel der Universität Münster die Forschungspraxis der Geografen, die ihr Wissen in den Dienst der nationalsozialistischen Raumplanung und Siedlungspolitik stellten, und Christoph Roolf schreibt über die Entwicklung der Erdölförderung von 1927 bis 1945. Eine zentrale Rolle für den Ressourcentransfer spielten auch – wie Helmut Maier eindrucksvoll zeigt – die Chemie beziehungsweise die Chemiker sowie die Luftfahrtindustrie, deren Aktivitäten von Lutz Budrass und Schmaltz analysiert werden. Im Bereich der Rohstoff- und Ersatzstoffforschung untersucht Jonas Scherner die Tonerdeproduktion und Flachowsky schreibt über die Suche nach alternativen Kraftstoffreserven. Ulrike Thoms beschreibt, wie die Fütterungswissenschaft als Ressource zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion mobilisiert wurde, und Paul Weindling gibt einen profunden Überblick darüber, in welchem Ausmaß, wie und mit welchen Intentionen respektive Interessen Wissenschaftler Kranke, Behinderte, Kriegsgefangene und Konzentrationslagerhäftlinge als Versuchsobjekte für ihre Forschung missbrauchten.
Am Ende des Buches steht der erwähnte Beitrag von Ash, der die Ausgangsfragen aufnimmt und grundsätzliche Reflexionen zum Ressourcenansatz anstellt. Insgesamt stellt der Band einen wichtigen Neuansatz im Forschungsfeld zur NS-Wissenschaftspolitik und Forschungspraxis dar, dem man nur wünschen kann, dass weitere empirische Untersuchungen folgen.