Bleidick, Dietmar: Die Ruhrgas 1926 bis 2013. Aufstieg und Ende eines Marktführers, 648 S., De Gruyter, Berlin u. a. 2018.
Spätestens seit der Energiewende 2011 stehen wieder zentrale Fragen der Versorgungssicherheit etwa im Umfeld internationaler Gaslieferungen, Sicherheitsfragen von Atomkraftwerken oder die Rolle der erneuerbaren Energien im Zentrum des öffentlichen Interesses. So schließt die erste umfassende Studie zur Geschichte des Gasversorgers Ruhrgas von Dietmar Bleidick nicht nur eine Forschungslücke. Sie vermittelt darüber hinaus tagesaktuell die Entwicklung einer Branche, deren Existenz fortlaufend von Wendepunkten gekennzeichnet war.
Im ersten Teil zeichnet Bleidick die detaillierte Gründungsgeschichte nach: So sei die Gründung der „Aktiengesellschaft für Kohleverwertung“ im Jahr 1926 in erster Linie ein Ergebnis der in diesem Zeitraum forcierten Verbundwirtschaft von Kohle und Stahl gewesen und stellte den Beginn der Ferngasversorgung in Deutschland dar: Sie sollte insbesondere über den Vertrieb des Nebenproduktes Kokereigas zusätzliche Einnahmequellen als „eigenständiges Handelsunternehmen“ (S. 566) generieren. Die Ruhrgas stieg laut Autor mit diesem Modell bereits zehn Jahre nach ihrer Gründung zum Marktführer auf. Aufgrund der hohen Nachfrage herrschte über den gesamten Zeitraum von der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung bis weit in die Nachkriegszeit hinein eine permanente „Mangelverwaltung“ (Kap. 2), so seine zentrale These. Nicht zuletzt durch die engen personellen Verbindungen zum Regime und ihre Rolle für die Versorgung mit Energie (vor allem für die nationalsozialistische Aufrüstung) sei die Ruhrgas politisch im Nationalsozialismus nahezu unangetastet geblieben – die ökonomischen Ziele zentralisierter Strukturen wurden vielmehr gefördert. Ihre komplizierte Stellung zwischen Ruhrbergbau und Stahlindustrie sowie ihre „Funktion als öffentliches Versorgungsunternehmen“ (S. 155) schützten sie dann nach den Ergebnissen Bleidicks auch weitgehend vor der strukturellen Entflechtung der Alliierten nach Kriegsende. Vielmehr habe das Unternehmen seit den 1950er Jahren unter ökonomischem Druck gestanden, der andauernden Mangellage zu entkommen und den endgültigen Wandel vom „Energieverteiler zum Energieversorger“ (S. 570) zu vollziehen.
Im dritten Kapitel identifiziert der Autor den ersten großen Strukturwandel mit der Umstellung auf die Erdgasversorgung bei der Ruhrgas seit den 1960er Jahren: Mit den Erdgasvorkommen in Algerien und den Niederlanden richtete sich nun der Blick auf zusätzliche Versorgungsquellen. Dazu seien umfassende technische Neuerungen wie die Umstellung der Gasanschlüsse sowie eine Neuausrichtung der Firmenpolitik gegenüber neuen Interessensvertretern nötig geworden. Diese wachsende Internationalisierung der Gasversorgung führte die Unternehmensführung laut Bleidick zunehmend auch auf (außen‑)politisches Terrain: Das Unternehmen wurde damit spätestens in den 1970er Jahren „zu einem bedeutenden wirtschafts- wie außenpolitischen Faktor“ (S. 573). Mit diesem zweiten großen Strukturwandel der Gaswirtschaft entwickelte es sich demnach endgültig zur „Drehscheibe des europäischen Erdgasverbundes“ (Kap. 4). Lieferverträge mit der Sowjetunion und Norwegen sowie Verhandlungen mit Algerien und dem Iran hätten dabei nicht nur die (außen‑)politische Dimension der Energieversorgung im Kalten Krieg gekennzeichnet, sondern verdeutlichten auch die wachsende Internationalisierung des Unternehmens selbst.
Daran anschließend untersucht das fünfte Kapitel die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung und des Endes der Sowjetunion. Mit der Europäischen Gemeinschaft trat zugleich ein starker Akteur mit neuen Interessen gegenüber der Energiewirtschaft auf den Plan. Sie leitete, so der Autor, eine Liberalisierung der Märkte ein, die die „etablierten Marktstrukturen und damit das Geschäft der Ruhrgas“ zunehmend „unter Druck“ (S. 576) setzte. Zwar sei nach der Wiedervereinigung ein relativ früher Eintritt in den sich öffnenden (ostdeutschen) Markt gelungen. Zugleich habe der börsennotierte Gashandel eine neue Stufe der Gaswertschöpfung geschaffen: Das Unternehmen war demnach zunehmend gezwungen, selbst im liberalisierten Endkundengeschäft zu konkurrieren und sich zu einem „vertikal integrierten Versorgungsunternehmen“ (S. 447) zu wandeln. Dies mündete schließlich 2003 in die Übernahme durch die E.ON AG. Mit neuen Verträgen über russische Gasimporte und damit verbundenen infrastrukturellen Investitionen (Nord-Stream-Pipeline) schien der Unternehmensumbau zwar zunächst erfolgreich (Kap. 6). Doch mit der Konzentration des Mutterkonzerns auf den Elektrizitätsbereich sowie durch die externen Einflüssen von wachsender Marktliberalisierung und der politisch induzierten Energiewende sei „die E.ON Ruhrgas innerhalb des Konzerns zunehmend in die Rolle eines Auslaufmodells“ (S. 579) geraten. Sie wurde schließlich zehn Jahre nach ihrer Übernahme von der Muttergesellschaft zugunsten des eigentlichen Kerngeschäftes teilweise veräußert und aufgelöst.
Die insgesamt sehr detaillierte Studie vermittelt insbesondere für die Zeit zwischen den 1920er und 1980er Jahren tiefe Einblicke in die Unternehmenspolitik auf Vorstands- und Aufsichtsratsebene. Die langfristige Perspektive vom „Aufstieg“ bis zum tatsächlichen „Ende“ der Ruhrgas im Jahr 2013 öffnet aber zugleich noch vielversprechenden Raum für weitere Forschungen sowohl aus zeithistorischer Perspektive (in Abgleich mit öffentlichen Quellen spätestens seit der Wiedervereinigung, insbesondere auch auf europäischer Ebene) als auch für inhaltliche Fragen etwa nach der Betriebspraxis, Belegschaftsangelegenheiten, technischen Innovationen oder Sicherheit und Umwelt.
Mit Blick auf die Leserfreundlichkeit wäre eine deutlichere Hierarchisierung von (Teil‑)Kapiteln für die inhaltliche und zeitliche Orientierung in diesem sehr detaillierten Werk äußerst hilfreich gewesen. Diese formale Randnotiz verdeutlicht aber zugleich den Wert der Arbeit als Kompendium einer bislang überraschenderweise kaum berücksichtigten Branchen- und Unternehmensgeschichte. Was bleibt, ist vor allem der Eindruck einer wechselhaften Geschichte von Umbrüchen im Unternehmen, der Branche und der Politik mit einer zeitweise glücklichen bis erstaunlichen Wandlungsfähigkeit der Ruhrgas über fast ein ganzes Jahrhundert hinweg.